Dietmar Koschmieder
10000 oder 80000 gegen Kapitalismus und Krieg – wen interessiert das schon?
Foto: Chr. Ditsch/Version
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Das Liebknecht-Luxemburg-Wochenende in Berlin klärt den
aufmerksamen Beobachter über den Zustand der Linken, aber auch
über den der bundesdeutschen Medienlandschaft auf. Immerhin
kamen zur größten antikapitalistischen Manifestation des
Landes am vergangenen Sonntag 80000 bis 90000, und damit mehr
Menschen als in den letzten Jahren. Allein die Veranstalter der
Internationalen Demonstration berichten von 12000 Teilnehmenden.
Und mit über 1600 Besuchern ist die Rosa-Luxemburg-Konferenz
auch in diesem Jahr das »größte neomarxistische
Symposium« im Lande, wie selbst die Bürgerlichen
zugeben. Wie wird das also in den Medien widergespiegelt?
Zunächst schien es, daß die ZDF-Hauptnachrichten um 19
Uhr am Sonntag abend diese Veranstaltungen völlig
unterschlagen würden. Aufgemacht wurde die Sendung zwar mit
einem ausführlichen Bericht über Demonstrationen in
mehreren deutschen Städten, allerdings ging es da um die
Unterstützung des Kriegskurses der momentanen israelischen
Regierung. Bundesweit nahmen daran allerdings nicht mehr als 3500
Menschen teil. Dann wurden doch noch – als letzte politische
Meldung vor dem Sport – wie jedes Jahr einige Bilder von
Gregor Gysi, Lothar Bisky und anderen Linksparteipolitikern beim
Kranzniederlegen gezeigt und behauptet, daß in diesem Jahr
10000 Menschen an der Veranstaltung teilgenommen hätten.
Immerhin werden Liebknecht-Luxemburg-Demonstration und Gedenken
regelmäßig in den Printmedien erwähnt. Die taz
macht es dem ZDF gleich und manipuliert die Teilnehmerzahl gewaltig
nach unten: »Wie jedes Jahr versammelten sich mehr als
zehntausend Menschen in Berlin, um der vor 90 Jahren von
Freikorps-Soldaten ermordeten KPD-Gründer (...) zu
gedenken«, heißt es auf Seite sieben der Montagausgabe.
Obwohl, 80000 bis 90000 sind ja in der Tat mehr als zehntausend
Menschen. Im Lokalteil wird dann auf Seite 21 nachgebessert:
»Seit der Wende nehmen jährlich mehrere zehntausend
Menschen an dem Gedenken teil, nach Angaben eines Sprechers der
Linken waren es diesmal 80000.« Als ob es vor der Wende
dieses Gedenken nicht gegeben hätte.
Aber immerhin wird es in den Medien notiert. Die
Rosa-Luxemburg-Konferenz hat es da schon schwerer. Nur wenn
irgendeine Sendeanstalt acht Wochen nach der Konferenz entdeckt,
daß eine Grußadresse von Christian Klar verlesen wurde,
schafft es auch dieses Ereignis tagelang in die
Nachrichtensendungen beispielsweise des ZDF. Nur zwei
überregionale Tageszeitungen erwähnen in diesem Jahr die
Veranstaltuung. Allerdings kommen sie auch nur ihrer
Chronistenpflicht nach, damit die eigenen Leserinnen und Leser
nicht allzusehr meckern. Die taz bringt in einem Bericht über
das politische Wochenende in ihrem Lokalteil gerade mal zehn
Sätze zur Konferenz unter, und selbst die sind nicht
fehlerfrei (so wird Sara Flounders vom International Action Center
mal flugs zur Sprecherin der US-KP ernannt). Der Hauptteil des
Beitrages wird dann allerdings der Veranstaltung einer
äußerst kreativen Person gewidmet. Jürgen
Elsässer, einst Erfinder der Antideutschen, wurde
offensichtlich von einem Alien geküßt und will nun keine
Klassen mehr kennen, sondern nur noch Deutsche, die gemeinsam
Nation und Kapital schützen. Dazu hat er sich »aus dem
linken Getto« verabschiedet und eine Volksfront-Initiative
gegründet, die er am Samstag vergangener Woche in einer
Westberliner Szenekneipe vorstellte. Überschrieben ist der
taz-Artikel »Linke müssen Überstunden
leisten« – was aber knapp drei Viertel des Berichtes,
der sich mit dem neuesten esoterischen Mist Elsässers
beschäftigt, mit links zu tun haben soll, versteht
offensichtlich selbst der taz-Autor nicht. Gut, daß es da
noch das Neue Deutschland gibt, denn die Tageszeitung war das
einzige überregionale Medium, das neben der jungen Welt am
Montag über die Luxemburg-Konferenz berichtet hat. Allerdings
genügten dem ND dazu ganze drei Sätze, obwohl
beispielsweise sein Herausgeber Lothar Bisky Teilnehmer der
Podiumsdiskussion zur Europäischen Union war.
Die junge Welt ist also nicht nur notwendig, um sich umfassend
über diverse Kriege und soziale Bewegungen zu informieren. Sie
ist auch unersetzbar, wenn es um Medienanalyse und um die
Beschreibung von Bewegung und Theoriediskussionen in der Linken
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