Arnold Schölzel
Der gutgelaunte Konferenzmoderator Dr. Seltsam verkündete
gegen 19.20 Uhr am Sonnabend: »Wir haben einen neuen
Besucherrekord – 2000 Leute drinnen, 2000 Leute draußen
und 5000 Polizisten vor dem Gebäude«. Die Zahlen waren
leicht übertrieben, aber richtig ist: Mit 2200 Gästen war
die Rosa-Luxemburg-Konferenz 2011 so gut besucht wie keine zuvor.
Während der mit enormem Beifall aufgenommenen Rede der
Linksparteivorsitzenden Gesine Lötzsch (siehe Seiten 4/5)
mußte der Saal der Berliner Urania wegen
Überfüllung gesperrt werden, so daß viele Besucher
das Geschehen dort nur über die zahlreichen Monitore im
Gebäude verfolgen konnten. Das Aufgebot an staatlichen
Ordnungshütern entsprach einer Bürgerkriegslage.
Antikommunismus wirkt: Einige Hoffnungsträger des
Anti-Islamvereins »Pro Deutschland« wurden von den
Uniformierten auf Distanz gehalten. Die wiederum verhinderten eine
körperliche Auseinandersetzung zwischen vor dem Gebäude
aufmarschierten »Opfern des Stalinismus« und dort
anwesenden Neonazigegnern nicht. Die wie stets bei solcher
Gelegenheit zufällig anwesenden Fernsehteams hatten die
für sie wichtigsten Bilder des Tages im Kasten.
Nahostkonflikt
Das Gesamtangebot der Konferenz interessierte die rund 140
akkreditierten Pressevertreter ohnehin nicht. Die Besucher folgten
allerdings anderen Kriterien als sie. Bereits zum Beitrag des
ersten Referenten, des Soziologen und Historikers Moshe Zuckermann
aus Tel Aviv, füllte sich der Konferenzsaal. Zuckermann
knüpfte an Rosa Luxemburgs Einsicht an, daß »der
Kapitalismus als Imperialismus der Kriege bedarf, wie uns George W.
Bush im vergangenen Jahrzehnt« gelehrt habe. Die
Grundstruktur des Nahostkonflikts lasse sich von daher begreifen.
Der Redner nannte für ihn zwei Hauptursachen: Die
Nationalstaatsidee, die der Zionismus in anomaler Form aufgegriffen
habe – ohne Staat, ohne Kollektiv und ohne Sprache. Zweitens
das Resultat des Ersten Weltkrieges mit den Völkerbundmandaten
für Großbritannien und Frankreich in der Region, die aus
der »Logik des Kolonialismus und Imperialismus« heraus
von den beiden Mächten ausgeführt wurden. Sie hätten
einen Territorialkonflikt hinterlassen. Den aber habe
religiöser Fundamentalismus in Israel und auf
palästinensischer Seite »kontaminiert«.
Palästina sei derzeit nicht so konsolidiert, daß es
Verhandlungspartner sein könne, Israel aber wünsche keine
Verhandlungen. Zu erhoffen sei eine Befriedung, die reale soziale
Kämpfe wieder möglich mache. Zuckermann warnte davor,
sich durch Antisemitismusvorwürfe deutscher Medien von Kritik
an Israel abschrecken zu lassen. Allerdings sei zu beachten: Juden,
Zionismus und Israel seien ebenso drei verschiedene Dinge wie
Antisemitismus, Antizionismus und Israelkritik.
Der Generalsekretär der nordirischen Gewerkschaft des
öffentlichen Dienstes (NIPSA), Brian Campbell, und Christos
Katsotis, Mitglied des Sekretariats der griechischen
Gewerkschaftsvereinigung PAME, berichteten in einem zweiten
Vortragsblock über die Versuche ihrer Organisationen, die
verheerenden Auswirkungen des neoliberalen Krisenmanagements auf
die Lebenslage der Bevölkerung ihrer Länder abzuwehren.
Campbell stellte heraus, daß Nordirland de jure nicht
souverän sei und die Republik Irland ihre
Souveränität an Europäische Zentralbank und
Internationalen Währungsfonds verloren habe. Die neue Londoner
Regierung setze unmittelbar den »Klassenkrieg« fort,
der seit den Zeiten der Premierministerin Margaret Thatcher im
Vereinten Königreich von oben geführt werde. In Irland
bezahlten die einfachen Menschen für Bankenrettung und die
Krise insgesamt durch harte Einschnitte in ihre Einkommen. Der
Redner verwies auf jene Länder Lateinamerikas als Vorbild, die
wie Kuba oder Venezuela es geschafft hätten, ihre staatliche
Unabhängigkeit zu wahren – zugunsten der
Bevölkerung. Katsotis charakterisierte die Krise als
»Ausdruck einer parasitären Produktionsweise« und
schilderte das Engagement von PAME (»ziviler Ungehorsam und
Unbeugsamkeit«) in den Kämpfen gegen die von außen
auferlegte Kürzungspolitik. Die Rede vom Staatsbankrott sei
eine Formel, um von Arbeitslosigkeit, Rentenkürzungen und
anderen Maßnahmen zur Verminderung von Familienbudgets
abzulenken.
Alternative Außenpolitik
Der ungarische Philosoph und Politiker Gáspár
Miklós Tamás widmete sich in seinen Ausführungen
einem zentralen Gedanken: »Es ist zu spät, die
bürgerliche Demokratie zusammen mit bürgerlichen
Kräften retten zu wollen. Das geht nur mit einer starken,
selbstbewußten Linken.« Er bezog diese Marschroute
ausdrücklich nicht nur auf Ungarn, wo mit »links«
in der Bevölkerung derzeit nur Privatisierung jeglichen
staatlichen Eigentums, Freihandel, Unterstützung des
Afghanistan-Krieges und Senkung aller Sozialausgaben verbunden
werde, sondern auf die entwickelten kapitalistischen Länder
insgesamt.
Über konkrete Alternativen zu den Zielen heutiger
imperialistischer Außenpolitik sprach als letzter Referent
vor der Podiumsdiskussion der Exminister Venezuelas David
Velásquez, derzeit Botschafter seines Landes in Teheran. Die
Integrationsmechanismen, auf die sich eine Reihe von Ländern
Südamerikas geeinigt hätten, seien darauf ausgerichtet,
neue Strukturen in den internationalen Beziehungen souveräner
Staaten zu etablieren und daher den »betrügerischen
Projekten des Imperialismus« entgegengesetzt. Aus Sicht
Venezuelas dienten die Bemühungen auf diesem Gebiet dem Ziel,
»eine multipolare Weltordnung durchzusetzen und verschiedene
Sozialismen« zu etablieren. Das fordere die USA und die EU zu
Kampagnen heraus, in denen die Realität der Verhältnisse
in seinem Land verzerrt werde. Bei allen Fehlern gehe es darum
klarzustellen, daß Großmächte nicht das Recht
haben, anderen Ländern ihren Entwicklungsweg
vorzuschreiben.
Ergänzt und illustriert wurden diese klaren Ansagen, wie auf
Rosa-Luxemburg-Konferenzen üblich, durch kurze Statements zu
konkreten Ereignissen und Personen: Toni Köhler-Terz
berichtete über die neugegründete Assoziation
antikapitalistischer Künstler, der Pressesprecher der
Stuttgarter »Parkschützer«, Matthias von Hermann,
rief zur Teilnahme an der nächsten Großdemonstration
gegen »Stuttgart 21« am 29.Januar und zum bundesweiten
Aktionstag an allen Hauptbahnhöfen am 5.Februar auf. Rolf
Becker erläuterte die Situation des in einer US-Todeszelle
gefangenen Mumia Abu-Jamal und plädierte eindringlich,
einmütig für dessen Befreiung zu kämpfen; eine
Vertreterin der Roten Hilfe warb für konkrete Solidarität
mit politischen Gefangenen. Verleger Willi Baer stellte die
Vorhaben der »Bibliothek des Widerstandes« vor, Thomas
Rudek forderte zur Teilnahme am Volksentscheid über die
Veröffentlichung der Geheimverträge zwischen dem Land
Berlin, RWE und Veolia Wasser – einschließlich aller
Nebenabsprachen – am 13. Februar auf. Zwei Höhepunkte
des Tages: Eine Liveschaltung zur Großdemonstration im
baskischen Bilbo (Bilbao) für politische Gefangene und die
Worte an das Auditorium von Irma Sehwerert Mileham, der Mutter von
René González, einem der in den USA nach einem
politisch gelenkten Verfahren inhaftierten Cuban Five.
Von all dem bekamen die sogenannten Medienvertreter wenig mit. Ihre
»Berichterstattung« meidet die Wiedergabe von
Argumenten.