Domenico Losurdo
Sydney, 18. Januar 2009: Protest gegen den Gaza-Krieg
Foto: AP
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Domenico Losurdo ist Publizist und Professor für Philosophie
an der Universität Urbino. Er ist Präsident der
Internationalen Gesellschaft für dialektisches Denken und
Mitherausgeber der philosophischen Halbjahresschrift Topos. Auf
deutsch erschien zuletzt u. a. von ihm: Kampf um die Geschichte.
Der historische Revisionismus und seine Mythen – Nolte, Furet
und die anderen (2008); Demokratie oder Bonapartismus. Triumph und
Niedergang des allgemeinen Wahlrechts (2008); Der Marxismus Antonio
Gramscis (2000); Geschichtsphilosophie und Ethik (1998). Im
Frühjahr 2009 erscheint »Nietzsche, der aristokratische
Rebell. Intellektuelle Biographie und kritische
Bilanz«.
Was ist heute aus der gigantischen antikolonialen Revolution
geworden, die von der Oktoberrevolution angeregt und von Stalingrad
beschleunigt wurde? Diese Revolution ist keineswegs verschwunden.
In der palästinensischen Realität etwa besteht der
Kolonialismus in seiner klassischen Form weiter: Das beweisen die
ununterbrochene Ausdehnung der israelischen Siedlungen in den
besetzten Gebieten, die damit verbundene Enteignung, Deportation
und Ausstoßung des palästinensischen Volkes und die
Verbreitung eines Regimes der Apartheid, wenn wir die Definition
übernehmen, die sogar der ehemalige Präsident der
Vereinigten Staaten, Jimmy Carter, benutzt hat. Aber trotz der
Übermacht und des barbarischen Einsatzes der israelischen
Kriegsmaschinerie, die im übrigen von den Vereinigten Staaten
und sogar von der Europäischen Union unterstützt wird,
trotz alledem widersteht das palästinensische Volk heldenhaft.
Die Solidarität mit dem Märtyrer-Volk unserer Tage
schlechthin ist ein wesentliches Element des
Internationalismus.
Antikoloniale Revolution
In anderen Teilen der Welt tritt der Kampf zwischen Kolonialismus
und Antikolonialismus in anderen Formen auf. Auf dem amerikanischen
Kontinent begann das 20. Jahrhundert mit einer bedeutsamen
Erklärung des damaligen US-Präsidenten (1901–1909)
Theodore Roosevelt: der »zivilisierten Welt« insgesamt
– behauptete er – falle die »Macht einer
internationalen Polizei« zu, und diese Macht würden in
Lateinamerika die Vereinigten Staaten ausüben. Von dieser
Wiederaufnahme und Radikalisierung der Monroe-Doktrin (1823
deklarierte US-Präsident James Monroe das Recht der USA auf
Intervention in der westlichen Hemisphäre – d. Red.)
ausgehend kam es zu den unzähligen militärischen
Interventionen, die die nordamerikanische Republik gegen ihre
Nachbarn unternommen hat, die als der zivilisierten Welt
fernstehend betrachtet und mit Barbaren gleichgestellt wurden, die
den imperialen Schutz nötig hätten. Doch ist die
Monroe-Doktrin infolge einer Revolution, deren fünfzigsten
Jahrestag man jetzt gerade gefeiert hat, in eine tiefe Krise
geraten. Im Verlauf des letzten halben Jahrhunderts ist jedes
Mittel eingesetzt worden, um die kubanische Revolution zu
isolieren, zu diffamieren, abzuwürgen, zu liquidieren, aber
heute werden ihre Kraft und ihre internationale Bedeutung von den
Veränderungen bestätigt, die Länder wie Venezuela,
Bolivien, Ecuador, Brasilien, Nikaragua und Paraguay durchmachen.
Auf jeweils ziemlich unterschiedliche Art ist die
antikolonialistische und antikapitalistische Revolution in
Lateinamerika im Vormarsch, und auch ihr gilt unsere
internationalistische Solidarität.
Im 20. Jahrhundert ist die antikolonialistische Revolution auch in
Asien und in Afrika entflammt. Und heute? Um zu verstehen, worum es
jetzt geht, kann man von einer Betrachtung ausgehen, die Frantz
Fanon, der große Theoretiker der algerischen Revolution,
anstellte. Als die Kolonialmacht sich gezwungen sah, zu
kapitulieren – schreibt Fanon 1961 – schien sie den
Revolutionären zu sagen: »Da ihr die Unabhängigkeit
wollt, nehmt sie euch und krepiert«; auf diese Weise
»verwandelt sich die Apotheose der Unabhängigkeit in den
Fluch der Unabhängigkeit«. Man muß in der Lage
sein, auf diese neue Herausforderung nicht mehr militärischen
Charakters eine Antwort zu geben: »Man braucht Kapital,
Techniker, Ingenieure, Mechaniker usw.«. Im übrigen
hatte Mao schon 1949, noch vor der Machteroberung, auf der
Bedeutung des ökonomischen Aufbaus bestanden: Washington
hätte es gern, daß China »soweit kommt, vom
amerikanischen Mehl zu leben« und so damit endet, zu
»einer amerikanischen Kolonie zu werden«. Ohne den Sieg
im Kampf für die landwirtschaftliche und industrielle
Produktion war der militärische Sieg dazu bestimmt,
hinfällig und vergeblich zu sein. Mao und Fanon haben das
gewissermaßen vorausgesehen: auf der einen Seite der tote
Punkt, an dem viele afrikanische Länder angelangt sind, denen
es nicht gelungen ist, von der miltärischen Phase zur
ökonomischen Phase der Revolution überzugehen, auf
der anderen Seite die Wende, die sich in antikolonialen
Revolutionen wie der chinesischen und vietnamesischen oder in der
indischen Revolution ereignet hat.
Dies ist ein ausschlaggebender Punkt, mit dem man sich noch weiter
beschäftigen sollte. Fragen wir uns, wie sich die Dritte Welt
herausgebildet hat, der vom kolonialistischen und imperialistischen
Westen traditionell unterdrückte und ausgeplünderte Raum.
Mit einer langen Geschichte im Hintergrund wies China, das
jahrhunderte- oder jahrtausendelang eine hervorragende Stellung in
der Entwicklung der menschlichen Kultur eingenommen hatte, noch im
Jahre 1820 ein Bruttoinlandsprodukt (BIP) auf, das sich auf 32,4
Prozent des Welt-BIP belief; im Jahre 1949 war die Volksrepublik
China bei ihrer Gründung das ärmste oder eines der
ärmsten Länder der Welt geworden. Nicht viel anders
verläuft die Geschichte Indiens, das im Jahre 1820 15,7
Prozent zum Welt-BIP beitrug, bevor es ebenfalls in eine
schreckliche Armut verfiel. Das bedeutet, daß wir den
Formierungsprozeß der Dritten Welt nicht verstehen
können, wenn wir von der Politik der Ausplünderung und
des Industrieabbaus durch die kolonialistischen und
imperialistischen Mächte abstrahieren.
Ökonomische Revolution
Zum Prozeß der Herausbildung der Dritten Welt trägt noch
ein anderer Umstand bei. Um diesen zu verstehen, müssen wir
auf eine Revolution Bezug nehmen, die sich am Ende des 18.
Jahrhunderts in einem Land abspielte, das heute Haiti heißt,
aber damals den Namen Santo Domingo trug. Es war eine Revolution
der schwarzen Sklaven, die gleichzeitig die Ketten der
Kolonialherrschaft und die der Sklaverei sprengte: So entstand auf
dem amerikanischen Kontinent das erste von der Geißel der
Sklaverei befreite Land. Dieser Emanzipationsprozeß wurde von
einem schwarzen Jakobiner, Toussaint Louverture (etwa
1743–1803), angeführt, einer großen historischen
Persönlichkeit, die von unseren Geschichtsbüchern meist
ignoriert wird, die aber in einer demokratischen Gesellschaft
obligatorisch auch in den Büchern der Gesellschaftskunde
vorkommen sollte. Nach dem militärischen Sieg stellte sich
Toussaint Louverture das Problem des ökonomischen Aufbaus: Zu
diesem Zwecke hätte er auch die weißen, aus den Reihen
des besiegten Feindes stammenden Techniker und Experten einsetzen
wollen; aus diesem Grund wurde er beschuldigt oder zumindest
verdächtigt, die weiße Herrschaft wiederherstellen zu
wollen und damit die Revolution zu verraten. Es kam zu einer
Tragödie, über die wir noch heute nachdenken sollten.
Santo Domingo war eine recht reiche Insel, dank der
hauptsächlich für den Export bestimmten Zuckerproduktion
auf ausgedehnten und effizient organisierten Plantagen. Der von den
Sklaven produzierte Reichtum wurde natürlich von ihren Herren
einkassiert. Waren die ehemaligen Sklaven in der Lage, die
entwickelte Ökonomie, die sie mit der Revolution geerbt
hatten, nutzbringend funktionieren zu lassen? Auf die Niederlage
der politischen Richtung Toussaint Louvertures folgte in
Haiti/Santo Domingo leider eine rückständige
Versorgungslandwirtschaft. Die Insel verfiel so in allgemeinem
Elend und ist immer noch eines der ärmsten Länder der
Welt. Zum Schluß: Die Dritte Welt wird auch von Ländern
gebildet, denen es nicht gelingt, von der militärischen Phase
zur ökonomischen Phase der Revolution überzugehen, von
Ländern, in denen aus dem einen oder anderen Grund die
antikoloniale Revolution eine Niederlage erfährt oder
scheitert.
Aushungern
Domenico Losurdo
Foto: Gabriele Senft
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Nichts könnte man vom Kampf zwischen Kolonialismus und
Antikolonialismus, zwischen Imperialismus und Antiimperialismus
verstehen, wenn man sich nicht vergegenwärtigte, daß er
auch auf ökonomischem Gebiet geführt wird. Gleich nach
der von Toussaint Louverture geleiteten Revolution erklärte
die Washingtoner Führung, das Land, das es so
unverschämt gewagt hatte, die Sklaverei abzuschaffen, zum
Hungertod (starvation) verdammen zu wollen. Das Gleiche hat sich im
20. Jahrhundert wieder ergeben. Sofort nach dem Oktober 1917
bedrohte Herbert Hoover (1874–1964), damals ein hoher
Exponent der Wilson-Administration und späterer Präsident
der Vereinigten Staaten (1929–1933), nicht nur
Sowjetrußland, sondern alle Völker, die die Tendenz
zeigten, sich von der bolschewistischen Revolution anstecken zu
lassen, ausdrücklich mit »absolutem Hunger« und
mit »Hungertod«. Eine Politik, die heute noch weiter
geht: Alle wissen, daß der Imperialismus versucht, Kuba
wirtschaftlich abzuwürgen und es möglichst auf eine Art
Gaza zu reduzieren, wo die Unterdrücker ihre Macht über
Leben und Tod nicht nur mit den terroristischen Bombardierungen,
sondern schon vorher mit der Kontrolle der lebenswichtigen
Güter ausüben können. Was die Volksrepublik China
anbetrifft, so rühmte sich Anfang der sechziger Jahre ein
Mitarbeiter der Kennedy-Administration, und zwar Walt. W. Rostow
(1916–2003), daß es den Vereinigten Staaten gelungen
sei, die ökonomische Entwicklung des großen asiatischen
Landes »jahrzehntelang« zu verlangsamen! Heute noch
betreibt Washington gegen China eine Politik des technologischen
Embargos, jene Politik, die es bis zuletzt gegen die Sowjetunion
geführt hatte.
Die internationalistische Solidarität muß sich also auch
jenen Ländern zuwenden, denen es gelungen ist, von der
militärischen Phase zur eigentlich ökonomischen Phase der
antikolonialistischen und antiimperialistischen Revolution
überzugehen. Der Bedeutung dieses Übergangs sind sich die
lateinamerikanischen Führer sehr wohl bewußt. Um nur ein
Beispiel zu nennen: der Vizepräsident Boliviens hat vor
einiger Zeit eine sehr wichtige Parole ausgegeben:
»Industrialisierung oder Tod!«. Für Alvaro Garcia
Linera geht es darum, »den progressiven Abbau der kolonialen
ökonomischen Abhängigkeit zu realisieren«. In
dieser Perspektive wird der wachsende technologische und
Handelsaustausch mit einem Land wie China wichtig; die Drohung der
ökonomischen Abschnürung durch den Imperialismus wird auf
diese Weise weniger schwerwiegend, und der Kampf gegen die
Monroe-Doktrin wird auch auf ökonomischer Ebene
erleichtert.
Schon zeichnet sich also eine grundlegende Übereinstimmung
zwischen den Ländern und den Völkern ab, die
Vorkämpfer der antikolonialistischen und antiimperialistischen
Revolution sind. Diese internationalistische Front dehnt sich
tendenziell aus. Nach ihrem Sieg im Kalten Krieg haben die USA,
auch unter Ausnutzung des Einverständnisses der EU,
Länder wie Albanien und Kosovo in Halbkolonien verwandelt.
Dies bestätigt meine These: Die Dritte Welt und der koloniale
oder halbkoloniale Raum, den der Kapitalismus braucht, entsteht
einerseits infolge der direkten Initiative des Imperialismus,
andererseits durch die Niederlage bzw. das Scheitern bestimmter
Revolutionen, sei es aus inneren Gründen, sei es wiederum
wegen des Eingreifens des Imperialismus. Man darf nicht vergessen,
daß sogar Rußland Gefahr lief, eine Halbkolonie zu
werden. Auch dieses Land leistet also dem wahnwitzigen Plan
Washingtons, seine Herrschaft auf Weltebene aufzuzwingen,
Widerstand.
Mangelnde Solidarität
Leider fehlt dieser antikolonialistischen und antiimperialistischen
Front, die ins Leben gerufen werden könnte, noch eine
wesentliche Komponente: Sie hat noch nicht die volle
Solidarität der Oppositionsbewegungen, die immerhin in den
fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern existieren. Wie
läßt sich das erklären? Es ist kein neues Problem.
In der Zweiten Internationale fehlte es in Europa gewiß nicht
an Stimmen, die den kolonialen Expansionismus im Namen des Exports
der Zivilisation rechtfertigten. Es waren Stimmen, gegen die, unter
anderen, Rosa Luxemburg energisch angekämpft hatte. Heute
zieht es die herrschende Ideologie vor, von Menschenrechten und vom
Kampf gegen den Autoritarismus, den Totalitarismus, den
Fundamentalismus zu reden, aber der kolonialistische bzw.
neokolonialistische Kern dieser Haltung ändert sich
nicht.
Um das zu verstehen, braucht man nicht auf Marx oder Lenin zu
verweisen. Ich möchte hier von der Rede ausgehen, die Franklin
Delano Roosevelt am 6. Januar 1941 gehalten hat. Der amerikanische
Präsident ruft dazu auf, neben den Freiheiten der liberalen
Tradition (Rede- und Religionsfreiheit) niemals den »Vorrang
der Menschenrechte« aus den Augen zu verlieren, und fordert
gleichzeitig die »Freiheit von Not« (freedom from want)
und die »Freiheit von Angst« (freedom from fear).
Konzentrieren wir uns zunächst auf die letzten beiden
Forderungen. Nun gut: Ein erheblicher Teil der Bevölkerung der
Vereinigten Staaten hat noch nicht einmal eine Krankenversicherung;
aber nicht genug damit, haben die in den letzten Zeiten in
Washington aufeinander folgenden Administrationen einen weltweiten
Kreuzzug ausgerufen, um den Sozialstaat auch in den Ländern
abzuschaffen, in denen er noch mehr oder weniger vorhanden ist.
Wenn Roosevelt dagegen die »Freiheit von Angst« geltend
macht, denkt er an Nazi-Deutschland, das damit drohte, seine
Nachbarländer zu überfallen. Heute sind es vor allem die
USA, die an allen Ecken der Welt Angst und Schrecken vor
Bombardierungen, vor Zerstörungen in großem Umfang und
sogar vor atomarer Vernichtung verbreiten. Mit dem Ziel zu
beginnen, die »Freiheit von Angst« zu realisieren, rief
Roosevelt, in indirekter Polemik gegen das »Dritte
Reich«, nach Abrüstung. Heute geben die Vereinigten
Staaten für die Rüstung allein soviel aus, wie der Rest
der Welt zusammengenommen. Das heißt, zumindest was diese
grundlegenden »Menschenrechte« wie »Freiheit von
Not« und »Freiheit von Angst« angeht, ist der
Hauptfeind gerade das Land, das sich als unanfechtbarer Richter in
Sachen Menschenrechte aufspielt.
Auch wenn wir uns auf die klassischen Rechte der liberalen
Tradition konzentrieren, liegen die Dinge nicht viel anders. Wer
hat im Frühjahr 1999 mit Bombenangriffen die jugoslawischen
Fernsehjournalisten ermordet, deren Schuld es war, die Meinung der
Führung und der Ideologen der NATO nicht zu teilen und
hartnäckig die von ihrem Land erlittene Aggression zu
verurteilen? Und wie viele Journalisten sind
»zufällig« vom Feuer der Besatzungstruppen im Irak
oder in Palästina getötet worden? Erfreuen sich der
»allgemeinen Rede- und Vereinigungsfreiheit« die
Einwohner Gazas, die Hamas mit freien Wahlen gewählt haben,
aber danach zunächst zur ökonomischen Abschnürung
und zur Blockade und jetzt zu grausamen Bombardierungen und zur
Invasion verurteilt worden sind? Und erfreuten und erfreuen sich
dieser Rechte die Häftlinge von Abu Ghraib und
Guantánamo? Zum Schluß: Die Araber und die Muslime,
die es in den USA wagen, sich an einer Spendenaktion zugunsten der
Bevölkerung von Gaza und Hamas zu beteiligen, riskieren, als
»Terroristen« verfolgt und verurteilt zu werden. Um es
mit Marx zu sagen: »Die tiefe Heuchelei der bürgerlichen
Zivilisation und die von ihr nicht zu trennende Barbarei liegen
unverschleiert vor unseren Augen, sobald wir den Blick von ihrer
Heimat, in der sie unter respektablen Formen auftreten, nach den
Kolonien wenden« oder nach den Völkern kolonialen
Ursprungs, die in der Metropole leben. In diesem Fall zeigen sich
die bürgerliche »Heuchelei« und
»Barbarei« in ihrer »ganzen Nacktheit«. Was
das Schicksal bestätigt, dem in diesen Tagen Gaza ausgeliefert
ist.
Hauptfeind
Deshalb darf man aber nicht leugnen, daß sich Probleme der
Beachtung der Menschenrechte auch in Ländern und bei
Völkern stellen, die in der antikolonialistischen und
antiimperialistischen Revolution engagiert sind und sogar in den
Ländern, die sich auf den Sozialismus berufen. Es genügt,
Autoren wie James Madison (1751–1836) oder Alexander Hamilton
(1757–1804) zu lesen, um zu verstehen, daß die
Herrschaft der Gesetze, die rule of law dort nicht wirksam sein
kann, wo es eine Bedrohung der nationalen Sicherheit gibt. Sich
über das Fehlen an Demokratie in Ländern zu
entrüsten, die auf diplomatischer, ökonomischer und
militärischer Ebene einer mehr oder weniger drückenden
Belagerung ausgesetzt sind, ist Ausdruck von Wahnwitz oder
realpolitischem Zynismus. Anders gesagt, gibt es keine wirkliche
Demokratie ohne Demokratie in den internationalen Beziehungen; der
Hauptfeind der Demokratie in den internationalen Beizhungen ist ein
Land, das mit William Clinton und mit George Bush jr. und mit so
vielen anderen Präsidenten den Anspruch erhebt, die von Gott
auserwählte Nation mit der Aufgabe zu sein, die Welt in alle
Ewigkeit zu führen und zu beherrschen.
Auch der heutige »Imperialismus der Menschenrechte«,
wie er mit Recht genannt worden ist, ist nichts vollkommen Neues.
Als Kuba Anfang des 20. Jahrhunderts nach einer heroischen
Revolution die Unabhängigkeit von Spanien eroberte, zwang
Washington das formell unabhängige Land, in seine Verfassung
die sogenannte Platt-Klausel einzuführen, mit der den USA das
Recht zuerkannt wird, militärisch auf der Insel zu
intervenieren, immer wenn sie glauben, daß der sorglose
Genuß des Eigentums und der Freiheit bedroht sei. So, als ob
heute die angehenden Herren der Welt den Anspruch erhöben, die
Platt-Klausel auf weltweiter Ebene geltend zu machen!
Der »Imperialismus der Menschenrechte« ist es, der die
Linke in den vorgeschrittenen kapitalistischen Ländern
schwächt. Es wirken auch andere Faktoren mit. In Europa und in
den Vereinigten Staaten leben bedeutende Gruppen von Immigranten
aus dem Nahen Osten und aus der arabischen und islamischen Welt.
Sie, die oft ihre Familie zurückgelassen haben, leiden
besonders intensiv an der Tragödie, die mehr denn je auf dem
palästinensischen Volk lastet. Sie stehen in vorderster Reihe,
um gegen den Kolonialismus und den Imperialismus, gegen Israel und
die Vereinigten Staaten zu demonstrieren, und auch aus diesem Grund
werden diese Immigranten, abgesehen von der inneren Logik des
Kapitalismus, besonders ausgebeutet, ausgegrenzt und oft
willkürlich verhaftet, um in den geheimen Gefängnissen
der CIA gefoltert zu werden. Bemüht sich die westliche Linke
genügend darum, eine enge und permanente Verbindung zu diesen
Gemeinschaften herzustellen? (…)
Die »Nigger«, von denen die US-amerikanischen Rassisten
mit Verachtung sprachen, werden heute im Westen von den arabischen
und islamischen Immigranten repräsentiert; sie
beschränken sich nicht darauf, die »Freiheit von
Not« zu fordern, sie wollen nicht als Arme an ein
paternalistisches Mitleid appellieren. In erster Linie fordern sie
– um eine philosophische Sprache zu benutzen – die
Anerkennung; sie erheben den Anspruch, in ihrer menschlichen
Würde, in ihrer Kultur, in ihren nationalen Forderungen
anerkannt zu werden und zwar ausgehend von der nationalen Forderung
des palästinensischen Volkes, des heutigen Märtyrervolkes
schlechthin!
Nur wenn der Einfluß des »Imperialismus der
Menschenrechte« und die Islamfeindlichkeit (die heute den
Platz der traditionellen rassistischen Geißel eingenomen hat)
völlig ausgeschaltet wird, nur wenn so vorgegangen wird, kann
die in den vorgeschrittenen kapitalistischen Ländern
präsente Oppositionsbewegung einen wirklichen Beitrag zum
Kampf gegen die Reaktion leisten.
Neuer historischer Block
Wir befinden uns heute in einer Lage, die auf der einen Seite auch
positive und sogar begeisternde Perspektiven aufweist: 1. Im
Gefolge des antiimperialistischen Kampfes blühen Völker
und Kulturen wieder auf, die vom Kolonialismus vernichtet worden
waren: Man denke an die wachsene Rolle der Indios in Lateinamerika;
2. Die außerordentliche Entwicklung eines Landes wie China
zerbricht das technologische Monopol, das in den Händen des
Imperialismus lag. Das, was die Historiker als das
»große Auseinanderklaffen« bezeichnen, d. h. die
Kluft, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt zwischen
vorgeschrittenen kapitalistischen Ländern und »Dritter
Welt« aufgetan hatte, diese »great divergence«
reduziert sich allmählich; 3. Die Bewußtwerdung der
Krise des Kapitalismus gibt der Perspektive des Sozialismus nicht
nur in der Dritten Welt, sondern auch in den vorgeschrittenen
kapitalistischen Ländern wieder Auftrieb. Auf der anderen
Seite steckt das führende Land des Kapitalismus zwar in einer
tiefen ökonomischen Krise und gerät auf internationaler
Ebene immer mehr in Verruf; gleichzeitig hält es aber
weiterhin an dem Anspruch fest, das von Gott auserwählte Land
zu sein, verstärkt fieberhaft seinen sowieso schon
monströsen Kriegsapparat und breitet seine Militärbasen
in alle Ecken der Welt aus. All das verspricht nichts Gutes.
Das gleichzeitige Vorhandensein vielversprechender Perspektiven und
furchtbarer Bedrohungen läßt die Konstruktion auf
internationaler Ebene eines neuen historischen Blocks, um Gramscis
Sprache zu gebrauchen, besonders dringlich erscheinen. Kein
einfaches Unternehmen, denn es geht darum, Kräfte miteinander
zu verbinden, die in recht unterschiedlichen historisch-kulturellen
Kontexten und politischen und geopolitischen Situationen
angesiedelt sind. Nur dieser neue historische Block kann dem
Internationalismus neuen Auftrieb geben und er kann nur dann
aufgebaut werden, wenn die kommunistischen Parteien, auch die der
vorgeschrittenen kapitalistischen Länder, den Stolz ihrer
eigenen Geschichte wiederfinden und außerdem besser lernen,
eine konkrete Analyse der konkreten Lage vorzunehmen.