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10.01.2008

»In unserer Seele sind wir Piraten«

Was machen die Söhne von The Clash und The Specials heute? Ein Gespräch mit Banda Bassotti

Interview: Katja Herzberg
Banda Bassotti hat neun Mitglieder. Wie es sich für ein echtes Kollektiv gehört, sind alle gleichberechtigt, weshalb die Band als Gruppe spricht.

Die Banda Bassotti ist mehr als eine Musikgruppe. Zu Beginn der 80er Jahre habt ihr Solidaritätsaktionen organisiert, aus denen die Band entstanden ist. Hat sie eure Motivation über die Jahre verändert?

Es hat sich nichts geändert. Natürlich vergehen die Jahre, die Familien wachsen, und mit 20 Jahren auf Tour zu gehen ist sicherlich etwas anderes als mit 45 oder 50 Jahren. Aber Touren gefällt uns trotzdem immer noch sehr gut. Wir richten unsere Lieder an Arbeiter, Ausgebeutete und Arbeitslose. Wo auch immer wir in der Welt unterwegs sind, kommen die auf unsere Konzerte. Die Leute wollen in Würde leben und arbeiten. Das zu transportieren ist noch immer unsere Motivation.

Die Musik ist immer ein Übertragungsmittel der Forderung nach Freiheit gewesen. Linke Musik wurde in den 70er Jahren in Italien von Liedermachern und chilenischen Folkbands wie Inti Illimani oder Quilapayun geprägt. Danach kamen dann The Clash, Rage Against The Machine, die Asian Dub Foundation und vielleicht auch wir. Das war zwar ganz andere Musik, die aber dasselbe wollte: eine ganz andere Gesellschaft.


Kann Musik überhaupt etwas bewirken?

Wir können nicht sagen, daß die Musik etwas verändert hätte, aber sie war die Tonspur zu den Kämpfen, sie hat neue Ideen in die Köpfe junger Menschen getragen. Sie hat zur Weiterentwicklung der Kultur beigetragen.

In den 80er Jahren habt ihr eure Musik als »Combat-Rock« bezeichnet. So hieß auch das vorletzte Album der Clash, und das ist mittlerweile auch schon wieder mehr als 20 Jahre her.

Wir sagen immer, daß wir Söhne von The Clash und The Specials sind. Aber wir sind beeinflußt von Tausenden Stilen. Musik ist glücklicherweise vielfältig, und jeder von uns hört alles. Wir sind mit Sicherheit mit Punk, Ska und südamerikanischer Musik verbunden und glauben, daß man das auch in unserer Musik und in den Texten hört. Letztlich ist unsere Musik aber Banda Bassotti.

Zu Weihnachten habt ihr auf eurer Myspace-Internetseite einen ersten Titel aus dem neuen Album eingestellt. Der Song heißt »Cuore malato«, in dem ihr die EU kritisiert.

Die Italiener sind ein Volk von Einwanderern gewesen. Die USA, Deutschland, die Schweiz, Belgien, in all diese Länder sind sie von 1900 bis nach dem Zweiten Weltkrieg gegangen, um Arbeit zu suchen. Sie wurden behandelt wie Wesen zweiter Klasse. Man hat sie ausgebeutet und ihre Namen verändert. Heute kommen die Menschen aus den armen Ländern nach Italien und in die EU, um ein besseres Leben zu finden – wie die Italiener damals, die diese Leute nun genauso furchtbar behandeln, wie sie damals selbst behandelt wurden.

Seit anderthalb Jahren ist die Berlusconi-Ära zu Ende. Ist das Leben in Italien jetzt freier geworden?

Die Mitte-Links-Regietrung unter Prodi macht dieselbe Politik wie die Mitte-Rechts-Regierung unter Berlusconi. Ob sich das Leben für die Menschen verbessert hat, die mit 1000 Euro im Monat leben und eine Miete von 700 Euro zu zahlen haben, wagen wir zu bezweifeln. Die Politiker haben keinen Kontakt zum realen Leben. Der alltägliche Einkauf, Miete bezahlen, die Schulbücher für die Kinder – das alles kennen sie nicht. Die Mehrheit der Politiker ist für uns der Abschaum der Menschheit. Sie leben in einem Meer von Geld, während die Leute nicht mal bis zum Monatsende kommen.

Verkauft ihr mit eurer Plattenfirma »Gridalo Forte Records« überhaupt noch CDs?

Es wird Zeit, zu schließen. Das Label ist entstanden, um denen eine Stimme zu geben, die sie sonst nicht bekommen. Heute ist das nicht mehr nötig. Alle können sich im Internet darstellen. Das Label hat seine Geschichte gehabt. CDs verkaufen sich nicht mehr, alle laden sie aus dem Internet herunter. Wir treten in Buenos Aires auf – und ein ganzer Platz singt. Wir spielen in Europa und Japan – und alle singen unsere Lieder. Das heißt, daß alle die Musik runterladen. In unserer Seele sind wir Piraten. Deshalb sagen wir, daß es so in Ordnung geht. Livespielen, Leute treffen, Geschichten kennenlernen – das ist, was wir wollen.



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