Interview: Katja Herzberg
Banda Bassotti hat neun Mitglieder. Wie es sich für ein echtes
Kollektiv gehört, sind alle gleichberechtigt, weshalb die Band als
Gruppe spricht.
Die Banda Bassotti ist mehr als eine Musikgruppe. Zu Beginn
der 80er Jahre habt ihr Solidaritätsaktionen organisiert, aus denen die
Band entstanden ist. Hat sie eure Motivation über die Jahre verändert?
Es hat sich nichts geändert. Natürlich vergehen die Jahre, die Familien
wachsen, und mit 20 Jahren auf Tour zu gehen ist sicherlich etwas
anderes als mit 45 oder 50 Jahren. Aber Touren gefällt uns trotzdem
immer noch sehr gut. Wir richten unsere Lieder an Arbeiter,
Ausgebeutete und Arbeitslose. Wo auch immer wir in der Welt unterwegs
sind, kommen die auf unsere Konzerte. Die Leute wollen in Würde leben
und arbeiten. Das zu transportieren ist noch immer unsere Motivation.
Die
Musik ist immer ein Übertragungsmittel der Forderung nach Freiheit
gewesen. Linke Musik wurde in den 70er Jahren in Italien von
Liedermachern und chilenischen Folkbands wie Inti Illimani oder
Quilapayun geprägt. Danach kamen dann The Clash, Rage Against The
Machine, die Asian Dub Foundation und vielleicht auch wir. Das war zwar
ganz andere Musik, die aber dasselbe wollte: eine ganz andere
Gesellschaft.
Kann Musik überhaupt etwas bewirken?
Wir können nicht sagen, daß die Musik etwas verändert hätte, aber sie
war die Tonspur zu den Kämpfen, sie hat neue Ideen in die Köpfe junger
Menschen getragen. Sie hat zur Weiterentwicklung der Kultur
beigetragen.
In den 80er Jahren habt ihr eure Musik als »Combat-Rock«
bezeichnet. So hieß auch das vorletzte Album der Clash, und das ist
mittlerweile auch schon wieder mehr als 20 Jahre her.
Wir sagen immer, daß wir Söhne von The Clash und The Specials sind.
Aber wir sind beeinflußt von Tausenden Stilen. Musik ist
glücklicherweise vielfältig, und jeder von uns hört alles. Wir sind mit
Sicherheit mit Punk, Ska und südamerikanischer Musik verbunden und
glauben, daß man das auch in unserer Musik und in den Texten hört.
Letztlich ist unsere Musik aber Banda Bassotti.
Zu Weihnachten habt ihr auf eurer Myspace-Internetseite einen
ersten Titel aus dem neuen Album eingestellt. Der Song heißt »Cuore
malato«, in dem ihr die EU kritisiert.
Die Italiener sind ein Volk von Einwanderern gewesen. Die USA,
Deutschland, die Schweiz, Belgien, in all diese Länder sind sie von
1900 bis nach dem Zweiten Weltkrieg gegangen, um Arbeit zu suchen. Sie
wurden behandelt wie Wesen zweiter Klasse. Man hat sie ausgebeutet und
ihre Namen verändert. Heute kommen die Menschen aus den armen Ländern
nach Italien und in die EU, um ein besseres Leben zu finden – wie die
Italiener damals, die diese Leute nun genauso furchtbar behandeln, wie
sie damals selbst behandelt wurden.
Seit anderthalb Jahren ist die Berlusconi-Ära zu Ende. Ist das Leben in Italien jetzt freier geworden?
Die Mitte-Links-Regietrung unter Prodi macht dieselbe Politik wie die
Mitte-Rechts-Regierung unter Berlusconi. Ob sich das Leben für die
Menschen verbessert hat, die mit 1000 Euro im Monat leben und eine
Miete von 700 Euro zu zahlen haben, wagen wir zu bezweifeln. Die
Politiker haben keinen Kontakt zum realen Leben. Der alltägliche
Einkauf, Miete bezahlen, die Schulbücher für die Kinder – das alles
kennen sie nicht. Die Mehrheit der Politiker ist für uns der Abschaum
der Menschheit. Sie leben in einem Meer von Geld, während die Leute
nicht mal bis zum Monatsende kommen.
Verkauft ihr mit eurer Plattenfirma »Gridalo Forte Records« überhaupt noch CDs?
Es
wird Zeit, zu schließen. Das Label ist entstanden, um denen eine Stimme
zu geben, die sie sonst nicht bekommen. Heute ist das nicht mehr nötig.
Alle können sich im Internet darstellen. Das Label hat seine Geschichte
gehabt. CDs verkaufen sich nicht mehr, alle laden sie aus dem Internet
herunter. Wir treten in Buenos Aires auf – und ein ganzer Platz singt.
Wir spielen in Europa und Japan – und alle singen unsere Lieder. Das
heißt, daß alle die Musik runterladen. In unserer Seele sind wir
Piraten. Deshalb sagen wir, daß es so in Ordnung geht. Livespielen,
Leute treffen, Geschichten kennenlernen – das ist, was wir wollen.