David Salomon
Weltweit geraten die Verhältnisse in Bewegung. Die Kämpfe gegen
die sozialen und kulturellen Verwüstungen des zeitgenössischen
Kapitalismus haben die Industrieländer des Westens erreicht.
Diejenigen, die eine gesellschaftliche Alternative gegen
Vernichtungsmaschinerie und Irrationalismus anstreben, schaffen sich
zunehmend eigene Medien, eigene Organisationen, eine eigene Kultur. Die
XIII. Rosa-Luxemburg-Konferenz »Klasse für sich« diskutiert die
wachsenden Bedürfnisse in diesen drei Bereichen. Auf den Thema-Seiten der jungen Welt
lesen Sie dazu in dieser Woche vorbereitende Beiträge.
Allzu leicht kann die Frage, ob die Linke historische
Dichtungen braucht, auf eine falsche Fährte führen. Wo emanzipatorische
Literatur darauf reduziert wird, einen zuvor bereits eindeutigen Zweck
zu propagieren und wo ihr die instrumentelle Funktion zugeschrieben
wird, lediglich ein Mittel der Agitation zu sein, wird folgendes
verkannt: Die Produktion von Kunstwerken und die Rezeption
künstlerischer Verarbeitungen sowohl von historischen als auch von
zeitgenössischen Ereignissen und Abläufen sind Aneignungsweisen von
Weltverhältnissen. Indem Kunstwerke Weltverhältnisse spiegeln und
eingehen, also Wirklichkeit aufnehmen und selbst innerweltlich wirken,
produzieren oder reproduzieren sie stets politische Haltungen, die die
Welt entweder als veränderbar durchschauen oder die Undurchschaubarkeit
ihrer Rätsel als das Schicksal des Menschen postulieren. Jede Kunst,
die auf der Höhe ihrer Zeit sein will, muß sich gefallen lassen, an dem
Bild gemessen zu werden, in das sie diese Zeit setzt. Wenn sie gar den
Anspruch erheben will, als progressives, vorwärtsweisendes, menschliche
Befreiungsprozesse reflektierendes und unterstützendes Medium zu
gelten, wird sie von ihren Kritikern diesen Maßstab geradezu verlangen
müssen. Gerade Literatur, Theater und Film können ihre
gesellschaftliche Funktion nur dann selbstbewußt erfüllen, wenn sie
begreifen, daß Ästhetik nicht einfach ein Kampfmittel für äußere
Zwecke, sondern ein Medium ist, das emanzipative Kämpfe nur dort
unterstützen kann, wo es Kategorien der Ästhetik reflektiert und ihre
Aporien kritisiert.
Als Befreiungsbewegungen sind soziale Kräfte
noch nicht dadurch ausgewiesen, daß sie sich diesen Namen geben. Wenn
Bertolt Brecht seinen Galilei sagen läßt »Es setzt sich nur soviel
Wahrheit durch als wir durchsetzen; der Sieg der Vernunft kann nur der
Sieg der Vernünftigen sein«1, so ist damit zugleich gesagt, daß die
Vernünftigen ihre Vernunft auch beweisen müssen. Die Linke braucht
gerade deshalb auch Geschichtsdichtungen, weil ohne historisches
Bewußtsein nicht geklärt werden kann, was links überhaupt ist.
Befreiung steht immer in einem konkreten gesellschaftlichen und damit
geschichtlichen Kontext, oder sie bleibt Phrase.
Vergangenheit und Gegenwart
Im Zentrum aller Fragen um Darstellungsweisen von Geschichte steht
einerseits die Frage nach dem Zusammenhang von Vergangenheit und
Gegenwart, andererseits die nach der Wahrheit des Dargestellten. Schon
Johann Wolfgang Goethe wußte: »Eine Chronik schreibt nur derjenige, dem
die Gegenwart wichtig ist.«2 Der Kontext dieser Bemerkung aus den
»Maximen und Reflexionen« ist weniger die künstlerische Verarbeitung
historischer Begebenheiten als vielmehr die Frage nach dem Verhältnis
von Dichtung und Wahrheit in der Geschichtsschreibung. »Die Pflicht des
Historikers ist zwiefach: erst gegen sich selbst, dann gegen den Leser.
Bei sich selbst muß er genau prüfen, was wohl geschehen sein könnte,
und um des Lesers willen muß er festsetzen, was geschehen sei. Wie er
mit sich selbst handelt, mag er mit seinen Kollegen ausmachen; das
Publikum muß aber nicht ins Geheimnis hineinsehen, wie wenig in der
Geschichte als entschieden ausgemacht kann angesprochen werden.«3
Goethe antizipiert damit bereits früh eine Funktion, die der
Geschichtswissenschaft mehr und mehr zufallen sollte und in der sie
sich mit der künstlerischen Darstellungen vergangener Weltverhältnisse
durchaus trifft. In dem Moment nämlich, indem sich die Darstellung von
Geschichte nicht mehr darauf beschränkt, die chronologische Abfolge von
Ereignissen abzubilden, sondern deutend in die Zusammenhänge
gesellschaftlicher Dynamik eintaucht, gewinnt auch jene Diskussion um
Weltaneignungsweisen, sprich: Methoden, an Bedeutung, die der Weimarer
Klassiker den Historikern geheimzuhalten empfiehlt. Ein kritisches
Publikum, das die Darstellung des Vergangenen selbst als eine
öffentliche, gesellschaftliche Sache begreift, muß hingegen stets daran
interessiert sein, hinter »das Geheimnis« zu kommen und nach möglichen
alternativen Auffassungen zu fragen.
Hier schließt sich der
Kreis zu den beiden möglichen Haltungen, die historische Darstellung –
sei sie künstlerischer oder wissenschaftlicher Art – zu Geschichte und
Gegenwart »vermitteln« kann: Entweder erscheint der historische Prozeß
als gesellschaftliche Totalität, die veränderbar und stets in
Veränderung begriffen ist, oder als undurchschaubare Fatalität.
Erzählte Geschichte kann bestehende gesellschaftliche Verhältnisse
entweder legitimieren und als Ausdruck unveränderbarer Wesenheiten
mystifizieren oder aber begrifflichen Aporien, sozialen
Auseinandersetzungen und antagonistischen Konstellationen auf der Spur
sein. Welche von beiden Möglichkeiten in einer großen oder kleinen
Erzählung verwirklicht ist, ist, soweit es sich um
geschichtswissenschaftliche Darstellungen handelt, eine Frage der
Methode. Soweit es sich um künstlerische Verarbeitungen handelt, ist es
eine Frage der konkreten Ästhetik. In beiden Fällen aber ist es eine
Frage des Standpunkts, den Wissenschaft und Kunst in der Gesellschaft
einnehmen, in der sie produziert werden.
Nicht nur deshalb, weil
die Darstellung vergangener Ereignisse in der Gegenwart ihre Wirkung
entfaltet und die Zukunft beeinflussen kann, sondern auch deswegen,
weil die Kategorien, mit denen Vergangenes gedeutet wird, gegenwärtige
sind (und selbst ihre Geschichte haben), bleiben Geschichtswissenschaft
und Geschichtsdichtung ihrer eigenen Zeit verhaftet. Diese Abhängigkeit
der Vergangenheit von der Gegenwart ist eine Entdeckung des 19.
Jahrhunderts (Marx und Nietzsche), die insbesondere für die
Historiendichtung des 20. von entscheidender Bedeutung war. So
formulierte Lion Feuchtwanger 1935 in seinem Beitrag zum ersten
»Internationalen Schriftstellerkongreß zur Verteidigung der Kultur«
(gegen die faschistische Barbarei) in Paris: »Soweit indes
Geschichtsschreibung Kunst ist, ist sie nicht anders denkbar als nach
den Prinzipien, die Friederich Nietzsche aufstellt. Der in seiner
›Unzeitgemäßen Betrachtung vom Nutzen und Nachteil der Historie für das
Leben‹ fordert, Historie sei nur zum Zweck des Lebens zu treiben. Wenn
der historische Sinn autonom und universal wäre, fräße er das Leben
selber an; er müsse also von der plastischen Kraft des Lebens in Zucht
genommen werden. Gesundes Leben forme das gültige Bild der Geschichte
nach den Erfordernissen seiner Gegenwart und seiner Zukunft.«4
Feuchtwanger
bringt seine Theorie des historischen Romans damit nicht nur in
Stellung gegen Schriftsteller wie Kurt Hiller, die ihm Realitätsflucht
und Irrelevanz vorwarfen, sondern auch gegen das vorherrschende
Geschichtsbild des deutschen Faschismus: Ȇbrigens wissen auch unsere
Gegner von den Vorteilen dieser Waffe (dem historischen Roman – D. S.).
Sie münzen die Geschichte der Menschheit nach dem Vorbild ihrer
Ideologen in schmutzige, blutige, sentimentale Mythen um (…). Ich für
mein Teil habe mich, seitdem ich schreibe, bemüht, historische Romane
für die Vernunft zu schreiben, gegen das, was Marx das Versinken in die
Geschichtslosigkeit nennt.«5
Dynamik kontra Mystik
Tatsächlich hatte Karl Marx schon in der »Einleitung zur Kritik der
politischen Ökonomie« 1857 – 17 Jahre vor Nietzsche – auf die
Gegenwartsverbundenheit historischer Darstellungen aufmerksam gemacht:
»Anatomie des Menschen ist ein Schlüssel zur Anatomie des Affen. Die
Andeutungen auf Höhres in den untergeordneten Tierarten können dagegen
nur verstanden werden, wenn das Höhere selbst schon bekannt ist. Die
bürgerliche Ökonomie liefert so den Schlüssel zur antiken etc.
Keineswegs aber in der Art der Ökonomen, die alle historischen
Unterschiede verwischen und in allen Gesellschaftsformen die
bürgerlichen sehen.«6 Im Unterschied zu Nietzsche verwendet Marx hier
keinen unbestimmten Begriff des Lebens, der »den Dienst der Historie
brauche« und »ein Übermaß der Historie dem Lebendigen schade«7, sondern
den Begriff der konkreten Wirklichkeit einer antagonistischen
Gesellschaft. Wie Nietzsche kennt aber auch Marx eine dynamische Kraft,
die die Vergangenheit umfaßt und für Künftiges fruchtbar macht: Die
Kritik an den aktuellen gesellschaftlichen Verhältnissen allein
garantiert, den »Schlüssel« für die Darstellung des Vergangenen richtig
zu gebrauchen: »Wenn daher wahr ist, daß die Kategorien der
bürgerlichen Ökonomie eine Wahrheit für alle andren Gesellschaftsformen
besitzen, so ist das nur cum grano salis (in ganz bestimmter Richtung)
zu nehmen. (…) Die sogenannte historische Entwicklung beruht überhaupt
darauf, daß die letzte Form die vergangnen als Stufen zu sich selbst
betrachtet und, da sie selten und nur unter ganz bestimmten Bedingungen
fähig ist, sich selbst zu kritisieren (…), sie immer einseitig auffaßt.
Die christliche Religion war erst fähig, zum objektiven Verständnis der
frühern Mythologien zu verhelfen, sobald ihre Selbstkritik zu einem
gewissen Grad sozusagen (der Möglichkeit nach) fertig war. So kam die
bürgerliche Ökonomie erst zum Verständnis der feudalen, antiken,
orientalen, sobald die Selbstkritik der bürgerlichen Gesellschaft
begonnen. Soweit die bürgerliche Ökonomie nicht mythologisierend sich
rein identifiziert mit dem Vergangnen, glich ihre Kritik der frühern,
namentlich der feudalen, mit der sie noch direkt zu kämpfen hatte, die
das Christentum am Heidentum, oder auch der Protestantismus am
Katholizismus ausübte.«8
Auch Marx kennt somit eine »schädliche«
Form, Historie zu betreiben: Es ist jene Form, die die Gegenwart
einfach in die Vergangenheit verlängert, die das Gewesene nach dem
eigenen Bild formt, um die gegenwärtigen sozialen Verhältnisse nach
hinten und vorn zu verewigen. »Lebendig« und menschlicher Befreiung
nützlich wird die Beschäftigung mit Geschichte dort, wo sie vom
Standpunkt der Kritik des Bestehenden her Kritik des Gewesenen wird; wo
sie die Bewegung der Zeit als Kritik der Ewigkeitsbehauptungen und
ihrer mythischen Erzählungen betreibt. Anders als Nietzsche, dessen
Lebensbegriff es ihm ermöglicht, das Schicksal zu lieben (amor fati),
und dessen Umwertung der Werte doch nur zu neuen Setzungen führt,
bindet Marx seine Kritik an die Analyse »der Gesellschaften, in welchen
kapitalistische Produktionsweise herrscht«.9 Eine kritische
Geschichtsdarstellung muß Konflikte und Aporien suchen. Wann immer
etwas aus den Fugen gerät, schlägt die Stunde der Kritik. Der
gesellschaftliche Ort, an dem die Aporie des bürgerlichen
Einheitsprinzips, das im Grunde nur der Kapitalfetisch ist,
offensichtlich wird, ist der Klassenkampf. Daß die »Geschichte aller
bisherigen Gesellschaft die Geschichte von Klassenkämpfen«10 war, sich
in wechselnder Besetzung soziale Interessen und gegensätzliche
Lebenserwartungen gegenüberstanden, ist jene Wahrheit, die in der
Selbstkritik der bürgerlichen Gesellschaft gewonnen wurde und hinter
die keine ernsthaften Betrachtung der Geschichte mehr zurückfallen darf.
Ästhetische Idealisierung
Wenn der gemeinsame Grund von wissenschaftlicher und künstlerischer
Geschichtsdarstellung in der immer wieder neuen Kritik mythischer
Weltverhältnisse liegt, so läßt sich auch die Frage nach dem Verhältnis
von Geschichtsdichtung und Geschichtswissenschaft und damit die Frage
nach den Möglichkeiten einer fortschrittlichen Historienliteratur neu
stellen. Beide – Wissenschaft und Kunst – sind nur auf der Höhe ihrer
Zeit, wenn sie den gesellschaftlichen Standard der Kritik nicht
unterschreiten, der in ihrer Zeit erreicht ist. Geschichtswissenschaft
steht vor der Aufgabe Geschichte zu rekonstruieren. Literatur hingegen
erzählt Geschichten. Die wissenschaftliche Geschichtsdarstellung steht
in der Pflicht, die Autorität der Quelle anzuerkennen und Rechenschaft
abzulegen über die Methoden ihrer Deutung. Die Literatur muß sich
ästhetisch verantworten. Was der Wissenschaft die Methodenreflexion,
ist der Literatur die Reflexion der Dramaturgie: »Im Gegensatz zum
Wissenschaftler hat, scheint mir, der Autor historischer Romane das
Recht, eine illusionsfördernde Lüge einer illusionsstörenden Wahrheit
vorzuziehen«, schreibt Feuchtwanger11 und meint mit »Illusion« doch
nichts, was der historischen Wahrheit – diesseits von Zahlen und
Abläufen – entgegenzusetzen wäre. Wirklicher literarischer »Realismus«
ist eben nicht bloße Abbildung der Welt, wie sie ist oder war, nicht
einfacher »Naturalismus«. Statt dessen wagt er die ästhetische
Durchdringung, die Suche nach Geschichten, die teils erfunden, teils
gefunden ein exemplarisches Problem entfalten, zuspitzen und dem
Publikum zur Lösung auftragen. Gerade in der Aufwertung von
historischer Phantasie gegenüber Faktengenauigkeit liegt die
spezifische Bedeutung von Historienliteratur. Durch sie kann sie ganz
bei den Konflikten und Problemen sein, Möglichkeitshorizonte
ausprobieren und Konstellationen verdichten. Weder in der Frage, ob es
wirklich so gewesen ist, noch, ob es so gewesen sein könnte, sondern
ausschließlich in der Frage, ob das formulierte Problem wirklich
besteht, liegt die eigentliche Bedeutung literarischer Erkenntnis.
Die
Herausforderung für eine fortschrittliche Historienliteratur liegt
darin, im Vergangenen die aktuelle »Flamme der Kritik« und im
Gegenwärtigen das Vergängliche aufzuspüren, ohne Vergangenheit und
Gegenwart in eins fallen zu lassen. Zur Verfremdung gegenwärtiger
Konflikte etwa taugt die Vergangenheit nur dann, wenn sie zugleich als
Vergangenes bewußt bleibt und so auf die Vergänglichkeit der aktuellen
Gegenwart verweist. Am konkreten Beispiel bedeutet dies, daß etwa
Brechts »Galilei« seine Aktualität nicht einfach durch die Erfindung
der Atombombe erhält, sondern dadurch, daß hier das vergangene
Scheitern einer Befreiung von Lebenswelt und Wissenschaft helfen soll,
ein gegenwärtiges Gelingen zu ermöglichen. Was es hier zu entdecken
gilt, ist nichts geringeres als der Genuß an der Veränderung, als der
Spaß an Erkenntnis.
Wie die Geschichtswissenschaft darf freilich
auch die Geschichtsdichtung niemals einen wirklichen Konflikt
verschleiern und vertuschen. Tut sie dies, unterschreitet sie die
Möglichkeit der Kritik und wirkt mit an legitimatorischer Mythenbildung
– auch dann, wenn sie vorgibt, der Revolution oder einer
vorherbestimmten Logik der Geschichte, die sich quasitheologisch
»offenbart«, zu dienen.
Klassenkampf in der Literatur
Wenn die Erkenntnis, daß die »Geschichte aller bisherigen
Gesellschaft die Geschichte von Klassenkämpfen« ist, den Standard der
Kritik markiert, den eine Historienliteratur heute nicht unterschreiten
darf, so bedeutet dies zugleich, daß Geschichtsdichtungen – in
Anlehnung an Louis Althusser – selbst als Klassenkampf in der Literatur
verstanden werden können. Dies bedeutet nicht, daß der Literat zum
Dienstleister für Parteien, Gewerkschaften oder soziale Bewegungen
würde. Literatur richtet sich nicht nach Plänen, sondern nach
Problemen. Die Probleme, von denen sie lebt, gründen jedoch in den
sozialen Kämpfen ihrer Zeit.
Als Feuchtwanger 1944/45 seinen
Roman »Waffen für Amerika« (später: »Die Füchse im Weinberg«) schrieb,
ging er davon aus, die von ihm beschriebene Allianz zwischen dem
französischen ancien regime und den amerikanischen Revolutionären finde
ihresgleichen in der Antihitlerkoalition zwischen der revolutionären
Sowjetunion und dem überlebten Kapitalismus der USA. In langer Sicht,
so seine Hoffnung, würde das Bündnis eine zweite amerikanische
Revolution ebenso befördern, wie der seinerzeitige Unabhängigkeitskrieg
die französische Revolution befördert hatte. Fraglos war dies ein
historischer Irrtum, aber kein ästhetischer. Was den Roman auch heute
noch lesenswert macht – und dies mit großem Gewinn und Genuß – ist, daß
hier, wie in kaum einem anderen literarischen Werk, ein
Hegemonieverfall geschildert wird, eine Gesellschaft, deren Ende man
kennt, in ihren Konflikten und sozialen Typen erscheint, »große
Geschichte« und Lebensalltag in einer Weise vermittelt werden, die
geradezu modellhaft ist.
Als Anna Seghers Ende der 40er Jahre
den Weg der Weimarer Republik in den Figuren ihres Romans »Die Toten
bleiben jung« nachzeichnete, tat sie dies, um jüngste historische
Entwicklungen für eine Nachkriegszeit aufzuarbeiten, die sich
grundsätzlich davon abheben sollte. Im Osten hatten jene Freikorps, die
Seghers schildert, ausgedient und der am Anfang des Romans ermordete
Revolutionär schien trotz allem siegreich. Daß dies kein Sieg auf lange
Zeit bleiben würde, wußte Seghers ebensowenig wie Brecht etwa zur
gleichen Zeit wissen konnte, daß die Kommune, der er seine Commune ins
Gedächtnis schrieb, schon von seinen Kindern überlebt werden würde. In
beiden Fällen aber bleibt eine Darstellung, die in konkreten Figuren
die großen Fragen nicht nur ihrer Entstehungszeit, sondern der
bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Klassenkämpfe verdichtete. Wer
heute Ilja Ehrenburgs zu Unrecht fast vergessenen Roman »Babeuf – Die
Verschwörung der Gleichen« zur Hand nimmt, mag erschüttert sein über
die Klarsicht auch gegenüber den Aporien der Revolution, die in diesem
Buch einem kollektiven Gedächtnis erhalten wird.
Als Honoré de
Balzac, der ein Reaktionär war, das Paris seiner Zeit erzählte, als
Feuchtwanger in der »Wartesaaltrilogie« (»Erfolg«, »Die Geschwister
Oppermann«, »Exil«) sich seiner Gegenwart direkt zuwandte und als Isaak
Babel in »Budjonnys Reiterarmee« – jeder Punkt wie ein Messerstich –
die Schrecken des russischen Bürgerkrieges schilderte, schrieben sie
»Zeitromane«. Wir Nachgeborenen können sie deshalb als historische
Romane lesen, weil sie in einer ungeheuren Präzision die Gesellschaften
enthalten, die sie beschreiben und gerade deshalb Probleme enthüllen,
die uns betreffen.
Was all diese Arbeiten verbindet, ist, daß
sie Klassenkampf in der Literatur sind: Sie sind es, weil sie die
Geschichten, die sie erzählen, als gewordene und vergängliche bewußt
machen, weil sie ihren Figuren die Konkretion zugestehen, soziale
Charaktere zu sein und weil sie nicht die Widersprüchlichkeit
verschweigen, die soziale Interessen aufweisen. Was eine Figur konkret,
das heißt als gesellschaftliche Figur, durchschaubar macht, ist der
soziale Gestus (Brecht), der ihre Bewegungen, ihre Sprache, ihre Art zu
denken, zu fühlen und zu handeln prägt. So wird Literatur »zu einem
Kolloquium (über die gesellschaftlichen Zustände) mit dem Publikum, an
das (...) (sie – D. S.) sich wendet«.12
Eine fortschrittliche
Historienliteratur beherrscht die »Kunst der Beobachtung« und zeigt den
einzelnen als ein widersprüchliches, oft zerrissenes Ensemble
gesellschaftlicher Verhältnisse. Wirklich historische Romane,
Theaterstücke und Filme beschäftigen sich eben nicht einfach mit
Vergangenheit, sondern machen Gesellschaft als ein dynamisches
Konfliktfeld erfahrbar. Deshalb können auch »Zeitromane«, »Zeitstücke«
und Gegenwartsfilme historisch sein, wenn sie dem Zuschauer helfen, die
Verhältnisse, in die er eingebunden ist, als vorübergehend und
veränderbar zu begreifen. Dem entspricht eine spezifische
»Zuschaukunst«, wie sie etwa Brechts »lesender Arbeiter« und die
jugendlichen Antifaschisten, die in der »Ästhetik des Widerstands« von
Peter Weiss den Pergamonaltar betrachten, in der Literatur selbst
exemplarisch ausbilden. Nur ein solcher Sinn für Geschichte läßt
Menschen Akteure gesellschaftlicher Befreiung werden.
1 Bertolt Brecht: Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Frankfurt a.M./Berlin 1988, Bd. 5, S. 246
2 Johann Wolfgang Goethe: Hamburger Ausgabe, München 1998, Bd. 12, S. 390
3 Ebd.
4 Lion Feuchtwanger: Centum Opuscula, Rudolstadt 1956, S. 514
5 Ebd., S. 515
6 Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Berlin, Bd. 13, S. 636 f.
7 Friedrich Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen, Leipzig 1930, S. 111
8 Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 13, S. 637
9 Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 49
10 Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 4, S. 462
11 Lion Feuchtwanger: Centum Opuscula, S. 512
12 Bertolt Brecht: Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Bd. 22.2, S. 646
David Salomon ist Redakteur von Z. Zeitschrift für marxistische Erneuerung