Interview: Christof Meueler
Danbert Nobacon hat Chumbawamba mitgegründet und vorigen Herbst
sein zweites Soloalbum »The Library Book of the World« veröffentlicht
Wird Rosa Luxemburg als linke Politikerin und Theoretikerin in England heutzutage noch wahrgenommen?
Ich habe eine Freundin, deren kleine Tochter heißt Rosa – benannt nach
Rosa Luxemburg. Die Linken mögen Rosa Luxemburg, weil sie gegen den
Ersten Weltkrieg mobilisierte. Sie hatte auch ein kritisches Verhältnis
zu Lenin und zur russischen Oktoberrevolution, der ja später viele
Anarchisten zum Opfer fielen. Sie war sehr moralisch und weniger
zwanghaft pragmatisch, das gefällt mir. Wenn man etwas aus der
Geschichte lernen will, geht das am besten, wenn man untersucht,
wogegen jemand war.
Historisch reklamieren in Deutschland beide Flügel der
Arbeiterbewegung, Sozialdemokraten und Kommunisten, Rosa Luxemburg für
sich. Ist das in England ähnlich?
Doch wenn man von der englischen Arbeiterbewegung spricht, muß man
unbedingt den Ausdruck »historisch« verwenden. In ihrer aktuellen
Verfassung kann man die Sozialdemokratie, die Labour Party, kaum noch
dazurechnen. Sie hat ihre Geschichte ganz offiziell über Bord geworfen.
Es gibt aber noch an der Basis Leute, die so agieren, wie man es von
Mitgliedern einer linken Partei erwarten würde. Mein Bruder ist zum
Beispiel immer noch Labour und sehr graswurzelorientiert. Wenn ein
Aufmarsch der BNP, der britischen Faschisten, droht, geht er von
Haustür zu Haustür, um den Protest dagegen zu organisieren. Sobald aber
jemand ins Parlament gewählt wird, ist es mit solchen Aktionen vorbei.
Dann wird von den Interessen der Industrie in der Weltwirschaft
fabuliert und man rechtfertigt wie selbstverständlich die Kriege, in
die Tony Blair die Briten an der Seite der USA geführt hat.
Und Kommunisten gibt es nicht mehr?
Doch, hin
und wieder trifft man welche. Dann kann man mit ihnen etwas trinken und
sich unterhalten. Die Kommunistische Partei hat sich Anfang der
Neunziger aufgelöst, ihre größte Nachfolgegruppe um das frühere
Zentralorgan Morning Star dürfte von Rosa Luxemburg nicht so viel
halten, die sind alte orthodoxe Schule.
Es
fällt auf, daß es bei den Kommunisten wie auch bei den Anarchisten
wenig Nachwuchs gibt. Die, denen man begegnet, werden immer älter.
Allgemein agiert die Linke in Großbritannien eher versteckt, sozusagen
im Untergrund, abseits der öffentlichen Wahrnehmung. Es gibt kaum
Kommunisten, die bei Lokalwahlen antreten. In Leeds, wo ich die letzten
zwanzig Jahre lebte, gab es eine grün-sozialistische Allianz. Die
machte sehr sinnvolle Arbeit, mischte im lokalen Diskurs mit, wurde
aber nie gewählt.
Sind Wahlen überhaupt wichtig? Traditionell werden doch von
linken Kandidaten prinzipielle Fragen für vermeintlich realpolitische
Optionen vernachlässigt.
Die Wahlen in Großbritannien und den USA werden zwar nicht wie in einer
Diktatur manipuliert, aber sie sind auch nicht demokratisch. Durch das
Mehrheitswahlrecht fallen Hunderttausende von Stimmen unter den Tisch.
Man hat dort keine tatsächlich freie Wahl.
Hat man sich in England als Linker nicht wenigstens 1997 für
einen kurzen symbolischen Moment gefreut, als Tony Blair 20 Jahre
Thatcherimus beendete?
Wir jedenfalls nicht. Chumbawamba sind eine anarchistische Band. Blair
hat nichts anderes getan, als in den von ihm fortgesetzten
Thatcherismus Elemente der Popkultur einzufügen. Die von ihm
aufgelegten Sozialprogramme sind absoluter Mindeststandard. Da muß man
nicht Beifall klatschen.
Auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz spielen Sie als
Solokünstler. 1982 haben Sie die legendäre Linksband Chumbawamba
mitgegründet. Sind Sie noch dabei?
Man könnte sagen: als schlafendes Mitglied. Chumbawamba spielt meistens
als eine vierköpfige Unplugged-Formation, so auf der
Rosa-Luxemburg-Konferenz 2005. Die übrigen vier Mitglieder der Band
machen andere Dinge. Doch letzten Februar spielten wir als große
achtköpfige Band ein elektronisches Konzert in unserer Heimatstadt
Leeds anläßlich unseres 25jährigen Bestehens. Da habe ich das letzte
Mal mitgesungen. Die Band ist kein abgeschlossenes Projekt, aber im
Moment bestehen keine Pläne für die gesamte Band – vielleicht in der
Zukunft?
Gibt es bei Chumbawamba den Kampf zweier musikalischer Linien? Folk-Fraktion gegen Punk-Fraktion?
Haha. Das ist ein Gerücht.
Wenn es stimmen würde, in welcher Fraktion wären Sie?
Hm, ich wäre Zentrist. Das, was ich solo mache ist zwar folkorientiert, aber auch sehr bluesig.
Auf der Website steht, es wäre »Atlanticana«. Dieses Wort habe ich noch nie gehört.
Seit
kurzem wohne ich in den USA, mein Umzug von England hat mich ungefähr
ein Jahr gekostet. »Atlanticana« meint mein Hin- und Herpendeln über
den Atlantik, das ich auch musikalisch verarbeite.
Ihr erstes Soloalbum erschien in den 80er Jahren, das
zweite, »The Library Book of the World«, ließ mehr als 20 Jahre auf
sich warten, es kam im letzten Herbst raus.
Das sieht aus wie ein großes Loch. Doch ich habe die ganze Zeit über
Lieder geschrieben und auch aufgenommen, war aber nicht der Meinung,
sie veröffentlichen zu müssen. Dazu hatte ich auch keine richtige
Gelegenheit, die ganzen 90er Jahre über war ich mit Chumbawamba
beschäftigt. Nach 15 Jahren konnten wir erstmals von der Musik leben.
2004 war mir das dann etwas langweilig geworden, ich überlegte sogar,
ganz mit der Musik aufzuhören. Statt dessen begann ich, solo kleine
Konzerte zu spielen, was ich sehr genossen habe. So reifte in mir die
Idee, ein Soloalbum zu machen.
»The Library Book of the World« ist ein politisches Konzeptalbum.
Hinter
dem Titel steckt die Idee, verschiedene Ansätze von widerständiger
linker Politik zu bündeln. Es geht um oppositionelles Wissen, gestern
und heute und morgen. Was sollen wir denken? Was sollen wir machen? Es
reicht nicht, bloß mehr Geld verdienen zu wollen.
Die musikalische Form ist recht klassisch geraten. Diese Art
von folkigen Liedern hätte man so auch schon in den 70ern, 80ern und
90ern hören können.
Das könnte man so sagen.
Dagegen hat sich die Musik von Chumbawamba stetig transformiert, von Punk über Dance zu Weltmusik.
Ja, aber wir spielten unsere Platten überwiegend live ein und machten
später nur noch ein paar Overdubs. Wenn ich also sang, spielte immer
auch der Drummer. Das entfaltete eine ganz eigene Dynamik. Auf meiner
Soloplatte wollte ich vorsichtiger und überlegter agieren. Es ist
interessant, daß man dann wieder bei klassischen Formen landet. Die
sind aber nicht altmodisch gemeint, sondern der Versuch, damit neue
Kontexte zu erschließen.
Als Chumbawamba 1998 mit »Tubthumping« einen Welthit
landeten, war das vielleicht die letzte Gelegenheit, auch klassisch
erfolgreich zu sein. Anschließend brach die Musikindustrie zusammen.
Die Musikindustrie, wie wir sie einmal kannten, scheint verrückt zu
spielen. Unsere Platten von 2002 und 2004 verkauften sich dann wieder
wie unsere Platten Anfang der Neunziger, vielleicht zehntausendmal.
Vorher hatten wir durch den Erfolg von »Tubthumping« viel Geld
verdient. Wir kauften uns jeder ein Haus, das hätten wir uns sonst nie
leisten können. Keiner drehte durch. Wir kamen auf einmal im
US-Mainstream-Fernsehen vor und sprachen in Talkshows gegen Ausbeutung
und Krieg. Als Stars durften wir das, auch wenn es nur Feigenblatt-
oder Unterhaltungscharakter hatte. Als die Musikindustrie zusammenbrach
konnten wir darüber nur lachen und verließen die Majorfirma wieder,
weil sie nichts mehr für uns tun konnte.
Heute agieren die Majors fast schon wie früher die Indies. Am
Anfang Ihrer Karriere veröffentlichten Sie Ihre Musik auf Kassetten,
damit können sie bald wieder beginnen.
Ja, vielleicht. Aber heute gibt es Myspace, da steckt die ganze Musik
drin. Noch nie habe ich so viel Musik gehört und entdeckt wie auf
Myspace. Das gab es früher nicht. Damit Geld zu verdienen bleibt aber
sehr anstregend.
Bei der Rosa-Luxemburg-Konferenz geht es auch um
Gegenöffentlichkeit. Wie sollten linke Medien, egal ob im Internet,
Radio, Fersehen oder Printbereich, idealerweise beschaffen sein?
Der Planet geht den Bach runter, die Bevölkerung wächst, die Menschen
werden weiter angestachelt, mehr und mehr zu konsumieren – der Crash
wird kommen. Jede linke Kultur sollte diese Themen problematisieren.
Aber wie soll man Menschen, die für diese Probleme blind sind, dagegen
mobilisieren? Das führt zum Chaos. Andererseits leben schon alle im
Chaos. Wenn die Ideen der 68er oder die der Jugendkulturen bis zu ihrer
völligen Verharmlosung in den Mainstream integriert werden, dann muß
man versuchen, sie wieder rauszubekommen. Der Mainstream ist nicht das
Ziel. Doch manchmal muß man in den Mainstream gehen, um dort die Themen
zu ändern.
Danbert Nobacon spielt am 12. Januar auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz der jungen Welt, ab 20.30 Uhr in der Urania, Berlin