Imad Samaha
15. August 2006: Rückzug israelischer Truppen aus dem Libanon
Foto: AP
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Imad Samaha arbeitet als Professor für Soziologie an der
Libanesischen Universität und als Professor der
»Laizistischen Französischen Mission« in Beirut.
Er ist Mitglied des »Verfassungsrates der Libanesischen
Kommunistischen Partei« und deren Beauftragter für die
Beschäftigten des Unterrichtswesens.
Die arabische und die gesamte Region des Mittleren Ostens leben
seit mehr als 60 Jahren mit dem Problem Palästinas und der
Aggression Israels, die seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts
von den USA und zugleich von der europäischen Gemeinschaft
unterstützt wurde. Die Angriffe der israelischen Armee galten
nicht nur den angrenzenden Ländern, also Libanon, Syrien,
Ägypten und Jordanien, sondern gingen auch darüber
hinaus. Es fanden außerdem militärische Operationen
gegen den Irak statt mit dem Ziel, die strategische
Vormachtstellung Tel Avivs zu erhalten. Aber auch Tunesien wurde
angegriffen, nicht zu vergessen die Morde, die an
palästinensischen und arabischen Führern in mehreren
europäischen Ländern begangen wurden.
Man muß sagen, daß die Straffreiheit, der sich Israel
wegen des Vetos der USA im UN-Sicherheitsrat stets erfreute, dazu
führte, daß es sich stets außerhalb
internationaler Konventionen und Gesetze befand. Israel hat niemals
eine UN-Resolution eingehalten, die Palästina betraf. Es hat
auch teilweise die Resolution 425, die am 19. März 1978,
fünf Tage nach der israelischen Invasion in den Libanon,
angenommen wurde, nur deswegen eingehalten, weil der patriotische
libanesische Widerstand dazu zwang. Es kann verbotene Waffen
einsetzen, sich in innere Angelegenheiten von Staaten einmischen,
in den Inhalt von Büchern, die Europäische Union
verpflichten, es als Ehrenmitglied zu betrachten, dem Hilfe und
Unterstützung zu gewährleisten sind (…) Im
Gegenzug akzeptieren alle europäischen Regierungen
gegenüber Widerstandsgruppen in den arabischen Ländern,
wie es der Fall beim Widerstand von Kommunisten und im Fall von
Hisbollah war, die Theorie, wonach dieser Widerstand Terrorismus
und Antisemitismus fördert. Sie schauen nicht auf die
Tausenden palästinensischen Kinder, die in den Bombardements
und infolge der Blockade sterben (…) Gaza ist heute ein
Beispiel für diese Haltung.
Erstens. Die Teilung Palästinas
Die Teilung Palästinas im Jahr 1948 und die Verwandlung seiner
Bürger in Flüchtlinge, die in alle arabischen Länder
und in die Welt zerstreut wurden, hatte verschiedene Ursachen. Ein
Hauptgrund war die strategische Situation für den britischen
Kolonialismus nach der Entdeckung des Erdöls in den
Golfstaaten zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Denn Palästina war
wichtiger als der Suezkanal für den Transport des schwarzen
Goldes nach Europa. Da die Briten vor bestimmten
Unabhängigkeitsbewegungen und vor allem vor einer politischen
Veränderung, die zu ihren Interessen gegensätzlich war,
Furcht hatten, erleichterten sie ab 1915 die jüdische
Emigration in dieses Land und willigten ein – die
Balfour-Vereinbarungen wurden auch von Frankreich und dem
zaristischen Rußland akzeptiert – einen Teil des
palästinensischen Landes an Zionisten zu übergeben. 30
Jahre später fand die Teilung Palästinas unter dem Emblem
der UNO statt, die fünf großen Siegermächte
stimmten zu, und der Staat Israel entstand. Vorwand war nun,
daß die Juden während des Zweiten Weltkrieges unter
schrecklichen Grausamkeiten gelitten hatten. Dafür müsse
es einen Ausgleich geben – allerdings nicht in Europa,
sondern im arabischen Raum!
Diese Rechtfertigung verdeckte in Wirklichkeit – und wir
sprechen das aus – imperialistische Absichten sowie die
Installation eines neuen fremden Staates, dessen Existenz
abhängig vom Imperialismus war – zunächst von dem
britischen, dann dem der USA – und der infolgedessen die
Hilfe seiner Erschaffer benötigte, um zu überleben. Ein
solcher Staat war verpflichtet, jenen zu dienen, die ihm halfen,
daß die arabischen Völker an der Nutzung ihrer eigenen
Reichtümer gehindert wurden, vor allem der der Energiequellen.
Sind nicht alle gegenwärtigen Kriege Konsequenzen der Politik
dieses Imperialismus?
Zweitens. Patriotismus und Nationalismus
Imad Samaha
Foto: Jakob Huber
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Die Situation, die am Ende des Zweiten Weltkrieges geschaffen
wurde, verschärfte sich infolge des Staatsstreichs Jassir
Nassers in Ägypten 1952 und dem, was ihm 1956 folgte, wie dem
Angriffskrieg von Frankreich, Großbritannien und Israel, die
den Suezkanal für sich beanspruchten. Das Resultat war,
daß im Bewußtsein der Völker der Region von jetzt
an »Patriotismus« und arabischer
»Nationalismus« verschmolzen. (…)
Die Koppelung von arabischem Patriotismus und Nationalismus
verstärkte sich im Libanon, als die aus Israel vertriebenen
Palästinenser 1948 in das Land kamen. Sie wurden in sogenannte
Flüchtlingslager gepfercht, die es heute noch gibt. Für
sie gelten faktisch keine Menschenrechte. Ein großer Teil der
Christen unter ihnen, besonders die Vermögenden, konnten die
libanesische Staatsangehörigkeit erlangen. Die
sozioökonomische und politische Situation im Libanon war stark
vom Palästinenserproblem geprägt, besonders seit 1969,
als der neue palästinensische Widerstand, die PLO, vor allem
aus den libanesischen Lagern heraus zu kämpfen begann. Eine
weitere Eskalation gab es, als König Hussein von Jordanien
unter den palästinensischen Flüchtlingen in seinem Land
ein Blutbad anrichtete. Damals kamen erneut viele in den Libanon,
wo heute 400000 Palästinenser leben, das sind ungefähr
zehn Prozent der Bevölkerung.
Die Auseinandersetzung um arabischen Patriotismus und Nationalismus
schuf zahlreiche Probleme unter den Libanesen selbst und war eine
der Hauptursachen für den Bürgerkrieg, der von 1975 bis
1990 dauerte. In diesem Zeitraum griff Israel zweimal den Libanon
massiv an – 1978 und 1982 –, besetzte Teile des Landes,
und es entstand eine libanesische kommunistische und islamische
Widerstandsbewegung. Ihr Ziel ist es, die von Israel besetzten
libanesischen Gebiete zu befreien und neuen Aggressionen zu
begegnen wie denen, die Israel 1996 und 2006 startete.
Drittens. Patriotismus und Internationalismus
Die Kommunistische Partei des Libanon entstand im Widerstand gegen
den französischen Kolonialismus 1924. Sie versuchte stets, den
Klassenkampf mit dem nationalen Befreiungskampf zu verbinden.
(…) Daher kämpft unsere Partei auch auf arabischer
Ebene, umso mehr, da sie für die Zurückdrängung
eines durch Konfessionalismus doppelt rückständigen
Kapitalismus eintritt. (…) Diese beiden Seiten des Kampfes
lassen uns nie einen dritten Aspekt vergessen, den des
tatkräftigen Internationalismus, der sich heute in der
Solidarität mit den Völkern von Kuba, Venezuela und allen
Völkern, die kämpfen, manifestiert (…).
Aus diesem Grund haben wir im Libanonkrieg 2006 gekämpft und
das imperialistische Modell der USA eines »Neuen Mittleren
Ostens« abgelehnt. Es soll die arabische Einheit untergraben
und mit ihr die palästinensische, es soll die Region in eine
Myriade von antagonistischen konfessionellen Ministaaten verwandeln
– gespalten in Sunniten und Schiiten –, damit alle
wiederum auf die Präsenz der Vereinigten Staaten und Israels
angewiesen sind, um zu überleben. Übrigens ist der heute
geführte Krieg, sowohl der gegen Irak wie der gegen Gaza, ein
globalisierter Krieg. Denn alle Großmächte sind sich
einig und erklären die Opfer zu Tätern, weil die Opfer
sich weigern zu sterben, ohne Lärm zu machen.
Viertens. Die Linke und der Internationalismus
(…) Die Rückkehr zu einer neuen Form des
Internationalismus ist mehr denn je nötig; denn kein einzelnes
Volk, keine kämpfende Kraft kann die Probleme lösen,
denen sich die Menschheit insgesamt gegenübersieht. Da der
Kapitalismus mehr denn je globalisiert ist, müssen wir
ebenfalls Mittel finden, um unsere Kräfte zu bündeln. Wir
müssen zusammen kämpfen und uns gegen die neuen Formen
der Ausbeutung wenden. Die jüngste kapitalistische Krise
demonstriert: Sie bringt nicht nur das in Gefahr, was von den
Errungenschaften übrigblieb, die die Arbeiterbewegung dank der
Oktoberrevolution erlangte, sondern auch das Leben selbst.
(…) Unser gemeinsamer Kampf besteht darin, jede Form von
Aggression, jede Art von Ausbeutung und die Ursachen der Kriege zu
beseitigen. Dieser Kampf läßt sich leicht koordinieren:
Wir müssen die Quelle von Kriegen und Aggression beseitigen
und zugleich im Innern der neoliberalen kapitalistischen Regimes
kämpfen. Darüber hinaus müssen wir uns zur
Aktualität revolutionärer Bewegungen verständigen:
Sind sie nötig oder nicht? Der Militärkapitalismus mit
seinen atomaren und konventionellen Waffen, mit seinen über
den Planeten verstreuten Truppenbasen, seinen U-Booten,
Kriegsschiffen, Satelliten und anderem ist eine Realität. Kann
man allein durch demokratischen Kampf den sehnlich erwünschten
Frieden erreichen? (...)