Werner Biermann und Arno Klönne
Gleichstellung (v. r. n. l.: Konrad Adenauer, GB-Außenminister Anthony Eden und sein US-Amtskollege John Foster Dulles, Frankreichs Premier Pierre Mendes-France, Paris 20.10.1954)
Foto: dpa
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Am Samstag findet in Berlin die XIV. Internationale
Rosa-Luxemburg-Konferenz unter dem Motto »Internationalismus
und Gegenmacht heute« statt. Die Podiumsdiskussion der
Konferenz beschäftigt sich mit der Rolle der Europäischen
Union, in der 2009 ein neues Parlament gewählt wird. Im
Kölner PapyRossa Verlag erscheint Ende Januar ein Buch der
beiden Soziologen Werner Biermann und Arno Klönne, die
Deutschlands Weltmachtambitionen seit 1871 untersuchen. jW
veröffentlicht daraus eine um Tabellen und Fußnoten
gekürzte Textpassage zur Strategie der westdeutschen
Wirtschafts- und Politikelite für Europa nach dem Zweiten
Weltkrieg.
Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die westeuropäischen
Länder ökonomisch und politisch geschwächt.
»Mit Schrecken wurde man sich des (relativen) Rückgangs
des europäischen Anteils an der Weltproduktion bewußt,
besonders des Zurückbleibens Europas gegenüber den
Vereinigten Staaten von Amerika«, so der spätere erste
Kommissar der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG),
Walter Hallstein. Die USA waren als die mit großem Abstand
führende kapitalistische Macht aus dem Weltkrieg
hervorgegangen; der Fortgang der US-amerikanischen Hochkonjunktur
machte eine Rekonstruktion des Weltmarktes erforderlich, was auch
die wirtschaftliche Stärkung Westeuropas als Verwertungsraum
von US-Kapital einschloß. Aber dies konnte nur gelingen, wenn
die alte Wirtschaftsmacht Deutschland entsprechend
berücksichtigt würde.
Aus US-amerikanischer Sicht war ein ungehinderter Zugang zu den
westeuropäischen Märkten anzustreben, was angesichts der
Überlegenheit des US-Kapitals gegenüber seiner
europäischen Konkurrenz zu einer raschen Markteroberung
geführt hätte. Hiergegen sperrten sich vor allem
Frankreich und Großbritannien, deren Wirtschaftseliten
befürchteten, daß ihnen bei einer globalen Neuordnung
der kapitalistischen Weltwirtschaft lukrative Kolonialmärkte
entrissen würden. Andererseits war aber sicher, daß die
Rückkehr zur Autarkiepolitik der 30er Jahre, also eine
nationale Abschließung vom Weltmarkt, keine Lösung barg.
Bei der damaligen Lage bot sich eine westeuropäische
Integration als realistischer Kompromiß an: Die Märkte
Westeuropas könnten erhalten bleiben, gleichzeitig eine
Abschirmung gegenüber der übermächtigen
US-Konkurrenz erfolgen.
Für die westeuropäische Integration war die Entwicklung
des Verhältnisses zwischen Frankreich und der Bundesrepublik
entscheidend. Die französische Politik nach 1945 war darauf
ausgerichtet, Deutschland als den Hauptkonkurrenten auf dem
Kontinent niederzuhalten. Dazu sollte die relativ
einflußreiche Position Frankreichs genutzt werden.
Andererseits war Frankreich wirtschaftlich schwach. Könnte die
im Erstarken begriffene Bundesrepublik in die westeuropäische
Vereinigung einbezogen und die Bonner Regierung zur Aufgabe eines
Teils der nationalen Souveränität bewegt werden,
würde Paris hieraus auch ökonomischen Nutzen
ziehen.
Die Bundesrepublik erhoffte von einer Beteiligung an den
westeuropäischen Einigungsbestrebungen, sich
verlorengegangenes ökonomisches und politisches Terrain wieder
erschließen zu können. Erschwerend hierbei war
allerdings die Furcht anderer europäischer Länder vor
einem neuerlichen deutschen Großmachtstreben. Kanzler
Adenauer umriß seine Politik daher wie folgt: »Das
Sicherheitsverlangen gegenüber Deutschland bei allen seinen
Kriegsgegnern war außerordentlich stark. [Es galt,] einen Weg
zu finden, der sowohl dem Sicherheitsbedürfnis der
europäischen Länder Rechnung trug, wie auch den
Wiederaufbau Westeuropas einschließlich Deutschlands
durchzuführen gestattete. Über diesen Weg würden wir
auch, darüber war ich mir klar, Schritt für Schritt
unsere Gleichberechtigung unter den freien Völkern der Welt
zurückerlangen.« Gleichberechtigung bedeutete: der
ausländischen Kontrolle über die Ruhrindustrie und auch
Abkehr von Sozialisierungsabsichten, Aufhebung der Demontagen,
Revision des Besatzungsstatutes und Lösung der
»Saarfrage« im westdeutschen Interesse.
Das Streben nach Gleichberechtigung war ein Instrument der inneren
Rekonstruktion und Restauration, gleichzeitig aber auch ein Mittel,
eine einflußreiche Stellung in Westeuropa zu erlangen.
Förderlich war dabei die Remilitarisierung Westdeutschlands.
Dem entgegenstehende Bedenken bei anderen europäischen
Ländern wurden aufgewogen durch die Aussicht auf Entlastung
beim eigenen Rüstungsaufwand, zumal die Kolonialkriege
Frankreichs und Großbritanniens enorm kostenintensiv waren
und die jeweiligen Staatshaushalte überstrapazierten, so
daß zusätzliche militärische Engagements im Rahmen
der NATO kaum finanzierbar waren. Mit einer neuen
westdeutschen Rüstung konnte die vermeintliche
Sicherheitslücke gegenüber der unterstellten sowjetischen
Aggression geschlossen werden, und an der militant antisowjetischen
Haltung der Bundesregierung gab es keinen Zweifel.
Der Adenauerschen Politik lag offenbar die Hypothese zugrunde,
daß Westdeutschland innerhalb eines geeinten Europa recht
bald die uneingeschränkte Gleichberechtigung bekommen und in
wirtschaftlicher Hinsicht die führende Rolle einnehmen
würde, selbst dann, wenn der Grundriß des neuen
Westeuropa von französischen Architekten entworfen wurde.
Deutsche Kapitalinteressen in EWG
Die EWG war anfänglich eine Zollunion, die auf einem
gemeinsamen Außenzoll basierte und eine schrittweise
Abschaffung aller inneren Handelshemmnisse vorsah nebst
Freizügigkeit beim Kapitalverkehr. Dies war eine klare Absage
an das von den Vereinigten Staaten propagierte und in groben
Zügen verwirklichte Konzept eines liberalisierten Weltmarktes:
Mit der EWG wurden US-amerikanische Warenexporte behindert, und die
Steuerung des Weltmarktes durch den US-Dollar war in Frage
gestellt. Denn der EWG-interne freie Kapitalverkehr setzte
Standards des Internationalen Währungsfonds außer Kraft,
die vorsahen, daß ein Land mit Zahlungsproblemen diese
über den Fonds lösen müsse. Es ist unschwer
erkennbar, daß die politischen Absichten Frankreichs und
Westdeutschlands hierbei zu Buche schlugen. Paris konnte so seine
Großmachtambitionen wahren, während Bonn auf seinem Weg
zur Selbständigkeit, also der Lockerung der Abhängigkeit
von den USA, ein gutes Stück vorankam.
Jedoch veränderte sich in den Jahren nach 1958 das
ökonomisch-politische Kräfteverhältnis innerhalb der
EWG in einem Maße, daß französischen Plänen,
mittels einer stärker supranationalen Integration
Einfluß auf die Bundesrepublik zu gewinnen, der Boden
entzogen war. Das fand zeitweise eine Reaktion in der Politik des
französischen Präsidenten de Gaulle, der Mitte der 60er
Jahre unter dem Schlagwort »Europa vom Atlantik zum
Ural« eine bilaterale Annäherung an die Sowjetunion
anstrebte, offenbar mit der Absicht, durch eine Wiederauflage der
Bündnispolitik früherer Zeiten die Bundesrepublik in die
Schranken zu verweisen.
In den langen Boomjahren entwickelte sich die EWG zu einem
großen wirtschaftlichen Machtfaktor. Bei ihrer Gründung
im März 1957 betrug der Anteil der sechs Mitgliedsländer1
an der Weltausfuhr 16 Prozent, Mitte der 70er Jahre schon knapp 20
Prozent. Gleichzeitig war der Anteil der Vereinigten Staaten von 22
auf 17 Prozent geschrumpft. Die Weltausfuhr verzeichnete in diesem
Zeitraum einen durchschnittlichen Zuwachs von knapp zehn Prozent
pro Jahr, was die Exportoffensive der EWG deutlich macht.
Der Aufstieg der Gemeinschaft zum führenden Handelsblock der
kapitalistischen Welt beruht auf bedeutenden Verschiebungen in der
inneren Struktur des Handels der Mitgliedsländer: Im Jahr 1958
entfielen 30 Prozent der EWG-Exporte auf den Handel innerhalb der
Gemeinschaft; Mitte der 70er Jahre waren es bereits 50 Prozent. Bei
den Importen gab es eine ähnliche Entwicklung, nämlich
von 30 auf 52 Prozent. Treibende Kraft hierbei war die
Bundesrepublik, die ihren Anteil an der Weltausfuhr bis auf 13
Prozent steigerte und mit der führenden Exportnation USA
gleichzog.
Deutlich wird, daß durch die Errichtung der Zollunion und
durch den Abbau der Zölle eine beträchtliche Zunahme des
westeuropäischen Binnenhandels erfolgte; fast die Hälfte
des Außenhandels der Mitgliedsstaaten fand innerhalb des
EWG-Wirtschaftsraumes statt, was auf eine wachsende gegenseitige
Abhängigkeit und Arbeitsteilung hinweist. Im Falle der
Bundesrepublik zeigte sich allerdings, daß die EWG als
Absatzmarkt nicht die Bedeutung hatte, wie dies auf die
französische Wirtschaft zutrifft. Es zeichnete sich ab,
daß die Bundesrepublik die wachsende innere Verflechtung des
Warenaustausches als Basis für den Ausbau ihrer Position auf
dem kapitalistischen Weltmarkt ausnutzen konnte. Bei der
Exportstruktur der übrigen EWG-Staaten ist auffällig,
daß der Binnenmarkt fast die Hälfte der Ausfuhren
absorbierte. Das bedeutet, daß sie in starkem Maße von
der EWG abhängig waren und damit von deren ökonomischem
Gravitationszentrum, der Bundesrepublik. Außerdem
verzeichneten sie im Gegensatz zu Westdeutschland Defizite beim
Handel mit Drittländern. Sie waren also auf den EWG-Markt
angewiesen.
Bei technisch hochentwickelten Industriegütern waren die
westdeutschen Exporte außerhalb der EWG-Zone besonders hoch,
bei Metallbearbeitungsmaschinen sogar 75 Prozent, bei Maschinen und
Apparaten 68, bei Kraftfahrzeugen 65 und Büromaschinen 63
Prozent. Auch bei wichtigen Erzeugnissen der chemischen Industrie
wurden überdurchschnittliche Anteile im Handel außerhalb
der EWG erzielt. Dies läßt den Schluß zu,
daß die Bundesrepublik insbesondere in den technologisch und
wissenschaftlich hochentwickelten modernen Wachstumsindustrien ihre
Führungsposition stetig ausbaute, die sich nicht nur auf
ihr Gewicht im innergemeinschaftlichen Handel, sondern immer mehr
auf die Intensivierung des weltweiten Außenhandels
stützte.
Mit der Gründung der EWG sollte eine regionale Integration
eingeleitet werden mit dem Ziel, die Position Westeuropas im
Weltmarkt zu festigen und auszubauen. Offenbar ist dies aber nur
der Bundesrepublik gelungen, während die übrigen
Mitgliedsländer in den ersten fünfzehn Jahren der
Gemeinschaft dort keine gleichartigen Positionsverbesserungen
erzielen konnten, sich dafür jedoch um so mehr auf den
EWG-Markt orientierten.
Für die westdeutsche Wirtschaft nahm also der Handel jenseits
der Wirtschaftsgemeinschaft einen zunehmend wichtigeren Platz ein;
so wuchs der hierbei erzielte Überschuß seit der Krise
1966/67 um fast das Achtfache. Die
Außenhandelsüberschüsse schufen die Voraussetzungen
für jenen massiven Kapitalexport, der seit Mitte der 60er
Jahre ständig anstieg.
Forcierter Kapitalexport
Diese Entwicklung spiegelt den Prozeß verstärkter
Direktinvestitionen wider, wie er für den kapitalistischen
Weltmarkt nach 1945 charakteristisch war. Ausländische
Direktinvestitionen wurden zum Bestandteil der globalen Strategie
international agierender Konzerne. (...)
Die bundesdeutschen Direktinvestitionen waren von ihrem Umfang her
am Ende des langen Booms die drittgrößten weltweit,
allerdings mit weitem Abstand hinter den Vereinigten Staaten und
Großbritannien. Sie beliefen sich 1973 auf rund 5,6
Milliarden DM bei einem Sockel von 400 Millionen im Jahr 1955.
Hieran verdeutlicht sich die Tendenz zur Internationalisierung der
Produktion.
Wo lagen nun die regionalen und branchenspezifischen Schwerpunkte
dieser Investitionen? Rund ein Drittel der westdeutschen
Direktinvestitionen floß in den EWG-Raum, jeweils 16
Prozent wurden in Nordamerika (USA und Kanada) und im
Wirtschaftsraum der Europäischen Freihandelsassoziation EFTA
angelegt. Aufgeschlüsselt nach Branchen überwogen
Direktinvestitionen der chemischen Industrie, gefolgt von der
Elektroindustrie. (...) Das statistische Material ergibt folgende
Einsichten:
– Die regionale Struktur der westdeutschen
Direktinvestitionen wurde zunehmend von der westeuropäischen
Integration geprägt. Zwischen 1961 und dem Ende des Booms hat
sich eine eindeutige Schwerpunktverlagerung von Nordamerika
nach Europa und hier insbesondere in die EWG-Partnerländer
herausgebildet.
– Die Struktur der Direktinvestitionen nach Branchen
bestätigt den Zusammenhang zwischen Waren- und Kapitalexport,
denn die Branchen, die den größten Teil des
westdeutschen Exports generierten, tätigten gleichzeitig auch
den Großteil der Direktinvestitionen.
– Der Schwerpunkt der Außenexpansion des westdeutschen
Kapitals lag im Betrachtungszeitraum nicht bei der
Auslandsproduktion, sondern beim Warenexport. Es kündigte sich
allerdings eine Wende an: Nach der Krise 1966/67 wurden
ausländische Direktinvestitionen forciert, um auf diesem Wege
nicht nur den Anforderungen der Weltmarktkonkurrenz besser zu
entsprechen, sondern auch, um eine größere
Unabhängigkeit von der Binnenmarktkonjunktur zu erlangen. Zwar
stieg der Wert der Direktinvestitionen im Verhältnis zum
Export von 1,3 Prozent im Jahr 1956 auf zwei Prozent 1974; die
entsprechende Quote für die US-Industrie lag aber bei 9,5
Prozent.
Frankreich, die zweitgrößte Ökonomie der EWG,
konnte mit dem westdeutschen Expansionstempo nicht Schritt
halten. In den 60er Jahren flossen nur 20 Prozent der
französischen Direktinvestitionen in den EWG-Raum, darunter
elf Prozent nach Italien, in die Bundesrepublik hingegen lediglich
fünf Prozent (zirka 270 Millionen DM). Im gleichen Zeitraum
exportierte die westdeutsche Industrie aber rund 5,8 Milliarden DM
Kapital in das westliche Nachbarland – die
Wirtschaftsbeziehungen beider Länder waren also sehr
ungleichgewichtig zugunsten der Bundesrepublik. Dies förderte
Befürchtungen vor einer westdeutschen Übermacht, was dazu
führte, daß die französischen Regierungen
versuchten, eine Politik nationalstaatlicher Protektion
durchzusetzen.
Vorteile durch Währungsunion
Der Wunsch nach einer Währungsunion nahm nach 1968 Gestalt an.
Auslöser war die divergierende Entwicklung der
Zahlungsbilanzen der EWG-Mitglieder, insbesondere Frankreichs und
der Bundesrepublik. Bis 1966 hatte die französische
Zahlungsbilanz einen Überschuß ausgewiesen, wenn auch
mit einer stark fallenden Tendenz; demgegenüber war die
westdeutsche Zahlungsbilanz unstetig und in den Jahren 1962 und
1965 sogar defizitär. Das Jahr 1967 markierte eine
entscheidende Wende. Westdeutschland überwand den damaligen
Konjunktureinbruch durch eine beispiellose Exportoffensive, die
einen hohen Zahlungsbilanzüberschuß mit sich brachte;
gleichzeitig rutschte die Zahlungsbilanz Frankreichs in ein
Defizit, das in Verbindung mit der politischen Krise des
gaullistischen Regimes, aber besonders durch gezielte
Indiskretionen der Bundesregierung, die hiermit eine
Franc-Abwertung erzwingen wollte, eine enorme Kapitalflucht aus dem
Franc in Gang setzte mit dem Ergebnis einer ernsthaften
Währungskrise. Der Vorschlag der französischen Regierung,
nun ein System für kurz- und mittelfristige
Stützungskredite auf Gemeinschaftsebene einzuführen,
scheiterte nicht zuletzt am Widerstand der Bundesrepublik. Diese
sah zwar wie alle Mitgliedsstaaten die Vorteile einer
Währungsunion gerade im Hinblick auf eine größere
Unabhängigkeit vom Dollar, was sie jedoch über eine
beschleunigte politische Integration verwirklichen wollte. Eine
solche Integration in Verbindung mit einer allgemeinen
ökonomischen Koordination der jeweiligen nationalen
Wirtschafts- und Währungspolitik sollte angesichts des
wirtschaftlichen Potentials der Bundesrepublik zu dem erhofften
Übergewicht in Westeuropa führen. Eine Währungsunion
kam für die Bundesregierung erst dann in Betracht, wenn der
größte Teil der Lasten auf die Partnerländer
abgewälzt werden konnte.
1978 kam es zur Einführung des Europäischen
Währungssystems (EWS), das als ein solider Damm gegen die
Kursschwankungen des Dollars und die daraus resultierenden
Spekulationen betrachtet wurde. Es kam zu einem wechselseitigen
Verbund zwischen den europäischen Währungen und zur
Schaffung einer neuen Leitwährung (ECU), wodurch die
Wechselkursschwankungen mehr gedämpft wurden, als wenn jede
der am EWS beteiligten Währungen ihren Wechselkurs frei
bestimmt hätte. Zunächst traten alle damaligen
Mitgliedsländer der EG mit Ausnahme Großbritanniens dem
Währungssystem EWS bei.
Aus bundesdeutscher Sicht war das EWS ein Erfolg, denn es konnte
zwar die Tendenz zur Aufwertung der DM nicht unterbinden, aber
immerhin abschwächen und damit verbundene
außenwirtschaftliche Nachteile auf die übrigen
Länder abwälzen. (...)
Zwei Weltmachtstrategien
Die strategische Rechnung der USA, Westdeutschland zu einem
stabilen Frontstaat im Kalten Krieg aufzubauen, ging in
wirtschaftlicher, militärischer und politischer Hinsicht auf.
Die Bundesrepublik war US-Juniorpartner in Europa. Aber diese
dichte Abhängigkeit kann keineswegs als deutsches
»Vasallentum« gedeutet werden. Die Großindustrie,
zweimal im 20. Jahrhundert Betreiber und Nutznießer des
deutschen Imperialismus, blieb weiterhin die bestimmende Kraft; die
politische Elite, zunächst von der Siegermacht USA
handverlesen, akzeptierte zwar die neuen Herren in Washington,
war aber empfänglich für Ideen einer
Großmachtpolitik auf eigene Rechnung.
Innerhalb Westeuropas verfügte die Bundesrepublik dank ihres
Wirtschafts- und Militärpotentials schon in den 70er Jahren
über eine Vormachtstellung. So machte das westdeutsche
Industriepotential mehr als 80 Prozent desjenigen von Frankreich
und Großbritannien zusammen aus. Die Grundlagen für den
wirtschaftlichen Aufstieg im Verhältnis zu den anderen
europäischen Großmächten entstanden in den 50er
Jahren. Während Frankreich und Großbritannien durch
hohe Rüstungslasten und kostspielige Kolonialkriege bzw.
aufwendiges Herrschaftsmanagement in den Kolonien stark beansprucht
waren, konnte die westdeutsche Industrie frei von solchen Lasten
ihr Potential zügig aufstocken. Das schlug sich in den
seinerzeitigen industriellen Wachstumsraten nieder, wo die
Bundesrepublik mit einem durchschnittlichen Jahreszuwachs von 18,5
Prozent ihre Konkurrenten weiter hinter sich ließ; Frankreich
erwirtschaftete ein Durchschnittswachstum von 6,3 und
Großbritannien von lediglich 4,2 Prozent. Die expansive
Exportstrategie der bundesdeutschen Konzerne führte dazu,
daß die Bundesrepublik Mitte der 70er Jahre ebenso viele
Waren ausführte wie Frankreich und Großbritannien
zusammen. Hier deuten sich enorme außenwirtschaftliche
Ungleichgewichte an; die Bundesrepublik hatte in den 70er Jahren
einen kumulierten Exportüberschuß von rund 100
Milliarden Dollar, Frankreich bzw. Großbritannien hingegen
verzeichneten im gleichen Zeitraum Außenhandelsdefizite in
Höhe von 20 bzw. 50 Milliarden Dollar. Diese
Überschüsse waren der Hauptgrund für die hohen
Währungsreserven der Bundesbank, die größer waren
als die französischen und britischen zusammengenommen. Auch
die Entwicklung der Wechselkurse der DM läßt erkennen,
in welchem Ausmaß und mit welcher Geschwindigkeit sich damals
das ökonomische Gewicht der Bundesrepublik erhöht hat.
(…)
Die stetigen DM-Aufwertungen hatten die starke westdeutsche
Außenhandelsposition kaum geschwächt. Andererseits
verbesserten sie die Chancen zum Kapitalexport erheblich. So wuchs
der Bestand privater Direktinvestitionen von 0,8 Milliarden Dollar
im Jahr 1960 auf knapp 17 Milliarden 1975; der Bestand
übertraf denjenigen französischer Konzerne um mehr als
vier Milliarden Dollar und betrug die Hälfte des britischen.
Diese erfolgreiche Aufholjagd ist um so beeindruckender, wenn man
bedenkt, daß die deutschen Konzerne nach den Niederlagen in
den zwei Weltkriegen den Großteil ihrer Auslandsanlagen
verloren hatten.
Weder Frankreich noch Großbritannien konnten mit dem Tempo
des westdeutschen Kapitalexports mithalten, was in der
Unterlegenheit des Produktionspotentials gegenüber dem
westdeutschen begründet war. Bezogen auf die Wirtschaftskraft
wurde die Bundesrepublik eindeutig die stärkste Macht in
Westeuropa.
Der Verbesserung der ökonomischen Position entsprach die
militärische Stärkung. (…) Innerhalb der NATO
stellte die Bundesrepublik nach den Vereinigten Staaten die
ökonomisch und militärisch stärkste
Machtkonzentration; sie war zur wichtigsten Landmacht westlich des
Eisernen Vorhangs geworden.
Die Bundesrepublik als selbsternannter Rechtsnachfolger des
Deutschen Reichs, das beim Griff nach der Weltherrschaft im Zweiten
Weltkrieg gescheitert war, kam – neben Japan – der
Rolle eines verspäteten Siegers schon sehr nahe. Den
traditionellen Expansionstendenzen lagen maßgeblich
wirtschaftliche Interessen zugrunde, und gemessen daran hat das
deutsche Kapital (wie auch das japanische) beim
»Wiederaufbau« so prächtig verdient wie kaum
jemals zuvor.
Die Nachkriegsperiode dauerte länger als die NS-Epoche und die
nach 1890 einsetzende Hochindustrialisierung des Wilhelminischen
Reiches. Unter dem Schirm der Vereinigten Staaten konnte
westdeutsches Kapital jetzt in früher versperrte Regionen
vordringen. Der lang gehegte Mitteleuropatraum kam nun in seiner
ökonomischen Dimension einen großen Schritt voran.
Dennoch reichte der westdeutschen Elite in Wirtschaft und Politik
dieser ökonomische Aufstieg nicht aus – der dritte Griff
nach Weltmacht wurde, je deutlicher die »pax americana«
ihren Gipfelpunkt überschritt, allmählich wieder ein
Thema politischer Überlegungen. Vermutlich hatten die
westdeutschen Führungskräfte Lehren aus der Geschichte
nicht ziehen mögen. Den Lagerwechsel vom Faschismus zur
parlamentarischen Demokratie hatten sie ohne große Opfer,
fast nahtlos, vollzogen; nicht zuletzt, weil die Siegermacht USA in
ihnen einen leistungsfähigen Verbündeten beim Kreuzzug
gegen die kommunistische Welt sah. Hierbei waren auf westdeutscher
Seite zwei Strömungen zu unterscheiden: Die sogenannten
Atlantiker, die als Emissäre Washingtons wirkten, und
europa-nationalistische Kräfte um Franz Josef Strauß,
die von Anfang an einen Weg gemeinsam mit Frankreich
befürworteten. Ansonsten hatten sie vieles gemeinsam. Da war
zunächst die Einschätzung, daß die USA nicht in der
Lage sein würden, ihr Weltsystem im Alleingang auf Dauer
aufrechtzuerhalten, sodann der Glaube an die besonderen
militärischen Fähigkeiten Deutschlands.
Den Atlantikern ging es offensichtlich darum, sich beizeiten an
bester Stelle zu plazieren, um dann, wenn das US-System
zusammenbräche, das größte Erbe anzutreten. Die
Europa-Nationalisten wollten vorzeitig erben, also über den
Ausbau der EWG die US-amerikanischen Schwächen sofort
ausnutzen, die Abhängigkeitsfesseln lockern, was auch eine
taktische Annäherung an die Sowjetunion einschließen
konnte, wie etwa im Rahmen der Brandtschen Ostpolitik. Die Zeit war
hierfür allerdings noch nicht reif; zunächst beendete die
Entspannungspolitik zwischen den Vereinigten Staaten und der
Sowjetunion westdeutsche Machtträume, dann verwies der
Kurswechsel der Regierung Reagan zurück zur Politik des Kalten
Krieges die Bundesrepublik auf den angestammten Platz des kleinen
Partners.
Nahmen die beiden Strömungen die Grenzen einer westdeutschen
Weltpolitik nicht wahr? Es sprach einiges gegen das Projekt einer
Globalmacht Deutschland: Der Anteil an der Weltindustrieproduktion
von damals lediglich fünf Prozent hätte Zweifel an der
großen Ambition aufkommen lassen müssen. Die
ökonomische Stärke war außerdem relativiert durch
die starke Abhängigkeit sowohl von Fertigwarenexporten als
auch von Rohstoffimporten. Das sogenannte Modell Deutschland erwies
sich als sehr anfällig gegen Krisenerscheinungen in der
Weltwirtschaft. Die geographische Lage, die geringe
Größe des Territoriums und die Bevölkerungszahl
waren weitere Faktoren, die den Schluß hätten nahelegen
können, daß die Bundesrepublik für eine
Weltmachtrolle nicht geeignet war.
1 Am 25. März 1957 gründeten Belgien, Frankreich,
Italien, Luxemburg, die Niederlande und die BRD mit der
Unterzeichnung der Römischen Verträge die EWG. 1973 trat
Großbritannien bei
- Werner Biermann/Arno Klönne, Ein Spiel ohne Grenzen.
Politik und Weltmachtambitionen in Deutschland 1871 bis heute, 293
S., PapyRossa Verlag Köln, 17,90 Euro
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