Rüdiger Göbel
Die Linke-Vorsitzende Gesine Lötzsch steht ob ihres
jW-Artikels
Wege zum Kommunismus (junge Welt, 3. Januar
2011) in Vorbereitung der diesjährigen
Rosa-Luxemburg-Konferenz massiv unter Beschuß, medial wie in
der Partei. Am Freitag rügte der Fraktionschef der Linken im
Bundestag, Gregor Gysi, ihren Debattenbeitrag: »Als Politiker
muß ich berücksichtigen, daß andere unter dem
Begriff Kommunismus Stalin verstehen oder an die Mauer
denken.« Ziel der Linken sei der demokratische Sozialismus.
Letzteres ist allerdings politische Kernaussage im
Lötzsch-Beitrag.
Hans Modrow, Sprecher des Ältestenrats der Linkspartei, wird
in der Zeitung Die Welt (Freitagausgabe) mit den Worten zitiert:
»Die Linkspartei sollte nicht hinter den XX. Parteitag der
KpdSU zurückfallen, auf dem Stalins Verbrechen mit deutlichen
Worten verurteilt wurden.« Über das Springerblatt
äußert sich zudem ein – namentlich nicht genannter
– »ranghoher Funktionär« der sogenannten
Reformer in der Linkspartei über die Veranstaltung an diesem
Samstag: »Der frühere Parteichef Lothar Bisky und der
Fraktionsvorsitzende Gregor Gysi haben die Rosa-Luxemburg-Konferenz
aus guten Gründen gemieden. Erst Oskar Lafontaine hat mit
dieser Tradition gebrochen.« Tatsächlich aber war Bisky
2008 Gast der von
junge Welt organisierten Veranstaltung und
Gysi bisher nie eingeladen. 1999 hatte übrigens André
Brie, damals Mitglied im Vorstand des Linke-Vorgängers PDS,
auf dem heute verteufelten RLK-Podium Platz genommen.
Unterstützung bekommt Lötzsch unter anderem von ihren
Parteikollegen in Hamburg. Die Fraktionschefin der Linken in der
Bürgerschaft, Dora Heyenn, spricht von einer
»Hysterie«, die sie an die McCarthy-Ära in den USA
erinnere. Zuvor hatten sich bereits die Linksjugend [solid] und der
Studierendenverband Die Linke.SDS hinter die Parteivorsitzende
gestellt und die mediale Hysterie kritisiert (siehe jW vom 7.
Januar).
Lötzsch selbst verteidigt ihr Nachdenken über »Wege
zum Kommunismus«. Der Berliner Zeitung (Freitagausgabe) sagte
sie: »Natürlich ist der Begriff Kommunismus belastet.
Wir sollten uns aber keine Denkverbote auferlegen lassen.«
Auf die Frage, weshalb sie in ihrem Text auf jegliche Distanzierung
von kommunistischen Verbrechen verzichtet habe, sagte die
Linke-Chefin: »Der Kommunismus an sich ist doch eine uralte
Idee, die die Sehnsucht nach einer gerechten Gesellschaft
ausdrückt. Alles, was wir im vergangenen Jahrhundert erlebt
haben, hatte nichts mit Kommunismus zu tun, das war Stalinismus
oder real existierender Sozialismus.« Ihre aus der PDS
hervorgegangene Partei habe sich von den Verbrechen, die im Namen
dieser Ideen begangen worden seien, seit 1989 mehrfach eindeutig
distanziert. »Unsere Positionen zu den Verbrechen, die
begangen wurden, sind klipp und klar. Das heißt für mich
aber nicht, daß der Begriff Kommunismus aus der deutschen
Sprache getilgt werden sollte.« Es sei nun einmal so,
daß sich die Menschen in Deutschland fragten, »wie kann
man in einer Gesellschaft, die von Krisen geschüttelt ist,
nach neuen Wegen suchen«