Christof Meueler
Musikalisches Meer: Jose Andres Ordas Aguilera spielte allein im Doppelpack – und mit Vicente Feliu
Foto: Jakob Huber
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Samstag war rot. Die logische Farbe auf der
Rosa-Luxemburg-Konferenz: Plakate, Fahnen, Sterne und sogar die
Stuhlreihen. Auch bei den Konzertereignissen. Der Kubaner Jose
Andres Ordas Aguilera trug dann auf der Bühne auch einen roten
Kapuzenpulli mit Che Guevara drauf. Vorher war Ewo2 dran.
Dafür hatte deren Sänger Bernd Köhler seine rote
Jacke ausgezogen. Im schwarzer Nologo-Kleidung sang er
schließlich davon, den roten Stern zum Tanzen bringen zu
wollen. Das war ein persönliches Lied zum Schluß aus
Good-Old-Liedermacher-Country, nachdem seine Band diverse Hits der
Arbeiterbewegung filigran dekonstruiert hatte – mit
Drone-Sounds, Sprech- und Orchestersamples, teilweisen House-Beats
und vor allem kunstvoll akzentuiertem Gitarrenspiel mit
melancholischem Nachhall wie früher in den 90ern Bohren &
Der Club of Gore.
Als Ewo2 ihre schöne, besonders vorsichtige Version der
»Internationale« spielten, ein Lied, das laut
Köhler »in Massenchören und pathetischen
Aufführungen niedergebrüllt« worden sei,
tönten prompt ein paar berauschte Mitsinger aus dem Publikum
Marke Alte Schule, was er mit »ist halt Berlin«
kommentierte. Als wollte die Tradition die Gegenwart sprengen,
dabei sollte doch gerade die Gegenwart die übrige Zeit
angreifen. Später gab Köhler, der Mann mit der starken
Sprechtheater-Stimme, »Bella Ciao« zum besten, und
löste die Mitklatsch- und Mitsingambitionen des Publikums
in schnellem Hot Jazz auf. Solche Irritationen präsentiert er
mit großer Freundlichkeit, die Verpflichtung zur
hämischen Lustigkeit und historischen Distanzierung, wie sie
sich zum Beispiel die Bolschewistische Kurkapelle auferlegt hat,
geht ihm ab. Er ist mehr Künstler als Unterhalter, aber
gleichzeitig ein integrer Vermittler, zenbuddhistisch gelassen
geworden durch mehr als 30 Jahre Gewerkschaftsmusik.
Das beste Lied des Abends wurde vom sehr guten Ewo2-Gitarristen
Hans Reffert zur Slide auf seinen Knien gesungen –
»Joe Hill« als brachialer Talking Blues mit
Flüstern und Brüllen. Das hätten Nick Cave oder
Muddy Waters an einem guten Tag nicht besser hingekriegt. Aus
aktuellem Anlaß spielten und sangen Reffert und Köhler
dann zusammen das Lied »Geld«, eine atonale Predigt in
englisch-deutsch mit versetztem Einsatz, wobei Köhler immer
die Zeilen »es hat lang gedauert, bis ich das verstanden
habe« wiederholt. Ein Blick zwischen den beiden, jeder setzt
die Wasserflasche an, und dann geht es los – klingt wie eine
Post-Punk-Single aus den frühern 80ern, deren
Avantgarde-Anspruch erst heute eingelöst wird, weil man
endlich die Instrumente auf hohem Niveau beherrscht, basiert aber
auf dem Text aus dem Ausstellungskatalog eines japanischen
Künstleres, den Köhler zufällig mal in der Hand
hatte.
Klassische Arbeit an der Kunstform Lied leisteten dann die
Veteranen der Nueva Trova. Auf die kreative Verhandlung von
Widersprüchen kam es weniger an, es weiß ja jeder,
daß Kuba einen einzigen Widerspruch zum US-Imperialismus
darstellt. Aguilera sagte, er wäre zum ersten Mal wieder in
Deutschland, seit er 1984 in Ostberlin beim damaligen
»Festival des Politschen Liedes« aufgetreten war.
Dasselbe meinte auch Vicente Feliu, als er eine halbe Stunde
später die Bühne betrat. »Gut, es war ein anderes
Deutschland, aber trotzdem Deutschland«. Aus dem Publikum
wurde eher höflich »Naja« gerufen. Als Feliu kam,
wurde er von dem etwas jümgeren Aguilera als der
»Gründer, Gründer, Gründer« des Nueva
Trova angekündigt. Dezent-lässig schlenderte er herbei,
stellte sich neben Aguilera und begleitete ihn mit Fingerschnippsen
und Knieklopfen. Aguilera sang harmonischer, Feliu rauher und
strenger, dabei zuckte sein Gesicht mit. Und wenn er seine Gitarre
spielte, entwicklete er eine sympathische Tendenz zu rocken.
Höhepunkt war seine Interpretation eines Gedichts, das
Federico Garcia Lorca extra für das Spielen einer Gitarre
verfaßt hatte. Es gab Lieder über das Älterwerden,
die »Cuban Five«, die Liebe und die Sandinisten und
eins über den 50. Geburtstag von Feliu, von dem er meinte,
wenn Kuba sich zum 50. Jahrestag der Revolution ein Lied
geschrieben hätte, würde das bestimmt so ähnlich
sein. An sich uferten die Lieder aus, Aguilera/Feliu fluteten den
großen Saal der Urania methodisch-melodisch, ließen
eine Art musikalisches Meer entstehen, in das sie per Kopfsprung
eintauchten.
Parallel lief im Loft der Urania ein Tanzkonzert von Cool Breeze.
Acht Leute, drei Bläser und vor der Bühne machten vier
Redskins ineinander gehakt Can-Can. Songs von Duke Ellington, Lord
Kitchener und ein bißchen Trockeneis. Cool Breeze spielen
abstrakten Ska, um den Klischees dieser Musik zu entrinnen –
klappt meistens. Sie tippen das Genre nur an, damit es ins
Schwingen kommt. Im Jugendzentrumspublikum massenweise
Jungkommunisten, komischerweise fast alle in schwarz gekleidet.