William Grigsby Vado ist Direktor der sandinistischen Radiostation
La Primerísima in Nicaragua. Er spricht am Samstag auf der
Rosa-Luxemburg-Konferenz
Sie sind Direktor des unabhängigen Radios La Primerísima. Aus
welchen Medien informieren sich die Menschen in Nicaragua? Wem gehören
Zeitungen und Rundfunk?
Es gibt in Nicaragua nur drei
Zeitungen: La Prensa, Hoy und El Nuevo Diario. Die beiden ersten kann
man als rechts, das letzte als mitte-rechts einordnen. Darüber hinaus
gibt es zwei tägliche Mitteilungsblätter im Abonnement: Das rechte
Trinchera de la Noticia und Bolsa de Noticias, das ebenfalls
Mitte-rechts steht. Wenn man die Auflagen aller Zeitungen
zusammenzählt, kommt man gerade mal auf 100000 Exemplare – das ist bei
5,3 Millionen Einwohnern nicht viel. Wichtiger sind das Fernsehen und
vor allem das Radio. Es gibt acht Fernsehkanäle. Fünf davon sind über
die Antenne zu empfangen und drei nur über Kabel. Die Radiolandschaft
dagegen ist sehr vielfältig. Es gibt mehr als 180 Sender auf dem
FM-Signal und ungefähr 65 auf AM-Signal. Manche gehören großen
Unternehmen, andere werden von sandinistischen Basisgruppen betrieben.
Der Staat selbst ist Eigentümer von einer Sation: Radio Nicaragua. An
der Eigentumsfrage hat sich im Grunde genommen in den vergangenen 17
Jahren nicht viel verändert. Die Sandinistische Nationale
Befreiungsfront (FSLN) hält einen Teil der Aktien von Kanal 4 und ihr
gehört das Nachrichtenprogramm. Einer Finanzgruppe, die als
Medienkonsortium fungiert, gehört Kanal 2 sowie die Tageszeitung La
Prensa.
Wie ist die Situation der sandinistischen Basisradios? Wie viele Hörer haben sie?
Die
überwiegende Zahl der Radiosender befindet sich im Landesinneren. Sie
werden von Vertretern sozialer Bewegungen, von Kooperativen oder
Arbeitergruppen betrieben. Zwar haben sie Schwierigkeiten,
wirtschaftlich zu überleben, weil sie nicht kommerziell ausgerichtet
sind, doch dafür können sie völlig frei Meinungen und Ideen der
Gruppen, von denen sie betrieben werden, verbreiten. Von Staatsseite
erfahren sie keinerlei Einschränkungen. Die sandinistischen Radios
erreichen mit ihren Nachrichtenprogrammen ungefähr 80 Prozent der Hörer
landesweit, ihr sonstiges Programm verfolgen 30 Prozent. Wie viele
Hörer es insgesamt gibt, kann man nur schätzen. Radiogeräte sind in
Nicaragua sehr verbreitet: In 92 Prozent der Haushalten steht
mindestens ein Apparat.
Sind diese sandinistischen Radios untereinander vernetzt?
Ich
denke, es sollte eine Bewegung geben, die diese Sender koordiniert.
Doch unser Hauptproblem ist, daß wir dafür nicht über genügend Kräfte
verfügen. Die einzelnen Sender verfolgen teilweise auch
unterschiedliche politische Interessen. Wir sind zwar alle Ableger der
Revolution. Doch heutzutage kämpft jedes Radio für sich.
Wie sind die Beziehung zur FSLN und der aktuellen Regierung unter dem Sandinisten Daniel Ortega?
Die
FSLN besitzt neun Radiosender. Darüber hinaus gibt es ungefähr 20
Radios, die sich wie wir zwar als »sandinistisch« bezeichnen, aber
nicht Eigentum der FSLN sind oder den Weisungen der Partei unterliegen.
Wir sind Sandinisten und wir sind autonom. Die neue Regierung hat
entschieden, den kleinen Radios Priorität einzuräumen und sie zu
fördern. Sie sendet ihre Werbespots in den sandinistischen Radios. Doch
finanzielle Unterstützung oder eine spezielle Förderung gibt es nicht.
Wer entscheidet, was im Radio gesendet wird?
Bei
unserem Sender, dem Radio La Primerísima, werden die Grundlinien des
Programms von der Leitung bestimmt – aufgrund von politischen,
journalistischen, aber auch finanziellen Überlegungen. Doch der größte
Teil des Programms ist offen für die Beteiligung unserer Hörer.
Wie sieht diese Hörerbeteiligung konkret aus?
Die
Hörer schreiben uns per Post oder per E-Mail, sie rufen an, oder sie
kommen direkt zu uns ins Studio. Und natürlich suchen wir sie auch an
ihren Wohnorten auf. Sehr viele beteiligen sich: Zu den
Hauptprogrammzeiten erreichen uns im Schnitt 40 Anrufe pro Stunde.
Woher stammen die Informationen für Ihre Nachrichtensendungen?
Wir
haben in unserer Zentrale eine siebenköpfige Redaktion, im
Landesinneren haben wir sieben Korrespondenten. Um über das
internationale Geschehen zu berichten, greifen wir auf die
verschiedensten Quellen zurück; insbesondere auf die
Nachrichtenagenturen, Zeitungen und Radiostationen der Länder der
Bolivarischen Alternative für Amerika.
Das Gespräch führte Timo Berger