Mumia Abu-Jamal
Mumia Abu-Jamal ist Journalist und politischer Aktivist. Er
wurde 1982 in einem rassistischen Justizverfahren in Philadelphia
(US-Staat Pennsylvania) zum Tode verurteilt.
Wenn man sich die Reaktionen auf die Wahl Senator Barack Obamas aus
dem US-Bundesstaat Illinois zum Präsidenten der USA anschaut,
dann kann man sie am besten mit dem Wort »Jubel«
zusammenfassen. Das wundert nicht, denn wenn je ein Politiker die
Zeichen der Zeit verstanden hat, dann Barack Obama. Umjubelt wurde
er sowohl im Inland als auch international. In meinem ganzen Leben,
das nun schon ein halbes Jahrhundert währt, kann ich mich an
keine Präsidentenwahl erinnern, die eine derartige politische
und bis in die Eingeweide spürbare Reaktion hervorgerufen
hätte.
Zur Rolle der Linken in diesem spektakulären Ereignis
müssen wir feststellen, daß auch sie die Zeichen der
Zeit verstanden hat, aber es waren die Zeichen, die die Mehrheit
der Wähler gesetzt hatte, die sich nicht nur
zusammenschlossen, um Obama zu wählen, sondern vor allem auch,
um die US-Rechte mit ihrer ruinösen Politik vor die Tür
zu setzen. Stellvertretend galt dieser Rausschmiß dem
amtierenden Präsidenten George W. Bush und seinen
mutmaßlichen politischen Erben von der Republikanischen
Partei, Senator John McCain aus Arizona und Alaskas Gouverneurin
Sarah Palin.
Obwohl die US-Linke ein konstituierender Teil dieser Mehrheit der
Wählerschaft war, hat sie aber die Kräfte, die für
Obama gestimmt haben, weder vorangetrieben noch gelenkt. In
vielerlei Hinsicht war es die Linke selbst, die von diesen
Kräften mitgerissen wurde.
Schimpfwort »Sozialist«
Zu ihnen gehörten vor allem junge Leute zwischen 18 und 28,
die auf eine bisher ungekannte Weise für Obama mobilisiert
haben. Mobilisiert haben auch die Afroamerikaner, die so zahlreich
wie noch nie zur Wahl gingen, weil Obama für sie einer der
ihren ist. Und für ihn stimmten auch Millionen Frauen, von
denen sich viele respektlos behandelt fühlten, als
ausgerechnet Sarah Palin ausgewählt wurde, die, auch wenn sie
eine Frau ist, durch einen erstaunlichen Mangel an Wissen und
Fachkompetenz auffiel. Daß ausgerechnet sie
Vizepräsidentin werden sollte, ließ Befürchtungen
aufkommen, was passieren würde, wenn Senator McCain als
gewählter US-Präsident die Anstrengungen des Amtes nicht
überleben und Palin automatisch sein Amt übernehmen
würde.
Man darf auch nicht jene Wählerschichten außer acht
lassen, die sich von den Ultrarechten der Republikanischen Partei
verraten oder nicht ernstgenommen fühlten, weil diese ihren
Wahlkampf fast ausnahmslos auf der Linie aufbauten, Obama sei
»Sozialist«, der sich – wie von Sarah Palin
wieder und wieder zu hören war – »mit Terroristen
einlie߫.
Für das Ausland müssen diese Sprachformeln kurz
entschlüsselt werden. Das Etikett »Sozialist« ist
eine etwas moderatere, elegantere Version des Begriffs
»Kommunist«, der wiederum das schlimmste Schimpfwort
ist in der kapitalistischen Politik der USA. Es wird nur noch von
dem nach dem 11. September 2001 wichtigsten Kampfbegriff
»Terrorist« übertroffen. Und wenn man Obama schon
als »Komplizen von Terroristen« hinstellte, war es nur
folgerichtig, daß er selber einer sein mußte.
Den letzten Hinweis darauf sollte seine angebliche Freundschaft zu
William Ayers liefern, einem ausgezeichneten Pädagogen, der in
den 1960er Jahren Gründungsmitglied des Weather Underground
war, einer Organisation von Aktivisten aus der Studenten-,
Antikriegs- und antiimperialistischen Bewegung, die für
Sachbeschädigungen an öffentlichen Gebäuden
verantwortlich waren und die schwarzen Befreiungsbewegungen jener
Zeit unterstützten.
Obama aber war nie ein Linker, egal wie man es auch dreht.
Bezugsrahmen Obamas
In der Frühjahrsausgabe 2008 des Magazins The Black Scholar
bringt Charles B. Henry, Professor für Afroamerikanische
Studien, es auf den Punkt, indem er sowohl Obama mit dessen eigenen
Worten als auch aus seiner, im New York Times Magazine
publizierten, politischen Vita zitiert.
Die von Obama wiedergegebenen Bemerkungen sind bemerkenswert:
»Die Demokraten erstarrten in ihrer Kontroverse über
Vietnam, was bedeutete, daß man entweder ein
›Scoop‹-Jackson-Demokrat« war oder ein
»Tom-Hayden-Demokrat« und sich in allen
militärischen Fragen sofort verdächtig machte. Aber das
ist einfach nicht mein Bezugsrahmen.«
Daß Obama gerade diese beiden Pole der Demokratischen Partei
hervorhob, ist aufschlußreich: Senator »Scoop«
Jackson war derart entschieden für den Vietnamkrieg, daß
er »Senator von Boeing« (dem Hersteller der
B-52-Bomber) genannt wurde. Tom Hayden gehörte im Gegensatz zu
ihm als Student der Antikriegsbewegung an und war Mitglied des SDS
– Students for a Democratic Society.
Wenn diese beiden Pole nicht Obamas Bezugsrahmen sind, sei noch
angemerkt, daß er sich auch niemals als
»Jesse-Jackson-Demokrat« bezeichnet hat.
Das führt uns zur nächsten Frage, nämlich zum
Zustand der US-Antikriegsbewegung. Kurz gesagt: sie liegt am Boden.
Paradoxerweise ist das ausgerechnet auf die massiven
Protestdemonstrationen des Frühjahrs 2003 gegen den drohenden
Irak-Krieg zurückzuführen. Für Millionen Menschen
waren diese Proteste ihre erste und bislang letzte Erfahrung mit
Massenaktionen. Leider haben viele aus dieser Erfahrung die Lehre
gezogen, sie beweise ihre Machtlosigkeit und nicht ihren
Machtzuwachs. Und das nur, weil Bush die Proteste bedenkenlos
ignoriert hat, stattdessen mit dem Säbel rasselte und mit der
»Operation Schrecken und Ehrfurcht« seine
Kriegsmaschinerie in Gang setzte.
Viele Menschen, die das Auf und Ab öffentlicher Proteste nicht
gewohnt sind, machte ihr Scheitern, den Krieg kurzfristige nicht
stoppen zu können, blind für das Besondere, das diese
Demonstrationen bedeuteten, denn nie zuvor hatten die USA solche
Massenproteste erlebt, bevor ein Krieg begann. An diesem Punkt war
die Antikriegsbewegung eine reale Gegenmacht, der Kampf wurde nur
viel zu früh aufgegeben.
Um analysieren zu können, ob Obamas Wahl für einen linken
Aufschwung steht und ob die Antikriegsbewegung wieder neuen
Auftrieb bekommt, müssen wir uns nur daran erinnern, daß
Obama weder ein Linker ist noch ein Kriegsgegner. In der
frühen Phase seines Wahlkampfes sprach er sich
ausdrücklich gegen den Irak-Krieg aus. Anders in der letzten
Phase, als er nur noch verkündete, der Rückzug der
US-Truppen aus Irak sei notwendig für eine Aufstockung der
Truppen in Afghanistan.
Wenn man sich nun die aktuellen Ereignisse anschaut, während
diese Worte geschrieben werden, dann deutet sich an, daß es
in den nächsten zwei Wochen möglicherweise mehr
Antikriegsproteste in den USA gegen den israelischen
»Blitzkrieg« in Gaza geben wird, als es sie in den
letzten zwei Jahren gegen die Besetzung Afghanistans durch
US-Truppen gegeben hat.
Großer Schritt
Das sagt kurz und bündig alles darüber aus, wo wir
momentan stehen. Aber wo wir stehen, muß noch nicht
notwendigerweise darüber entscheiden, wohin wir gehen.
Menschen bewegen sich in kleinen Schritten oder in großen
Sprüngen. Die Wahl Barack Obamas war zweifellos ein
großer Schritt in der Geschichte der USA. Einen solchen Tag
konnten weder George Washington noch Thomas Jefferson, Abraham
Lincoln oder gar John F. Kennedy voraussehen.
Aber einer der am meisten verehrten schwarzen Historiker der USA,
Vincent Harding (Autor des Klassikers »There Is A
River«), sprach sicher nicht nur für sich, als er
über Obama sagte:
»Ich richte meine ganze Hoffnung auf ihn, aber nicht auf ihn
allein. Ich sehe die großen Energien, die sich in den
vergangenen zwei Kampagnen-Jahren aufgebaut haben, und ich sehe die
Möglichkeit, daß wir uns zusammenschließen und mit
aller Macht die zentrale Frage aufwerfen, bei der es nicht darum
geht, was Barack Obama als nächstes tun sollte, sondern in
welche Richtung wir selbst gehen wollen. Worin sehen wir unsere
Rolle als engagierte fortschrittliche Bürgerinnen und
Bürger bei der praktischen Antwort auf die Frage, welche
Schritte wir als nächste tun?«
Harding, ein enger Vertrauter von Reverend Dr. Martin Luther King
jr., schloß seinen Kommentar über die Wahl Obamas mit
einem passenden Hinweis: »Vielleicht braucht eine Demokratie
viel eher Menschen, die ihre Gemeinden organisieren, als
Befehlshaber.«
Es scheint, daß Dr. Harding deutlich machen will, daß
wir anstelle eines Imperiums eine Republik brauchen. Denn wenn uns
die Geschichte eines lehrt, dann das, daß diese beiden
Realitäten unvereinbar miteinander sind. Im alten Rom
bedeutete der Anbruch des Imperiums das Ende der Republik.
Im Jahr 193 vor unserer Zeitrechnung bestieg ein Afrikaner den
römischen Thron: Imperator Septimius Severus weitete Roms
Macht aus und stärkte das Imperium. Sein Sohn folgte ihm auf
den Thron und übertraf ihn noch an Grausamkeit und
Unmenschlichkeit.
Diese Herrscher brachten keinen Wechsel, sie sorgten für
Kontinuität.
Wird das heutige Imperium einen anderen Weg einschlagen?
Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit!
Aus der Todeszelle – hier spricht Mumia Abu-JamalJanuar
2009