Auf dem Podium: Michael Kronawitter, Lothar Bisky, Arnold Schölzel, Domenico Losurdo, Stefanos Loukas und sein Dolmetscher (v. l. n. r.)
Foto: Gabriele Senft
|
Nicht zuletzt die in diesem Jahr bevorstehenden Europawahlen
haben dazu geführt, daß die Europapolitik auch in der
Linken mehr und mehr zur Diskussion steht. Unter dem Titel
»Europäische Union – das nette Imperium von
nebenan« diskutierten am Samstag in Berlin der Vorsitzende
der Partei Die Linke, Lothar Bisky, der Berliner Antifa-Aktivist
Michael Kronawitter, der Herausgeber von Rizospastis, der Zeitung
der griechischen KP, Stefanos Loukas, sowie der italienische
Philospoph Domenico Losurdo. Moderator war jW-Chefredakteur Arnold
Schölzel. (jW)
Arnold Schölzel:
Über ihre Haltung zur NATO können sich Linke im
allgemeinen rasch einigen – sie sind für die
Auflösung des Kriegspaktes. Anders ist es mit der EU, da
existieren Unklarheiten, Grauzonen. Die einen sind der Meinung, die
EU überwinde Nationalismen und sehen in jeder Kritik an ihr
Antieuropäisches und die Rückkehr zum beschränkt
Nationalen. Andere meinen, es handele sich bei der EU zwar um ein
imperialistisches Vorhaben, aber es sei sinnvoll, auf ihrem Boden
um Veränderungen zu kämpfen. Wieder andere – wie z.
B. die Griechische Kommunistische Partei (KKE) – sind der
Auffassung, linke Politik sei nur gegen oder ohne die EU
möglich und vertreten für ihr Land die Forderung
»Raus aus der EU«. Ich hoffe, unser Gespräch heute
abend bringt etwas Klarheit in diese Mehrstimmigkeit.
Meine Frage an Lothar Bisky: Christiane Reymann, die Mitglied des
Vorstandes der Europäischen Linkspartei (EL) ist, fragte am
Mittwoch in der jungen Welt, ob Die Linke zu den Europawahlen am 7.
Juni mit zwei Programmen antreten wolle – mit dem
antikapitalistisch akzentuierten der Europäischen Linkspartei
(EL) und dem eigenen Programm, dessen Entwurf von Lothar Bisky und
Oskar Lafontaine vorgelegt wurde. Kritiker in Ihrer Partei halten
diesen Entwurf für »antieuropäisch«. Was
entgegnen Sie?
Lothar Bisky:
Daß ich diesen Gegensatz nicht sehe. Unser Entwurf ist in der
Diskussion und wird dem Parteivorstand zugeleitet, der am 19.
Januar tagt. Am 28. Februar findet dann unser Parteitag statt. Dann
wird sich zeigen, was akzentuiert, was gestrichen, was
hinzugefügt, was verworfen wird. Das ist ein normaler
innerparteilicher Prozeß.
Die Auffassung, daß es sich um zwei gegensätzliche
Papiere handelt, kann ich nicht nachvollziehen – auch wenn
Christiane Reymann das schreibt oder Wolfgang Gehrcke so
darüber spricht. Ich denke, es wird ein gutes Programm, in dem
wir – wie immer bisher – eine sehr kritische Haltung
zur EU einnehmen, in dem wir nichts schönreden und nichts
verkleistern wollen. Wir wollen auf dem Feld der EU kämpfen,
und das bezieht sich auf die selben Punkte, die auch im Programm
der EL angesprochen werden.
Punkt eins: Wir wollen Abrüstung und nicht Aufrüstung.
Wir wollen keine US-amerikanischen Raketenschilde in
Tschechien und Polen und unterstützen sehr praktisch die
Proteste von Linken in beiden Ländern.
Punkt zwei: Wir wollen ein Europa, in dem soziale Mindeststandards
gelten, wir wollen einen Mindestlohn. Wir wollen nicht, daß
es so weitergeht mit den Entscheidungen des Europäischen
Gerichtshofes, der jetzt viermal einen wahnsinnigen neoliberalen
Kurs bestätigt hat.
Und drittens wollen wir ein Europa, in dem die Bürger
gelegentlich gefragt werden. So etwas wie der Lissabon-Vertrag
gehört in eine Abstimmung und nicht in Geheimkabinette der
Regierungen. Dafür haben wir Unterschriften gesammelt, denn
das ist eine so gravierende Veränderung, daß ein
Referendum in allen Ländern nötig ist und nicht nur in
Irland. Im übrigen führt, wie man sieht, eine solche
Politik gegen die Meinung der Bevölkerung in eine Sackgasse.
Das wird so auch im Wahlprogramm stehen.
Der vierte Punkt ist: Wir wollen Maßnahmen zum Klimaschutz.
Was die Klimaschutzkanzlerin und andere jetzt an Lockerungen
zulassen, ist nicht überzeugend. Wir wollen eine nachhaltige
ökologische Entwicklung in Europa. (…)
Arnold Schölzel:
Kann man das so zusammenfassen: Antikapitalistische Akzente ja,
aber auch in der EU tätig werden?
Lothar Bisky:
Die EU ist eine Realität. Da wir ins Europaparlament wollen,
weil wir dieses Gremium auch als Ort der politischen
Auseinandersetzung sehen. Deswegen müssen wir auch innerhalb
der EU Politik betreiben. Das ist eine Politik zur Veränderung
von Europa: Wir wollen diesen neoliberalen Kapitalismus pur nicht.
Das hat immer zu unserer Politik gehört.
Arnold Schölzel:
Die KKE, die griechische Kommunistische Partei, vertritt in dieser
Hinsicht eine völlig andere Position – raus aus der EU.
Wir haben einen Leserbrief in der jungen Welt veröffentlicht,
in dem es hieß: Dann könne man auch fordern, aus der
Bundesrepublik bzw. – füge ich hinzu – aus
Griechenland auszutreten. Was halten Sie von dieser Auffassung,
Stefanos Loukas?
Stefanos Loukas:
Die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und
ihre Weiterentwicklung zur Europäischen Union zeigt, daß
ein Bund entstanden ist, der nur zur Reproduktion des
kapitalistischen Systems dient. Es zeigt auch, daß in unserem
Land das linke Wahlbündnis andere Wünsche hat. Und auch
das Ungleichgewicht zwischen den Mitgliedsstaaten wird immer
stärker; innerhalb der Europäischen Union wird sich
zeigen, daß der Wettbewerb immer stärker ist und wir
Griechen immer wieder hintanstehen werden.
Die KKE hat zum ersten Mal, als das Nein zur EU der Monopole und
später das Nein zu Maastricht ausgesprochen wurde, immer
wieder Nein gesagt zur Europäischen Union. Und zwar im
griechischen und im europäischen Parlament. Entweder ist
Europa kapitalistisch oder sozialistisch. Es gibt keinen dritten
Weg.
Bedenken wir doch, was damals Lenin über die Losung der
Vereinigten Staaten von Europa geschrieben hat. Er wies nach,
daß diese Vereinigten Staaten entweder gar nicht erst
zustande kommen oder, wenn ja, nur konterrevolutionär werden
kann. Diese Einschätzung beweist sich heute von Tag zu Tag
aufs neue.
In allen Ländern, auch in unserem, stehen die
Beschäftigten vor der Verschlechterung ihrer Arbeits- und
Lebensbedingungen. Die Privatisierung schreitet voran, sogar in der
Bildung. Die Europäische Union wird militärisch immer
stärker und beteiligt sich auch an Kriegen. Unsere Partei
kämpft gegen diese EU – wir sind gegen den Imperialismus
und wollen statt dessen den Sozialismus.
Der Kampf gegen EU und NATO wird nicht nur in Griechenland
geführt. Es gibt in vielen Ländern Initiativen –
etwa die Aktionen in den kommunistischen Parteien Portugals oder
der Türkei gegen die Militärbasen der NATO.
Die Europäische Linkspartei EL ist natürlich für die
EU. Wir halten die EL für ein Hindernis bei der Entwicklung
einer Volksbewegung gegen die europäische Integration.
(...)
Arnold Schölzel:
Danke, eine klare Position. Domenico Losurdo, welche sozialen
Kräfte stehen hinter der Bildung der EU und welche stehen
ihnen und ihr entgegen? Welche Chancen für eine Alternative
gibt es?
Domenico Losurdo:
Zur EU bekennen oder sie bekämpfen? Die letztere Position bekam den stärkeren Beifall
Foto: Gabriele Senft
|
Es liegt auf der Hand, daß die Bourgeoisie in der EU herrscht
und es ein Wunder wäre, wenn eine andere Klasse die Herrschaft
ausübte. Ich glaube aber nicht an Wunder. Die Bourgeoisie
herrscht in Europa seit ungefähr zwei Jahrhunderten, und ich
glaube, daß sie noch längere Zeit herrschen wird. Das
heißt, wir müssen die Verschiedenheit geschichtlicher
Perioden berücksichtigen. So gaben z. B. die Kommunisten
während des Ersten Weltkrieges die Losung aus: »Der
Hauptfeind steht im eigenen Land!«. Mit dieser Losung gelang
die Verwandlung des imperialistischen in einen revolutionären
Krieg – in Rußland und in einem gewissen Sinn sogar in
Deutschland und Österreich. Aber im Zweiten Weltkrieg gab die
Kommunistische Internationale eine andere Parole aus. Sie lautete:
Es gibt einen Hauptfeind in internationalem Maßstab und das
sind Nazideutschland bzw. die Achsenmächte. Auch diese Parole
war richtig. Es gab große Revolutionen auch am Ende dieses
Krieges, denn der Große Vaterländische Krieg der
Sowjetunion siegte u. a. auch in China, in der Tschechoslowakei und
in gewisser Weise sogar in Frankreich.
Wir dürfen in der kommunistischen Bewegung nicht nach
Analogien urteilen. Wenn sie das tat, endete das immer in
Katastrophen. Was heißt das? Wir sind heute nicht in der
Situation, die vor dem Ersten oder dem Zweiten Weltkrieg bestand.
Heute gibt es ein weltweit tätiges Militärbündnis,
die NATO, das unter der Vorherrschaft der USA steht. Es ist nicht
Deutschland, das Militärbasen in den USA hat, sondern die USA
haben Basen in Deutschland, Italien, Japan usw. Die NATO und die EU
sind imperialistische Vorhaben, aber es gibt Unterschiede. Die
Blockade gegen Kuba haben z. B. die USA verhängt, sie wollen
die Insel angreifen. Ähnliches gilt für Lateinamerika und
für China. Oder Gaza: Natürlich spielt die EU eine infame
Rolle, aber die Tragödie dort kann nicht ohne den
US-amerikanischen Imperialismus und den israelischen Kolonialismus
gedacht werden.
Ich glaube, daß wir eine Losung ausgeben sollten, die nach
meiner Meinung Geltung in internationalem Maßstab hat. Wir
müssen in jedem Land, in jeder Region so agitieren, daß
die USA als Kriegstreiber und als Besatzer angeprangert und
angeklagt werden. Das ist, glaube ich, auch eine Hilfe, die eine
Linke, die internationalistisch denkt, dem Volk von Gaza geben
kann.
Hier sind Vertreter wichtiger Parteien, ich spreche nur als
Philosoph und Historiker für mich selbst: Als die
Europäische Wirtschaftsgemeinschaft 1957 gegründet wurde,
versuchte sich die Bourgeoisie von einem Vorwurf zu befreien. Sie
hatte in zwei Weltkriegen Katastrophen in Europa und der ganzen
Welt verursacht und erklärte nun, sie wolle den Chauvinismus
überwinden. Sie hat aber an Stelle des nationalen einen
westlichen Chauvinismus eingeführt. Die westliche Ideologie
aber, nach der der Westen Richter der ganzen Welt ist, ist nur die
Nachfolgerin der Ariermythologie.
Ich gehe davon aus, daß es in Europa zwei entgegengesetzte
Traditionen gibt. Als Europa Amerika »entdeckte« und
scheußliche Völkermorde beging, lautete die
europäische Ideologie: Wir Europäer verbreiten die
Zivilisation gegen die Kannibalen. Aber ein großer Philosoph
des 16. Jahrhunderts hielt dem entgegen: Wir Europäer sind die
wahren Kannibalen. Ähnliches wurde in der Aufklärung
gesagt, z. B. von Denis Diderot, und von dem großen
Europäer Karl Marx, der darauf hinwies, daß die
Heuchelei der Europäer in ihren Kolonien studiert werden kann.
Ich halte daher nichts von einem Europa-Nihilismus. Die Verteidiger
der EU sind Chauvinisten, die Europa schon einmal in eine
Katastrophe gestürzt haben und das wiederholen werden, wenn
sie nicht gestoppt werden. Ich fühle mich aber als
bescheidener Nachfolger einer europäischen Kultur, die mit
Montaigne, mit den französischen Aufklärern, mit Marx und
Lenin die scheußlichen Untaten Europas und des Westens
aufgedeckt hat. Ich glaube, daß wir diese edle
europäische Tradition übernehmen bzw., mit den Worten
Lenins und Gramscis, diese Erbschaft antreten müssen. Das
bedeutet, gegen den Imperialismus zu kämpfen und niemals zu
vergessen, daß der Hauptfeind im internationalen
Maßstab der US-Imperialismus ist.
Arnold Schölzel:
Michael Kronawitter, Sie kommen aus einem politischen Spektrum, das
sich außerhalb von Parteien gebildet hat. Wie sehen Sie deren
Politik in der EU?
Michael Kronawitter:
Manche Linke ziehen den europäischen Imperialismus dem
US-Imperialismus vor, weil er ihnen ziviler und weniger
blutrünstig erscheint. Das halte ich für falsch!
Der EU-lmperialismus ist nicht das kleinere Übel – er
ist das gleiche Übel! Und der europäische Imperialismus
hat mir wegen seiner »zivilgesellschaftlichen«
Heuchelei und seinem Zynismus fast mehr Übelkeit bereitet als
die US-imperialistische Variante. Sozusagen: imperialism
unplugged.
Ich denke da z.B. an das NATO/EU-Projekt, den Überfall auf
Serbien unter einer Regierung von Grünen und SPD. Ein
Überfall, der unter anderem mit dem Verweis auf Auschwitz
durchgeführt wurde.
Die Frage nach dem Mitmachen in den Institutionen dieses Projekts
berührt ja die allgemeine Frage nach der Sinnhaftigkeit vom
Parlamentarismus und der Beteiligung an der Inszenierung von
Demokratie. Ich finde es immer in Ordnung und manchmal auch
notwendig, daß sich Linke im parlamentarischen Raum
engagieren. Sie müssen sich dabei aber immer der
Möglichkeiten und Grenzen ihres Handelns bewußt sein,
und das auch allen anderen Menschen klarmachen, die auf den
Straßen, in den Fabriken, Schulen – wo auch immer
– kämpfen. Klarmachen, daß sie selbst kämpfen
müssen, daß es keine Delegierung in die Institutionen
der Herrschenden geben kann.
Aufgaben dieser Parlamentarier sind: Über die Pläne der
herrschenden Eliten informieren, skandalisieren, aufklären und
den ganzen Dreck, der dort geplant wird, transparent und
bekämpfbar machen! Auch die Unterbrechung des medialen
Einheitsbreis kann durch provokative Aktionen erfolgen: Wie
schön kann es sein, bei einer Rede gegen die
Abschieberichtlinie der EU einfach mal das Rednerpult zu zerhacken,
oder Blut ins Parlament zu gießen!
Eine weitere wichtige Grenze bei aller linker EU-Euphorie bleibt
ebenfalls: Wenn man 27 kapitalistische Nationen zusammenwirft,
kommt dabei kein Sozialismus heraus. Das Ergebnis ist ein
europäisches kapitalistisches Imperium, ein kapitalistischer
Kontinent! Dann heißt die neue Parole frei nach Liebknecht:
Der Hauptfeind steht im eigenen Kontinent!
Die Probleme bei der Mitmacherei in diesen Institutionen werden
dann um so schwerwiegender, wenn aus Opposition Mitmachen in Form
von Mitregieren wird.
Wir können die erbärmlichsten Auswüchse solch
genialer taktischer Schachzüge erwachsener Sozialisten und
Sozialistinnen hier in Berlin sehen: Hier wird der Begriff Reform
zur Bedrohung für alle, die nicht zu den Siegern der freien
Marktwirtschaft gehören. Hier in Berlin werden die
Lebensbedingungen für die sozial Deklassierten, die Armen, die
Erwerbslosen trotz einer mitregierenden sozialistischen Partei
immer schlechter. Hartz IV wird umgesetzt, der Sozialstaat wurde im
neoliberalen Sparwahn rigoros abgebaut, Wasser, Strom, Wohnungen
wurden privatisiert, die Lernmittelfreiheit wurde abgeschafft, der
polizeiliche Repressionsapparat ausgebaut, um nur einige Beispiele
zu nennen. Und zur Legitimation all dieses Mitmachens wurde und
wird die heillose Logik des Sachzwangs kolportiert, wird die
Alternativlosigkeit gepredigt. Und viele arme Schweine glauben das,
denn in schlechten Zeiten hat leider auch pseudoplausibles
Dummgeschwätz Hochkonjunktur.
Für die parlamentarische Linke in Europa spielt diese Gefahr
noch keine allzu große Rolle. Aber Tendenzen lassen
befürchten, daß ein Burgfrieden für eine Schlacht
gegen eine unzivilisierte Macht (und manch einer träumt
vielleicht schon von der Schlacht gegen die USA) mit einigen Linken
möglich sein könnte. In der Überschrift des neuen
Entwurfs des Wahlprogramms der Linkspartei heißt es:
»Frieden, Demokratie, Solidarität – Für ein
besseres Europa«. Ein klares Nein zu diesem Projekt der
Eliten wäre hilfreicher, würde von mehr Menschen richtig
verstanden und wäre auf der Höhe der Zeit.
Weil es ja auch in der Linken immer Menschen mit Hang zur Esoterik
und zum leicht debilen »positive thinking« gibt, die
also nicht immer nur »dagegen« sein wollen, fang ich
mal so an:
Ich möchte für ein Europa kämpfen, in dem der Mensch
ein Mensch sein kann, in denen der Mensch kein erniedrigtes, kein
geknechtetes, kein verlassenes, kein verachtetes Wesen ist. Die
Produktionsmittel wären im Besitz der Produzierenden, die
Produktion wäre vernünftig, geplant, ökologisch.
Eine solidarische Gesellschaft also, deren Räume offen sind
für Hilfesuchende, für Flüchtlinge, für vom
Kapitalismus Angeschissene. An den Grenzen meines Europas gäbe
es keine Leichenberge, und aus diesem Europa führten keine
Blutspuren in andere Kontinente. Soweit zu meinem
Wunschvorstellung. Zu meinem »Ja« zu Europa.
Aber das Leben ist kein Wunschkonzert. Deshalb geht es darum, die
Augen aufzumachen, sich nicht blöd machen zu lassen, und sich
auch von manchen Linken mit ihren zivilgesellschaftlichen
Märchenstunden von den »Chancen«, von den
»Möglichkeiten«, dem
»Entwicklungspotential« der EU nicht einlullen zu
lassen.
Das real existierende Europa ist das politische Projekt EU. Und die
ist ein Elitenprojekt des Klassenkampfes von oben. Es ist ein
Projekt ökonomischer Interessen. In der Lissabon-Strategie ist
das ehrgeizige Ziel formuliert, daß Europa bis 2010 zum
führenden Wirtschaftsraum der Welt wird. Dazu gehört eine
massive Militarisierung der EU. Der Ausbau der militärischen
Schlagkraft dient weniger der gewaltsamen Öffnung von
Märkten, als vielmehr einem Sicherheitsimperialismus, der den
reibungslosen Ablauf der Kapitalakkumulation und den Zugriff auf
Ressourcen sichern und kontrollieren soll.
Und am Donnerstag lese ich in der jungen Welt, daß sich
Linksparteimitglieder aus dem Forum Demokratischer Sozialismus als
Europäer fühlen. Das mit den Gefühlen können
wir ja mal dahingestellt lassen, das kann man auch behandeln. In
ihrer Veröffentlichung steht aber außer dem hohlen
Bekenntnis, »eine pro-europäische Partei sein zu
wollen«, folgende zentrale Aussage: »Europa ist keine
Bedrohung«.
Nach innen: Was ist die Dienstleistungsrichtlinie der EU oder die
Einschränkung des Streikrechts durch den Europäischen
Gerichtshof anderes als eine Bedrohung? Ist die Senkung von
Löhnen, Sozialstandards und Unternehmenssteuern, die von der
EU – und in Vorreiterrolle der deutschen Regierung –
betrieben werden, keine Bedrohung für die Menschen in
Europa?
Nach außen: Ist der ökonomische Zwang, den die EU z. B.
auf Bolivien und andere südamerikanische Länder
ausübt, nämlich ein »Abkommen« zu
unterzeichnen, das sie zur vollständigen Liberalisierung ihrer
Märkte zwingt, etwa keine Bedrohung der Menschen dort?
Sind die Grenzen Europas, an denen in den letzten Jahren Tausende
Menschen umgekommen sind, wo Lager aufgebaut und verwaltet werden,
um die anflutenden Hungerleider einzukerkern und im Inneren Afrikas
wieder auszusetzen, keine Bedrohung? Und die
Aufrüstungsverpflichtung der EU, vertraglich festgelegt!
– Keine Bedrohung?
Na ja, und dann haben wir noch die Kleinigkeit mit den realen
militärischen Einsätzen. Was fühlen wohl die
Verwandten der Familie in Afghanistan, die versehentlich an einem
deutschen Checkpoint erschossen wurde? Eventuell Bedrohung?
»Europa ist keine Bedrohung« – waren die total
zugekifft, als sie das geschrieben haben?