Hilmar König, Neu-Delhi
Daß die 35 Jahre alte, in Bengalisch schreibende Mandakranta Sen (Foto) zu den Sternen am indischen Poetenhimmel zählt, ist mitterweile auch außerhalb Südasiens bekannt. Von ihren anderen Talenten – Gesang, Malen und Fotografieren – hingegen wissen selbst die Inder kaum etwas. Aber ihre große Liebe gilt natürlich dem geschriebenen Wort oder noch korrekter der Poesie. Dafür hat sie 1997 kurz vor dem mündlichen Abschlußexamen sogar ihr Medizinstudium geschmissen. Aber das ist Geschichte, ebenso, daß sie bereits zwei Jahre später als bisher jüngste Schriftstellerin den Preis Ananada Puraskar und im Jahre 2003 den »Golden Jubilee Young Writers’ Award« der indischen Literaturakademie »Sahitya Akademi« erhielt. In ihrer relativ kurzen schriftstellerischen Karriere veröffentlichte sie bereits 19 Bücher, neben Gedichtbänden auch Versdramen und Romane. Und sie gibt mit ihrem Ehemann für einen Spottpreis von weniger als einem halben Euro die Literaturzeitschrift Bristhidin (Regentag) heraus.
Die selbstbewußte, gesellschaftskritische Mandakranta Sen sitzt nicht im Elfenbeinturm der Dichtkunst, sondern schöpft ihre Themen aus dem mit vielen sozialen Problemen beladenen Alltag. Besonders am Herzen liegt ihr freilich das Los der Frauen in verschiedenen Gesellschaftsbereichen und Zeitabschnitten. Und auch die »große« Politik hinterläßt Spuren in ihrem Schaffen, wie ein Gedicht über die Fratze des Krieges offenbart. Sie hält mit ihren Ansichten über Religion und Glauben, Tradition und Fortschritt, Sexualmoral, Behandlung von Randgruppen, Wert oder Wertlosigkeit von Konventionen und ihrer ätzenden Kritik an allen Formen von Fanatismus nicht hinter dem Berg.
Exklusiv für jW schrieb sie 2006 einen Aufsatz über moderne indische Literatur zwischen Tradition und Kommerz (jW vom 4. und 5.10. 2006). Darin erklärte sie, daß »das gesamte Gegenwartsschaffen der indischen Literatur mit einer üblen Supermacht zu kämpfen hat, nämlich der Globalisierung. Heute geht es nur darum, unter der Führung eines puren kapitalistischen Imperialismus alles in eine Ware zu verwandeln – Wirtschaft, Kultur und Literatur, die ganze Gesellschaft.« Die Globalisierung versuche, »neben dem Verschlingen eines jeden Aspektes unserer ethnisch-kulturellen und sozial unabhängigen Existenz auch unseren literarischen Denkprozeß zu beeinflussen«.
Mandakaranta Sen erläuterte »die moderne indische Protestliteratur gegen Globalisierung, Technokratie, religiösen Fundamentalismus, Umweltzerstörung, Ungleichheit zwischen den Klassen, Kasten und Geschlechtern, Gewalt in ihren unterschiedlichsten Formen und auf verschiedenen Ebenen«. Und sie erwähnte als herausragendes Beispiel dafür die »aktuellen Schriften von Arundhati Roy, die 1997 nach Verleihung des Booker-Literaturpreises für ihren allerersten Roman in den Prominentenhimmel katapultiert worden war. Sie hat danach geschworen, niemals wieder einen Roman zu schreiben. Tatsächlich hat sie bis heute keine Prosa geschrieben, sondern sich völlig ihrem Kreuzzug gegen die Erniedrigung der Menschheit gewidmet.«