Heike Friauf und Thomas J. Richter
Eine starke Stimme wird den Saal in der Berliner Urania füllen, wenn am
Samstag um 11 Uhr die Rosa-Luxemburg-Konferenz eröffnet wird. Ohne
Übertreibung eine der stärksten Stimmen in Deutschland – die der
Sängerin und Schauspielerin Gina Pietsch. Neben ihr auf der Bühne Uwe
Streibel am Klavier. Mit ihm interpretiert sie Lieder von Brecht,
Theodorakis und Jara.
Wäre
Gina Pietsch schlicht Sängerin, wären ihre Liedinterpretationen einfach
nur sehr gut. Durch ihr schauspielerisches Talent aber sind sie
brillant. Sie begeisterte als Brechts Opiumraucherin wie auch als
Goethes verzweifelter Zauberlehrling. Mit dem Pianisten Gerhard
Folkerts verhalf sie Rilke zu echtem Groove. Welche Autoren sie sich
wählt, Goethe, Heine und immer wieder Brecht, sie singt und
interpretiert deren Texte, als wären sie gerade erst für uns
geschrieben. Ihr Programm ist nicht der Bildungskanon, ihre Lieder sind
Aufrufe zu einem besseren Leben.
Diese Künstlerin hätte sich
auch in luxuriösere Gefilde zurückziehen können, statt im aufreibenden
Tagesgeschäft politisch zu wirken. Nach einem Germanistik- und
Musikstudium an der Karl-Marx-Universität in Leipzig wechselt Gina
Pietsch an die Hochschule für Musik »Hanns Eisler« nach Berlin, wo
Gisela May und Ekkehard Schall ihre wichtigsten Lehrer werden. An der
Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« macht sie ihren
Schauspielabschluß, hier unterrichtet sie seit 1992 Gesang und
Interpretation.
1973 nimmt sie gemeinsam mit Gerry Wolff ihre
erste Platte auf. Sie spielt und inszeniert an verschiedenen Theatern
und erhält 1998 den Bayerischen Theaterpreis für den Brecht-Abend »Die
Ware Liebe«. Inzwischen tritt sie vor allem mit eigenen Soloabenden
auf, dieses Frühjahr wird sie ihren sage und schreibe 15. Brecht-Abend
vorstellen.
Weil Kunst für sie ein zentrales Mittel im
sozialistischen Kampf ist, stellt Gina Pietsch sich unermüdlich dem
Publikum, im November 2007 auch in der jW-Ladengalerie und nun bei der
Rosa-Luxemburg-Konferenz. Ihr hoher künstlerischer Anspruch verbindet
sich mit sorgfältig ausgewählten aufklärerischen Texten. Wer ihre
innige und grimmige Interpretation von Mikis Theodorakis’ Liedern hört–
eines seiner schönsten wird sie singen –, spürt sofort, daß eine andere
Welt möglich werden muß. Zu Ehren Rosa Luxemburgs eröffnet Gina Pietsch
ihr Programm um 11 Uhr mit dem Lied »Grabschrift 1919« von Brecht »Die
rote Rosa nun auch verschwand. / Wo sie liegt, ist unbekannt. / Weil
sie den Armen die Wahrheit gesagt / haben sie die Reichen aus dem Leben
gejagt.«