Rüdiger Göbel
Empfang der internationalen Gäste am Freitag abend,
Rosa-Luxemburg- Konferenz und Solidaritätskonzert in der
Urania am Samstag, Demonstration zur Gedenkstätte der
Sozialisten in Friedrichsfelde und feierliche Enthüllung einer
Rosa-Statue in Mitte am Sonntag – es war ein wahres
Mammutprogramm, das die junge Welt und ihre Unterstützer am
vergangenen Wochenende zu bewältigen hatten. Allen voran das
Aktionsbüro und die Kolleginnen und Kollegen vom Verlag
leisteten Rekordarbeit. Von Hektik und Streß nach außen
keine Spur, selbst als kurz vor Konferenzbeginn noch rasch die
Kabel für die Übersetzerkabinen verlegt und
Palästina-Solidaritätstransparente an die Wände des
Großen Saales gehängt wurden. Die Losungen des
israelischen Friedensblocks Gush Shalom »Stoppt das Morden.
Stoppt die Besatzung. Stoppt die Blockade« und »Stoppt
die Vernichtung der palästinenensischen
Bevölkerung« machten aus dem abstrakt klingenden
Veranstaltungstitel »Internationalismus und Gegenmacht
heute« eine konkrete Handlungsaufforderung. Bis dato zeichnet
sich die deutsche Linke durch weitgehende Abwesenheit bei den
Antikriegsprotesten der palästinensischen und arabischen
Gemeinden aus. Die US-Aktivistin Sara Flounders, die in den
vergangenen Jahren wiederholt die Kriegsgebiete Irak, Libanon und
Palästina bereist hatte, konnte es gar nicht glauben, als ihr
in der Garderobe berichtet wurde, nicht nur Friedensbewegung und
Linkspartei, sondern auch die hiesigen Kommunisten fordern Israel
und die Hamas gleichermaßen zur Einstellung der Angriffe auf.
Beherzt und unter dem Applaus des Publikums verteidigte sie in
ihrem Vortrag später die palästinensische Gegenwehr. Und
der Philosoph Domenico Losurdo konstatierte: »Die
Solidarität mit dem Märtyrervolk unserer Tage schlechthin
ist ein wesentliches Element des Internationalismus. « Im
Foyer verteilten junge Aktivistinnen der türkisch-kurdischen
Migrantenorganisation DIDF unermüdlich Flugblätter zum
Massaker in Gaza. Ein Symbol für Internationalismus und
Gegenmacht ist Kuba, wie die aus Havanna angereiste
Wissenschaftlerin Georgina Alfonso González
bekräftigte. Ihr Land habe die vergangenen 50 Jahre
gekämpft und überlebt auch dank der internationalen
Solidarität. »Der Mensch steht im Zentrum all unserer
Bemühungen«, betonte die Vertreterin der jungen
Generation der kubanischen Revolution. Und während im
großen Saal das Ensemble des Berliner Grips-Theaters mit
seinem »Chor der sozialdemokratischen Führung« das
Publikum begeisterte, strahlte draußen auf der
Leuchtdiodenwand an der Urania der rote Stern weithin sichtbar.
Sehr überzeugend präsentierte der Publizist und
»Tatort«-Regisseur Klaus Gietinger seine akribischen
Recherchen zu den Mördern von Rosa Luxemburg. In seinem
Vortrag schlug er in gut 30 Minuten einen großen Bogen von
der Kriegs- SPD vor 90 Jahren zur NPD und Ronald Pofalla, hatte
doch der CDU-Generalsekretär vor einigen Monaten das
militärische Vorgehen von Gustav Noske ein »beherztes
Auftreten für eine Republik« genannt. Der Berliner
Neonazichef Jörg Hähnel wiederum heißt die Morde an
Luxemburg und Liebknecht am 15. Januar 1919 als »Akt des
Demokratieerhalts« gut. Traurige Kontinuität der
Rosa-Luxemburg-Konferenz blieb auch in diesem Jahr, daß der
Beitrag von Mumia Abu-Jamal per Tonbandaufnahme eingespielt werden
mußte. Der US-Journalist kämpft nach wie von der
Todeszelle aus um ein neues faires Verfahren und ist weiterhin von
der Hinrichtung bedroht, wie sein Übersetzer und
Unterstützer Jürgen Heiser klarmachte. Nach der
Diskussion am Abend über die EU, »das nette Imperium von
nebenan «, war den meisten der 1 600 Konferenzteilnehmer
offensichtlich die Luft ausgegangen. Die großartigen Konzerte
des kleinen elektronischen Weltorchesters, kurz: Ewo2, und des
Kubaners Vicente Feliú, in Begleitung von Pepe Ordas,
genoß leider nur ein kleineres Publikum. Schon jetzt
vormerken: Die XV. Rosa-Luxemburg-Konferenz der jW findet statt am
9. Januar 2010.
Auszüge der Referate lesen Sie in der jW-Sonderbeilage am
28. Januar. Im März erscheint eine Konferenzdokumentation als
Broschüre. Den »Chor der sozialdemokratischen
Führung« kann man noch einmal im Stück
»Rosa« im Grips- Theater erleben (www.grips-theater.de). Die
Bücher von Klaus Gietinger »Der
Konterrevolutionär« und »Eine Leiche im
Landwehrkanal« gibt's auch in der jW-Ladengalerie
(www.jungewelt-shop.de)