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07.01.2008

Ästhetische Verantwortung

Welche historischen Dichtungen braucht die Linke? Vom Nutzen und Nachteil der Geschichte für die Emanzipation

David Salomon
Weltweit geraten die Verhältnisse in Bewegung. Die Kämpfe gegen die sozialen und kulturellen Verwüstungen des zeitgenössischen Kapitalismus haben die Industrie­länder des Westens erreicht. Diejenigen, die eine gesellschaftliche Alternative gegen Vernichtungsmaschinerie und Irrationalismus anstreben, schaffen sich zunehmend eigene Medien, eigene Organisationen, eine eigene Kultur. Die XIII. Rosa-Luxemburg-Konferenz »Klasse für sich« diskutiert die wachsenden Bedürfnisse in diesen drei Bereichen. Auf den Thema-Seiten der jungen Welt lesen Sie dazu in dieser Woche vorbereitende Beiträge.


Allzu leicht kann die Frage, ob die Linke historische Dichtungen braucht, auf eine falsche Fährte führen. Wo emanzipatorische Literatur darauf reduziert wird, einen zuvor bereits eindeutigen Zweck zu propagieren und wo ihr die instrumentelle Funktion zugeschrieben wird, lediglich ein Mittel der Agitation zu sein, wird folgendes verkannt: Die Produktion von Kunstwerken und die Rezeption künstlerischer Verarbeitungen sowohl von historischen als auch von zeitgenössischen Ereignissen und Abläufen sind Aneignungsweisen von Weltverhältnissen. Indem Kunstwerke Weltverhältnisse spiegeln und eingehen, also Wirklichkeit aufnehmen und selbst innerweltlich wirken, produzieren oder reproduzieren sie stets politische Haltungen, die die Welt entweder als veränderbar durchschauen oder die Undurchschaubarkeit ihrer Rätsel als das Schicksal des Menschen postulieren. Jede Kunst, die auf der Höhe ihrer Zeit sein will, muß sich gefallen lassen, an dem Bild gemessen zu werden, in das sie diese Zeit setzt. Wenn sie gar den Anspruch erheben will, als progressives, vorwärtsweisendes, menschliche Befreiungsprozesse reflektierendes und unterstützendes Medium zu gelten, wird sie von ihren Kritikern diesen Maßstab geradezu verlangen müssen. Gerade Literatur, Theater und Film können ihre gesellschaftliche Funktion nur dann selbstbewußt erfüllen, wenn sie begreifen, daß Ästhetik nicht einfach ein Kampfmittel für äußere Zwecke, sondern ein Medium ist, das emanzipative Kämpfe nur dort unterstützen kann, wo es Kategorien der Ästhetik reflektiert und ihre Aporien kritisiert.

Als Befreiungsbewegungen sind soziale Kräfte noch nicht dadurch ausgewiesen, daß sie sich diesen Namen geben. Wenn Bertolt Brecht seinen Galilei sagen läßt »Es setzt sich nur soviel Wahrheit durch als wir durchsetzen; der Sieg der Vernunft kann nur der Sieg der Vernünftigen sein«1, so ist damit zugleich gesagt, daß die Vernünftigen ihre Vernunft auch beweisen müssen. Die Linke braucht gerade deshalb auch Geschichtsdichtungen, weil ohne historisches Bewußtsein nicht geklärt werden kann, was links überhaupt ist. Befreiung steht immer in einem konkreten gesellschaftlichen und damit geschichtlichen Kontext, oder sie bleibt Phrase.

Vergangenheit und Gegenwart

Im Zentrum aller Fragen um Darstellungsweisen von Geschichte steht einerseits die Frage nach dem Zusammenhang von Vergangenheit und Gegenwart, andererseits die nach der Wahrheit des Dargestellten. Schon Johann Wolfgang Goethe wußte: »Eine Chronik schreibt nur derjenige, dem die Gegenwart wichtig ist.«2 Der Kontext dieser Bemerkung aus den »Maximen und Reflexionen« ist weniger die künstlerische Verarbeitung historischer Begebenheiten als vielmehr die Frage nach dem Verhältnis von Dichtung und Wahrheit in der Geschichtsschreibung. »Die Pflicht des Historikers ist zwiefach: erst gegen sich selbst, dann gegen den Leser. Bei sich selbst muß er genau prüfen, was wohl geschehen sein könnte, und um des Lesers willen muß er festsetzen, was geschehen sei. Wie er mit sich selbst handelt, mag er mit seinen Kollegen ausmachen; das Publikum muß aber nicht ins Geheimnis hineinsehen, wie wenig in der Geschichte als entschieden ausgemacht kann angesprochen werden.«3 Goethe antizipiert damit bereits früh eine Funktion, die der Geschichtswissenschaft mehr und mehr zufallen sollte und in der sie sich mit der künstlerischen Darstellungen vergangener Weltverhältnisse durchaus trifft. In dem Moment nämlich, indem sich die Darstellung von Geschichte nicht mehr darauf beschränkt, die chronologische Abfolge von Ereignissen abzubilden, sondern deutend in die Zusammenhänge gesellschaftlicher Dynamik eintaucht, gewinnt auch jene Diskussion um Weltaneignungsweisen, sprich: Methoden, an Bedeutung, die der Weimarer Klassiker den Historikern geheimzuhalten empfiehlt. Ein kritisches Publikum, das die Darstellung des Vergangenen selbst als eine öffentliche, gesellschaftliche Sache begreift, muß hingegen stets daran interessiert sein, hinter »das Geheimnis« zu kommen und nach möglichen alternativen Auffassungen zu fragen.

Hier schließt sich der Kreis zu den beiden möglichen Haltungen, die historische Darstellung – sei sie künstlerischer oder wissenschaftlicher Art – zu Geschichte und Gegenwart »vermitteln« kann: Entweder erscheint der historische Prozeß als gesellschaftliche Totalität, die veränderbar und stets in Veränderung begriffen ist, oder als undurchschaubare Fatalität. Erzählte Geschichte kann bestehende gesellschaftliche Verhältnisse entweder legitimieren und als Ausdruck unveränderbarer Wesenheiten mystifizieren oder aber begrifflichen Aporien, sozialen Auseinandersetzungen und antagonistischen Konstellationen auf der Spur sein. Welche von beiden Möglichkeiten in einer großen oder kleinen Erzählung verwirklicht ist, ist, soweit es sich um geschichtswissenschaftliche Darstellungen handelt, eine Frage der Methode. Soweit es sich um künstlerische Verarbeitungen handelt, ist es eine Frage der konkreten Ästhetik. In beiden Fällen aber ist es eine Frage des Standpunkts, den Wissenschaft und Kunst in der Gesellschaft einnehmen, in der sie produziert werden.

Nicht nur deshalb, weil die Darstellung vergangener Ereignisse in der Gegenwart ihre Wirkung entfaltet und die Zukunft beeinflussen kann, sondern auch deswegen, weil die Kategorien, mit denen Vergangenes gedeutet wird, gegenwärtige sind (und selbst ihre Geschichte haben), bleiben Geschichtswissenschaft und Geschichtsdichtung ihrer eigenen Zeit verhaftet. Diese Abhängigkeit der Vergangenheit von der Gegenwart ist eine Entdeckung des 19. Jahrhunderts (Marx und Nietzsche), die insbesondere für die Historiendichtung des 20. von entscheidender Bedeutung war. So formulierte Lion Feuchtwanger 1935 in seinem Beitrag zum ersten »Internationalen Schriftstellerkongreß zur Verteidigung der Kultur« (gegen die faschistische Barbarei) in Paris: »Soweit indes Geschichtsschreibung Kunst ist, ist sie nicht anders denkbar als nach den Prinzipien, die Friederich Nietzsche aufstellt. Der in seiner ›Unzeitgemäßen Betrachtung vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben‹ fordert, Historie sei nur zum Zweck des Lebens zu treiben. Wenn der historische Sinn autonom und universal wäre, fräße er das Leben selber an; er müsse also von der plastischen Kraft des Lebens in Zucht genommen werden. Gesundes Leben forme das gültige Bild der Geschichte nach den Erfordernissen seiner Gegenwart und seiner Zukunft.«4

Feuchtwanger bringt seine Theorie des historischen Romans damit nicht nur in Stellung gegen Schriftsteller wie Kurt Hiller, die ihm Realitätsflucht und Irrelevanz vorwarfen, sondern auch gegen das vorherrschende Geschichtsbild des deutschen Faschismus: »Übrigens wissen auch unsere Gegner von den Vorteilen dieser Waffe (dem historischen Roman – D. S.). Sie münzen die Geschichte der Menschheit nach dem Vorbild ihrer Ideologen in schmutzige, blutige, sentimentale Mythen um (…). Ich für mein Teil habe mich, seitdem ich schreibe, bemüht, historische Romane für die Vernunft zu schreiben, gegen das, was Marx das Versinken in die Geschichtslosigkeit nennt.«5

Dynamik kontra Mystik

Tatsächlich hatte Karl Marx schon in der »Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie« 1857 – 17 Jahre vor Nietzsche – auf die Gegenwartsverbundenheit historischer Darstellungen aufmerksam gemacht: »Anatomie des Menschen ist ein Schlüssel zur Anatomie des Affen. Die Andeutungen auf Höhres in den untergeordneten Tierarten können dagegen nur verstanden werden, wenn das Höhere selbst schon bekannt ist. Die bürgerliche Ökonomie liefert so den Schlüssel zur antiken etc. Keineswegs aber in der Art der Ökonomen, die alle historischen Unterschiede verwischen und in allen Gesellschaftsformen die bürgerlichen sehen.«6 Im Unterschied zu Nietzsche verwendet Marx hier keinen unbestimmten Begriff des Lebens, der »den Dienst der Historie brauche« und »ein Übermaß der Historie dem Lebendigen schade«7, sondern den Begriff der konkreten Wirklichkeit einer antagonistischen Gesellschaft. Wie Nietzsche kennt aber auch Marx eine dynamische Kraft, die die Vergangenheit umfaßt und für Künftiges fruchtbar macht: Die Kritik an den aktuellen gesellschaftlichen Verhältnissen allein garantiert, den »Schlüssel« für die Darstellung des Vergangenen richtig zu gebrauchen: »Wenn daher wahr ist, daß die Kategorien der bürgerlichen Ökonomie eine Wahrheit für alle andren Gesellschaftsformen besitzen, so ist das nur cum grano salis (in ganz bestimmter Richtung) zu nehmen. (…) Die sogenannte historische Entwicklung beruht überhaupt darauf, daß die letzte Form die vergangnen als Stufen zu sich selbst betrachtet und, da sie selten und nur unter ganz bestimmten Bedingungen fähig ist, sich selbst zu kritisieren (…), sie immer einseitig auffaßt. Die christliche Religion war erst fähig, zum objektiven Verständnis der frühern Mythologien zu verhelfen, sobald ihre Selbstkritik zu einem gewissen Grad sozusagen (der Möglichkeit nach) fertig war. So kam die bürgerliche Ökonomie erst zum Verständnis der feudalen, antiken, orientalen, sobald die Selbstkritik der bürgerlichen Gesellschaft begonnen. Soweit die bürgerliche Ökonomie nicht mythologisierend sich rein identifiziert mit dem Vergangnen, glich ihre Kritik der frühern, namentlich der feudalen, mit der sie noch direkt zu kämpfen hatte, die das Christentum am Heidentum, oder auch der Protestantismus am Katholizismus ausübte.«8

Auch Marx kennt somit eine »schädliche« Form, Historie zu betreiben: Es ist jene Form, die die Gegenwart einfach in die Vergangenheit verlängert, die das Gewesene nach dem eigenen Bild formt, um die gegenwärtigen sozialen Verhältnisse nach hinten und vorn zu verewigen. »Lebendig« und menschlicher Befreiung nützlich wird die Beschäftigung mit Geschichte dort, wo sie vom Standpunkt der Kritik des Bestehenden her Kritik des Gewesenen wird; wo sie die Bewegung der Zeit als Kritik der Ewigkeitsbehauptungen und ihrer mythischen Erzählungen betreibt. Anders als Nietzsche, dessen Lebensbegriff es ihm ermöglicht, das Schicksal zu lieben (amor fati), und dessen Umwertung der Werte doch nur zu neuen Setzungen führt, bindet Marx seine Kritik an die Analyse »der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht«.9 Eine kritische Geschichtsdarstellung muß Konflikte und Aporien suchen. Wann immer etwas aus den Fugen gerät, schlägt die Stunde der Kritik. Der gesellschaftliche Ort, an dem die Aporie des bürgerlichen Einheitsprinzips, das im Grunde nur der Kapitalfetisch ist, offensichtlich wird, ist der Klassenkampf. Daß die »Geschichte aller bisherigen Gesellschaft die Geschichte von Klassenkämpfen«10 war, sich in wechselnder Besetzung soziale Interessen und gegensätzliche Lebenserwartungen gegenüberstanden, ist jene Wahrheit, die in der Selbstkritik der bürgerlichen Gesellschaft gewonnen wurde und hinter die keine ernsthaften Betrachtung der Geschichte mehr zurückfallen darf.

Ästhetische Idealisierung

Wenn der gemeinsame Grund von wissenschaftlicher und künstlerischer Geschichtsdarstellung in der immer wieder neuen Kritik mythischer Weltverhältnisse liegt, so läßt sich auch die Frage nach dem Verhältnis von Geschichtsdichtung und Geschichtswissenschaft und damit die Frage nach den Möglichkeiten einer fortschrittlichen Historien­literatur neu stellen. Beide – Wissenschaft und Kunst – sind nur auf der Höhe ihrer Zeit, wenn sie den gesellschaftlichen Standard der Kritik nicht unterschreiten, der in ihrer Zeit erreicht ist. Geschichtswissenschaft steht vor der Aufgabe Geschichte zu rekonstruieren. Literatur hingegen erzählt Geschichten. Die wissenschaftliche Geschichtsdarstellung steht in der Pflicht, die Autorität der Quelle anzuerkennen und Rechenschaft abzulegen über die Methoden ihrer Deutung. Die Literatur muß sich ästhetisch verantworten. Was der Wissenschaft die Methodenrefle­xion, ist der Literatur die Reflexion der Dramaturgie: »Im Gegensatz zum Wissenschaftler hat, scheint mir, der Autor historischer Romane das Recht, eine illusionsfördernde Lüge einer illusionsstörenden Wahrheit vorzuziehen«, schreibt Feuchtwanger11 und meint mit »Illusion« doch nichts, was der historischen Wahrheit – diesseits von Zahlen und Abläufen – entgegenzusetzen wäre. Wirklicher literarischer »Realismus« ist eben nicht bloße Abbildung der Welt, wie sie ist oder war, nicht einfacher »Naturalismus«. Statt dessen wagt er die ästhetische Durchdringung, die Suche nach Geschichten, die teils erfunden, teils gefunden ein exemplarisches Problem entfalten, zuspitzen und dem Publikum zur Lösung auftragen. Gerade in der Aufwertung von historischer Phantasie gegenüber Faktengenauigkeit liegt die spezifische Bedeutung von Historienliteratur. Durch sie kann sie ganz bei den Konflikten und Problemen sein, Möglichkeitshorizonte ausprobieren und Konstellationen verdichten. Weder in der Frage, ob es wirklich so gewesen ist, noch, ob es so gewesen sein könnte, sondern ausschließlich in der Frage, ob das formulierte Problem wirklich besteht, liegt die eigentliche Bedeutung literarischer Erkenntnis.

Die Herausforderung für eine fortschrittliche Historienliteratur liegt darin, im Vergangenen die aktuelle »Flamme der Kritik« und im Gegenwärtigen das Vergängliche aufzuspüren, ohne Vergangenheit und Gegenwart in eins fallen zu lassen. Zur Verfremdung gegenwärtiger Konflikte etwa taugt die Vergangenheit nur dann, wenn sie zugleich als Vergangenes bewußt bleibt und so auf die Vergänglichkeit der aktuellen Gegenwart verweist. Am konkreten Beispiel bedeutet dies, daß etwa Brechts »Galilei« seine Aktualität nicht einfach durch die Erfindung der Atombombe erhält, sondern dadurch, daß hier das vergangene Scheitern einer Befreiung von Lebenswelt und Wissenschaft helfen soll, ein gegenwärtiges Gelingen zu ermöglichen. Was es hier zu entdecken gilt, ist nichts geringeres als der Genuß an der Veränderung, als der Spaß an Erkenntnis.

Wie die Geschichtswissenschaft darf freilich auch die Geschichtsdichtung niemals einen wirklichen Konflikt verschleiern und vertuschen. Tut sie dies, unterschreitet sie die Möglichkeit der Kritik und wirkt mit an legitimatorischer Mythenbildung – auch dann, wenn sie vorgibt, der Revolution oder einer vorherbestimmten Logik der Geschichte, die sich quasitheologisch »offenbart«, zu dienen.

Klassenkampf in der Literatur

Wenn die Erkenntnis, daß die »Geschichte aller bisherigen Gesellschaft die Geschichte von Klassenkämpfen« ist, den Standard der Kritik markiert, den eine Historienliteratur heute nicht unterschreiten darf, so bedeutet dies zugleich, daß Geschichtsdichtungen – in Anlehnung an Louis Althusser – selbst als Klassenkampf in der Literatur verstanden werden können. Dies bedeutet nicht, daß der Literat zum Dienstleister für Parteien, Gewerkschaften oder soziale Bewegungen würde. Literatur richtet sich nicht nach Plänen, sondern nach Problemen. Die Probleme, von denen sie lebt, gründen jedoch in den sozialen Kämpfen ihrer Zeit.

Als Feuchtwanger 1944/45 seinen Roman »Waffen für Amerika« (später: »Die Füchse im Weinberg«) schrieb, ging er davon aus, die von ihm beschriebene Allianz zwischen dem französischen ancien regime und den amerikanischen Revolutionären finde ihresgleichen in der Antihitlerkoalition zwischen der revolutionären Sowjetunion und dem überlebten Kapitalismus der USA. In langer Sicht, so seine Hoffnung, würde das Bündnis eine zweite amerikanische Revolution ebenso befördern, wie der seinerzeitige Unabhängigkeitskrieg die französische Revolution befördert hatte. Fraglos war dies ein historischer Irrtum, aber kein ästhetischer. Was den Roman auch heute noch lesenswert macht – und dies mit großem Gewinn und Genuß – ist, daß hier, wie in kaum einem anderen literarischen Werk, ein Hegemonieverfall geschildert wird, eine Gesellschaft, deren Ende man kennt, in ihren Konflikten und sozialen Typen erscheint, »große Geschichte« und Lebensalltag in einer Weise vermittelt werden, die geradezu modellhaft ist.

Als Anna Seghers Ende der 40er Jahre den Weg der Weimarer Republik in den Figuren ihres Romans »Die Toten bleiben jung« nachzeichnete, tat sie dies, um jüngste historische Entwicklungen für eine Nachkriegszeit aufzuarbeiten, die sich grundsätzlich davon abheben sollte. Im Osten hatten jene Freikorps, die Seghers schildert, ausgedient und der am Anfang des Romans ermordete Revolutionär schien trotz allem siegreich. Daß dies kein Sieg auf lange Zeit bleiben würde, wußte Seghers ebensowenig wie Brecht etwa zur gleichen Zeit wissen konnte, daß die Kommune, der er seine Commune ins Gedächtnis schrieb, schon von seinen Kindern überlebt werden würde. In beiden Fällen aber bleibt eine Darstellung, die in konkreten Figuren die großen Fragen nicht nur ihrer Entstehungszeit, sondern der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Klassenkämpfe verdichtete. Wer heute Ilja Ehrenburgs zu Unrecht fast vergessenen Roman »Babeuf – Die Verschwörung der Gleichen« zur Hand nimmt, mag erschüttert sein über die Klarsicht auch gegenüber den Aporien der Revolution, die in diesem Buch einem kollektiven Gedächtnis erhalten wird.

Als Honoré de Balzac, der ein Reaktionär war, das Paris seiner Zeit erzählte, als Feuchtwanger in der »Wartesaaltrilogie« (»Erfolg«, »Die Geschwister Oppermann«, »Exil«) sich seiner Gegenwart direkt zuwandte und als Isaak Babel in »Budjonnys Reiterarmee« – jeder Punkt wie ein Messerstich – die Schrecken des russischen Bürgerkrieges schilderte, schrieben sie »Zeitromane«. Wir Nachgeborenen können sie deshalb als historische Romane lesen, weil sie in einer ungeheuren Präzision die Gesellschaften enthalten, die sie beschreiben und gerade deshalb Probleme enthüllen, die uns betreffen.

Was all diese Arbeiten verbindet, ist, daß sie Klassenkampf in der Literatur sind: Sie sind es, weil sie die Geschichten, die sie erzählen, als gewordene und vergängliche bewußt machen, weil sie ihren Figuren die Konkretion zugestehen, soziale Charaktere zu sein und weil sie nicht die Widersprüchlichkeit verschweigen, die soziale Interessen aufweisen. Was eine Figur konkret, das heißt als gesellschaftliche Figur, durchschaubar macht, ist der soziale Gestus (Brecht), der ihre Bewegungen, ihre Sprache, ihre Art zu denken, zu fühlen und zu handeln prägt. So wird Literatur »zu einem Kolloquium (über die gesellschaftlichen Zustände) mit dem Publikum, an das (...) (sie – D. S.) sich wendet«.12

Eine fortschrittliche Historienliteratur beherrscht die »Kunst der Beobachtung« und zeigt den einzelnen als ein widersprüchliches, oft zerrissenes Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse. Wirklich historische Romane, Theaterstücke und Filme beschäftigen sich eben nicht einfach mit Vergangenheit, sondern machen Gesellschaft als ein dynamisches Konfliktfeld erfahrbar. Deshalb können auch »Zeitromane«, »Zeitstücke« und Gegenwartsfilme historisch sein, wenn sie dem Zuschauer helfen, die Verhältnisse, in die er eingebunden ist, als vorübergehend und veränderbar zu begreifen. Dem entspricht eine spezifische »Zuschaukunst«, wie sie etwa Brechts »lesender Arbeiter« und die jugendlichen Antifaschisten, die in der »Ästhetik des Widerstands« von Peter Weiss den Pergamonaltar betrachten, in der Literatur selbst exemplarisch ausbilden. Nur ein solcher Sinn für Geschichte läßt Menschen Akteure gesellschaftlicher Befreiung werden.

1 Bertolt Brecht: Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Frankfurt a.M./Berlin 1988, Bd. 5, S. 246

2 Johann Wolfgang Goethe: Hamburger Ausgabe, München 1998, Bd. 12, S. 390

3 Ebd.

4 Lion Feuchtwanger: Centum Opuscula, Rudolstadt 1956, S. 514

5 Ebd., S. 515

6 Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Berlin, Bd. 13, S. 636 f.

7 Friedrich Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen, Leipzig 1930, S. 111

8 Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 13, S. 637

9 Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 49

10 Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 4, S. 462

11 Lion Feuchtwanger: Centum Opuscula, S. 512

12 Bertolt Brecht: Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Bd. 22.2, S. 646

David Salomon ist Redakteur von Z. Zeitschrift für marxistische Erneuerung



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