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09.01.2008

»Die Kommunisten werden immer älter«

Er singt solo bei der Rosa-Luxemburg-Konferenz. Ein Gespräch mit Danbert Nobacon

Interview: Christof Meueler
Danbert Nobacon
Danbert Nobacon hat Chumbawamba mitgegründet und vorigen Herbst sein zweites Soloalbum »The Library Book of the World« veröffentlicht

Wird Rosa Luxemburg als linke Politikerin und Theoretikerin in England heutzutage noch wahrgenommen?

Ich habe eine Freundin, deren kleine Tochter heißt Rosa – benannt nach Rosa Luxemburg. Die Linken mögen Rosa Luxemburg, weil sie gegen den Ersten Weltkrieg mobilisierte. Sie hatte auch ein kritisches Verhältnis zu Lenin und zur russischen Oktoberrevolution, der ja später viele Anarchisten zum Opfer fielen. Sie war sehr moralisch und weniger zwanghaft pragmatisch, das gefällt mir. Wenn man etwas aus der Geschichte lernen will, geht das am besten, wenn man untersucht, wogegen jemand war.

Historisch reklamieren in Deutschland beide Flügel der Arbeiterbewegung, Sozialdemokraten und Kommunisten, Rosa Luxemburg für sich. Ist das in England ähnlich?

Doch wenn man von der englischen Arbeiterbewegung spricht, muß man unbedingt den Ausdruck »historisch« verwenden. In ihrer aktuellen Verfassung kann man die Sozialdemokratie, die Labour Party, kaum noch dazurechnen. Sie hat ihre Geschichte ganz offiziell über Bord geworfen. Es gibt aber noch an der Basis Leute, die so agieren, wie man es von Mitgliedern einer linken Partei erwarten würde. Mein Bruder ist zum Beispiel immer noch Labour und sehr graswurzelorientiert. Wenn ein Aufmarsch der BNP, der britischen Faschisten, droht, geht er von Haustür zu Haustür, um den Protest dagegen zu organisieren. Sobald aber jemand ins Parlament gewählt wird, ist es mit solchen Aktionen vorbei. Dann wird von den Interessen der Industrie in der Weltwirschaft fabuliert und man rechtfertigt wie selbstverständlich die Kriege, in die Tony Blair die Briten an der Seite der USA geführt hat.

Und Kommunisten gibt es nicht mehr?

Doch, hin und wieder trifft man welche. Dann kann man mit ihnen etwas trinken und sich unterhalten. Die Kommunistische Partei hat sich Anfang der Neunziger aufgelöst, ihre größte Nachfolgegruppe um das frühere Zentralorgan Morning Star dürfte von Rosa Luxemburg nicht so viel halten, die sind alte orthodoxe Schule.

Es fällt auf, daß es bei den Kommunisten wie auch bei den Anarchisten wenig Nachwuchs gibt. Die, denen man begegnet, werden immer älter. Allgemein agiert die Linke in Großbritannien eher versteckt, sozusagen im Untergrund, abseits der öffentlichen Wahrnehmung. Es gibt kaum Kommunisten, die bei Lokalwahlen antreten. In Leeds, wo ich die letzten zwanzig Jahre lebte, gab es eine grün-sozialistische Allianz. Die machte sehr sinnvolle Arbeit, mischte im lokalen Diskurs mit, wurde aber nie gewählt.

Sind Wahlen überhaupt wichtig? Traditionell werden doch von linken Kandidaten prinzipielle Fragen für vermeintlich realpolitische Optionen vernachlässigt.

Die Wahlen in Großbritannien und den USA werden zwar nicht wie in einer Diktatur manipuliert, aber sie sind auch nicht demokratisch. Durch das Mehrheitswahlrecht fallen Hunderttausende von Stimmen unter den Tisch. Man hat dort keine tatsächlich freie Wahl.

Hat man sich in England als Linker nicht wenigstens 1997 für einen kurzen symbolischen Moment gefreut, als Tony Blair 20 Jahre Thatcherimus beendete?

Wir jedenfalls nicht. Chumbawamba sind eine anarchistische Band. Blair hat nichts anderes getan, als in den von ihm fortgesetzten Thatcherismus Elemente der Popkultur einzufügen. Die von ihm aufgelegten Sozialprogramme sind absoluter Mindeststandard. Da muß man nicht Beifall klatschen.

Auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz spielen Sie als Solokünstler. 1982 haben Sie die legendäre Linksband Chumbawamba mitgegründet. Sind Sie noch dabei?

Man könnte sagen: als schlafendes Mitglied. Chumbawamba spielt meistens als eine vierköpfige Unplugged-Formation, so auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz 2005. Die übrigen vier Mitglieder der Band machen andere Dinge. Doch letzten Februar spielten wir als große achtköpfige Band ein elektronisches Konzert in unserer Heimatstadt Leeds anläßlich unseres 25jährigen Bestehens. Da habe ich das letzte Mal mitgesungen. Die Band ist kein abgeschlossenes Projekt, aber im Moment bestehen keine Pläne für die gesamte Band – vielleicht in der Zukunft?

Gibt es bei Chumbawamba den Kampf zweier musikalischer Linien? Folk-Fraktion gegen Punk-Fraktion?

Haha. Das ist ein Gerücht.

Wenn es stimmen würde, in welcher Fraktion wären Sie?

Hm, ich wäre Zentrist. Das, was ich solo mache ist zwar folkorientiert, aber auch sehr bluesig.

Auf der Website steht, es wäre »Atlanticana«. Dieses Wort habe ich noch nie gehört.

Seit kurzem wohne ich in den USA, mein Umzug von England hat mich ungefähr ein Jahr gekostet. »Atlanticana« meint mein Hin- und Herpendeln über den Atlantik, das ich auch musikalisch verarbeite.

Ihr erstes Soloalbum erschien in den 80er Jahren, das zweite, »The Library Book of the World«, ließ mehr als 20 Jahre auf sich warten, es kam im letzten Herbst raus.

Das sieht aus wie ein großes Loch. Doch ich habe die ganze Zeit über Lieder geschrieben und auch aufgenommen, war aber nicht der Meinung, sie veröffentlichen zu müssen. Dazu hatte ich auch keine richtige Gelegenheit, die ganzen 90er Jahre über war ich mit Chumbawamba beschäftigt. Nach 15 Jahren konnten wir erstmals von der Musik leben. 2004 war mir das dann etwas langweilig geworden, ich überlegte sogar, ganz mit der Musik aufzuhören. Statt dessen begann ich, solo kleine Konzerte zu spielen, was ich sehr genossen habe. So reifte in mir die Idee, ein Soloalbum zu machen.

»The Library Book of the World« ist ein politisches Konzeptalbum.

Hinter dem Titel steckt die Idee, verschiedene Ansätze von widerständiger linker Politik zu bündeln. Es geht um oppositionelles Wissen, gestern und heute und morgen. Was sollen wir denken? Was sollen wir machen? Es reicht nicht, bloß mehr Geld verdienen zu wollen.

Die musikalische Form ist recht klassisch geraten. Diese Art von folkigen Liedern hätte man so auch schon in den 70ern, 80ern und 90ern hören können.

Das könnte man so sagen.

Dagegen hat sich die Musik von Chumbawamba stetig transformiert, von Punk über Dance zu Weltmusik.

Ja, aber wir spielten unsere Platten überwiegend live ein und machten später nur noch ein paar Overdubs. Wenn ich also sang, spielte immer auch der Drummer. Das entfaltete eine ganz eigene Dynamik. Auf meiner Soloplatte wollte ich vorsichtiger und überlegter agieren. Es ist interessant, daß man dann wieder bei klassischen Formen landet. Die sind aber nicht altmodisch gemeint, sondern der Versuch, damit neue Kontexte zu erschließen.

Als Chumbawamba 1998 mit »Tubthumping« einen Welthit landeten, war das vielleicht die letzte Gelegenheit, auch klassisch erfolgreich zu sein. Anschließend brach die Musikindustrie zusammen.

Die Musikindustrie, wie wir sie einmal kannten, scheint verrückt zu spielen. Unsere Platten von 2002 und 2004 verkauften sich dann wieder wie unsere Platten Anfang der Neunziger, vielleicht zehntausendmal. Vorher hatten wir durch den Erfolg von »Tubthumping« viel Geld verdient. Wir kauften uns jeder ein Haus, das hätten wir uns sonst nie leisten können. Keiner drehte durch. Wir kamen auf einmal im US-Mainstream-Fernsehen vor und sprachen in Talkshows gegen Ausbeutung und Krieg. Als Stars durften wir das, auch wenn es nur Feigenblatt- oder Unterhaltungscharakter hatte. Als die Musikindustrie zusammenbrach konnten wir darüber nur lachen und verließen die Majorfirma wieder, weil sie nichts mehr für uns tun konnte.

Heute agieren die Majors fast schon wie früher die Indies. Am Anfang Ihrer Karriere veröffentlichten Sie Ihre Musik auf Kassetten, damit können sie bald wieder beginnen.

Ja, vielleicht. Aber heute gibt es Myspace, da steckt die ganze Musik drin. Noch nie habe ich so viel Musik gehört und entdeckt wie auf Myspace. Das gab es früher nicht. Damit Geld zu verdienen bleibt aber sehr anstregend.

Bei der Rosa-Luxemburg-Konferenz geht es auch um Gegenöffentlichkeit. Wie sollten linke Medien, egal ob im Internet, Radio, Fersehen oder Printbereich, idealerweise beschaffen sein?

Der Planet geht den Bach runter, die Bevölkerung wächst, die Menschen werden weiter angestachelt, mehr und mehr zu konsumieren – der Crash wird kommen. Jede linke Kultur sollte diese Themen problematisieren. Aber wie soll man Menschen, die für diese Probleme blind sind, dagegen mobilisieren? Das führt zum Chaos. Andererseits leben schon alle im Chaos. Wenn die Ideen der 68er oder die der Jugendkulturen bis zu ihrer völligen Verharmlosung in den Mainstream integriert werden, dann muß man versuchen, sie wieder rauszubekommen. Der Mainstream ist nicht das Ziel. Doch manchmal muß man in den Mainstream gehen, um dort die Themen zu ändern.


Danbert Nobacon spielt am 12. Januar auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz der jungen Welt, ab 20.30 Uhr in der Urania, Berlin



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