Interview: Angela Bankert
Helmut Laakman (59) war Betriebsleiter im Stahlwerk Krupp Rheinhausen und führender Kopf des Arbeitskampfs vor 20 Jahren. Er wird im Januar Gast auf der von jW veranstalteten Rosa-Luxemburg-Konferenz sein.
Welche Lehren aus dem Kampf in Rheinhausen sind für Sie am wichtigsten? Was sollte eine Belegschaft beachten, wenn sie heute um den Erhalt ihres Betriebes kämpft?Erstens: Sich nicht auf die Partei verlassen, die man gewählt hat und vielleicht für arbeitnehmerfreundlich hält. Von Parteien kommt nichts außer papierne Solidaritätserklärungen. Deswegen soll man sie aber nicht aus der politischen Verantwortung entlassen. Man muß sie ständig einladen, öffentlich angehen, unter Druck setzen –aber man darf dabei keine Illusionen haben. Wenn der politische Schaden für die Parteivertreter größer ist als der wirtschaftliche Nutzen für den jeweiligen Konzern, dann hat man Erfolg.
Zweitens: nichts von den Gewerkschaften erwarten. Die IG Metall hat damals nichts für uns getan. Das war eine der übelsten Nummern, die sich je eine Gewerkschaft geleistet hat. Und sie hat das auch bis heute nicht aufgearbeitet. Das sage ich als IG-Metall-Mitglied. Ich halte nichts davon, solche Dinge nicht öffentlich anzusprechen, nach dem Motto: »Das müssen wir für uns behalten, sonst machen wir den Gegner stark«. Gewerkschaftsfunktionäre vergessen oft, daß sie vom Geld der Mitglieder leben und daß sie deren Interessen bedingungslos vertreten müssen.
Drittens: Unbedingt eine Streikleitung wählen! Auch dem Betriebsrat gegenüber müssen die Kämpfenden ihre Interessen artikulieren, damit er klare Verhandlungsaufträge erhält. Wir hatten seinerzeit den Fehler gemacht, keine Streikleitung zu wählen. Dadurch wurden wir ein bißchen aufgerieben.
Viertens: phantasievolle, unkonventionelle Aktionen. Öffentlichkeit herstellen, raus in die Stadt gehen, die Bevölkerung erreichen und einbeziehen. Zweimal wöchentlich trafen sich Belegschaft und Einwohner im Bürgerkomitee, das im Arbeitskampf eine ganz zentrale Rolle gespielt hat.
Spätestens nach drei bis fünf Tagen – das zeigt sich in jedem Arbeitskampf – kennt man Menschen aus der Belegschaft, die aktiv geworden sind. Oft sind sie vorher still gewesen und unauffällig, meist nicht die großen Redner. In einem längeren Arbeitskampf werden unglaubliche Talente aufgedeckt und entwickelt.
Welche Kampfmittel und Aktionen waren vor 20 Jahren in Rheinhausen besonders wichtig?Im Werk haben wir die Produktion selbst kontrolliert und heruntergefahren. Gruppen von Kollegen haben sich nacheinander beim Betriebsrat über die aktuelle Lage informiert. Erst sind die Rangierer losgegangen und eine Stunde weggeblieben, danach die Umfüller, dann der Kranführer, dann die Schmelzer, dann die Gießer. Dann war meist auch die Schicht vorbei, und bei der nächsten gab es ja schon wieder neue Infos zu erfragen. Wir haben von den 160 Tagen Arbeitskampf an 153 diese Taktik durchgezogen – bei voller Lohnfortzahlung durch Krupp. Das konnten wir lange durchhalten. Manchmal kann Streik ein richtiges Kampfmittel sein, aber nicht immer.
Am bekanntesten wurden die Blockaden von Brücken und Straßen. Das fand der Betriebsrat anfangs zu kühn. Die wollten lieber vorm Tor 1000 Luftballons hochgehen lassen. Wir sind immer in Massen zu zentralen Stellen gezogen: zur Staatskanzlei nach Düsseldorf, in andere Stahlbetriebe, zur Villa Krupp. 1993 haben die Kollegen auch das Rathaus gestürmt und im Sitzungssaal eigene Beratungen abgehalten.
Und Hungerstreiks?Das ist nicht unproblematisch. Bei jeder Aktion muß man auch wissen, wie man sie abschließt. Wir haben das Mittel 1993 angewandt, da war ich zusammen mit sechs Meistern im Hungerstreik. Wir waren zwar wenige, dennoch hatte das wegen des vorherigen Arbeitskampfs und aufgrund unserer Stellung im Betrieb Gewicht. Wir wurden von Werksärzten betreut, der Vorstandsvorsitzende von Krupp hat uns besucht, um mit uns über unsere Forderungen zu reden.
Letztlich wurde das Werk trotz allem geschlossen. Hat sich der Kampf aus Ihrer Sicht gelohnt?Wir konnten die Schließung nicht verhindern, sondern nur fünf Jahre hinausschieben. Aber ohne den Kampf hätten wir dies und die Abfederung für die Kollegen auf keinen Fall erreicht. 1989 waren wir 6000 Mitarbeiter. Wir haben eine Vorruhestandsregelung ab 52 Jahren ausgehandelt, die so zusammengesetzt war, daß alle weiterhin 80 bis 85 Prozent ihrer Bezüge bekamen. 1993 bei der Schließung waren wir noch rund 2000. Wir hatten einen Forderungskatalog von 22 Punkten erarbeitet, von denen wir 21 durchgesetzt haben. Nur den nicht, daß die Mitarbeiter von Subunternehmen gleichgestellt werden sollten. Keinem wurde gekündigt, nur wenige haben selbst gekündigt und eine Abfindung bekommen. Die anderen wurden in andere Betriebe der Region versetzt oder blieben in einer Weiterbildungsgesellschaft, bis sie einen anderen Job bekamen.
Vor 20 Jahren sind Sie während des Arbeitskampfs der SPD beigetreten. Vor zwei Jahren haben Sie zur Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit, WASG, heute Die Linke, gewechselt. Warum?Mit Agenda 2010 und Hartz IV war in Sachen SPD Schluß für mich. Ich gehöre nicht zu denen, die sich die Dinge schönreden. Ich wollte mich aber weiter politisch einmischen, weil es an allen Ecken und Enden kracht: Altersarmut, Bildungsmisere, Privatisierung von öffentlicher Daseinsvorsorge, Diskriminierung von Arbeitslosen, Ein-Euro-Jobs, Menschen, die trotz voller Arbeit vom Lohn nicht leben können. Deswegen bin ich der WASG beigetreten. Ich wünsche mir, daß sich mehr Menschen einmischen, selbst aktiv werden, etwas tun, die Dinge in die eigene Hand nehmen. Nicht immer nur welche wählen, die es dann stellvertretend richten sollen.