Amath Dansokho
Amath Dansokho
Foto: Gabriele Senft
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Amath Dansokho ist Generalsekretär der Partei der
Unabhängigkeit und Arbeit (PIT) des Senegal. Als afrikanischer
Mitkämpfer Che Guevaras in den 60er Jahren genießt er
legendären Ruf. Er gehörte verschiedenen Kabinetten an,
war z. B. von 1991 bis 1995 Minister für Stadtplanung und
Bebauung und fungierte als Vizepräsident der senegalesischen
Nationalversammlung. Er ist heute einer der Anführer eines
Volkfrontbündnisses gegen das Regime von Präsident
Abdulaye Wade. Am 14. Juni 2008 veröffentlichte jW ein
ausführliches Interview mit ihm.
Die Frage des Internationalismus ist heute zu einer Hauptfrage
geworden. Sie taucht immer wieder auf in unterschiedlichen Debatte
und Diskussionen, auf internationalen und nationalen Foren. Ich
persönlich habe das erst kürzlich auf der Konferenz des
»Forums der Alternativen« von Professor Samir Amin, die
in Caracas im Oktober letzten Jahres stattfand, erlebt. Die
Hunderte Teilnehmer dort aus der ganzen Welt stellten fest,
daß es wichtig ist, so schnell wie möglich zu einem
neugestalteten Internationalismus zu kommen. Denn nur so kann eine
neue Massenbewegung entstehen, nur so können historische
Herausforderungen angegangen werden, um den globalisierten
Kapitalismus zu bekämpfen, einen Kapitalismus, der alle
Errungenschaften der Völker auf ökonomischem, sozialem
und politischem Gebiet, die seit dem Zweiten Weltkrieg geschaffen
wurden, zerstört.
Im Hinblick auf das, was ich in Venezuela hörte, ist es nicht
übertrieben zu sagen, daß sich diese
Rosa-Luxemburg-Konferenz ebenfalls in die Suche nach Wegen und
Mitteln für eine internationale Solidarität einordnet
– gerade jetzt auf dem Höhepunkt der gegenwärtigen
Systemkrise und der imperialistischen Aggression, die von Israel
gegen das palästinensische Volk verübt wird. Diese
Grausamkeiten sind integraler Bestandteil der US-amerikanischen
Vorhaben, den Nahen Osten militärisch zu kontrollieren, um
seine Energieressourcen in Beschlag zu nehmen. Sie wollen alle
Widerstandskräfte brechen, die sich den Bestrebungen nach
Weltherrschaft – wie sie von der Bush-Administration
öffentlich gemacht wurden – entgegenstellen.
Regression der Zivilisation
Das Blutbad im Irak, in Afghanistan, die Barbarei, die im
palästinensischen Gebiet in Gaza stattfindet, sind nur
Einzelschritte. Auf allen Kontinenten verfolgen die Vereinigten
Staaten unerbittlich die Schaffung einer planetaren Vernetzung von
Militärstützpunkten mit demselben Ziel – bei
Zustimmung der europäischen Regierungen und der Japans im
Namen der atlantischen Räson und der Vasallenstaaten des
Südens. Es stimmt, daß die Welt in der Vergangenheit
eine Raserei von Kriegen gegen abhängige Völker und
natürlich auch zwei Weltkriege mit besonders furchtbaren
Folgen erlebte.
Aber heute möchte ich über die Tragödie der
aktuellen Situation in der Welt sprechen. Noch nie waren die
Möglichkeiten, Volksbewegungen gegen Verbrechen dieses
Ausmaßes zu mobilisieren, so schwach und mühevoll. Es
mangelt nicht an Entrüstung, sondern gefragt wird, welchen
Nutzen solche Bewegungen hätten. Sie sind weit davon entfernt,
die Politik der Gewalt des Imperialismus stoppen zu können.
Man darf annehmen, daß diese Politik in einem sehr
großen Ausmaß die öffentliche Meinung betäubt
und die entscheidenden sozialen Kräfte neutralisiert hat. In
dieser Hinsicht muß man feststellen, daß die Strategie
der »Kriege niedriger Intensität« in den letzten
20 Jahren in einem gewissen Maß wirkungsvoll war.
Diese Bewertung erhält noch größere
Gültigkeit, wenn man die gegenwärtige schwere systemische
Krise berücksichtigt, die sich im letzten Halbjahr des Jahres
2008 verschärft hat. Man erfaßt ihr Ausmaß im
faktischen Zusammenbruch des globalen Finanz- und Banksystems, der
die herrschenden Klassen dazu zwang, beträchtliche
öffentliche Ressourcen zu mobilisieren, um die Situation zum
Nachteil der Völker zu retten. Dutzende Millionen Menschen
zahlen bereits den Preis für die katastrophalen Konsequenzen
der rückhaltlosen Anhimmelung der blinden Gesetze des Marktes.
Alle Maßnahmen, die bisher ergriffen wurden, zeigen,
daß man mit ihnen in Wirklichkeit nicht auf die sozialen
Bedürfnisse antworten will. Die Regierungen verschreiben sich
vielmehr einer Perspektive größerer Arbeitslosigkeit,
der Kürzung des Volkseinkommens und der Demontage des
öffentlichen Dienstes, der Schwächung von Instrumenten
der Arbeitskämpfe und der stärkeren Konkurrenz der
Arbeitenden auf nationaler und internationaler Ebene. Es ist wahr,
daß es an Widerstand nicht mangelt. Griechenland gibt in
dieser Hinsicht ein stürmisches Beispiel. Aber weder auf
nationaler noch auf internationaler Ebene gibt es Kräfte der
Solidarität, die Alternativen zur Politik der Regression der
Zivilisation aufzeigen wie gegen die G8 mit ihren Ausbeutungs- und
Herrschaftsinstrumenten Weltbank, Internationalem
Währungsfonds und Welthandelsorganisation.
Natürlich darf man die Aktivitäten der
Globalisierungskritiker nicht unterschätzen. Sie versuchen,
den Fieberwahn der Marktgesetze zu stoppen und treten für eine
gerechtere ökonomische Weltordnung ein. Aber es gilt
einzusehen, daß es gegenwärtig unmöglich ist, das
Kräfteverhältnis zugunsten der Völker zu
verändern. Es gibt noch kein Äquivalent für das
strategische Gegengewicht, das die Sowjetunion, die
Volkskämpfe und die nationalen Befreiungsbewegungen gemeinsam
darstellten. Mir scheint sogar, daß die Bewegung der
Globalisierungskritiker in manchen Teilen Zeichen der Schwäche
zeigt. Ihre extrem heterogene Zusammensetzung, die zwar eine
große Kreativität sichert, die starke
Übereinstimmung in der Verurteilung des Systems bedingt
zugleich unterschiedliche Auffassungen zur Alternative, zur Frage
der Macht und der Überwindung des Kapitalismus.
Innere Ursachen
Der Imperativ des Internationalismus wird vor allem deswegen
drängender, weil die derzeitige Systemkrise der Menschheit
gewaltige Risiken auferlegt, enorme Konvulsionen. Niemals, keine
Sekunde lang darf vergessen werden, daß der Imperialismus
verwüstende Kriege und zum Verlust der Freiheit
führt.
Ist es ein Zufall, daß die herrschenden Klassen des
dominierenden Systems die NATO in eine globale Interventionsmacht
mit Truppen in Afghanistan umgeformt haben? Man kann die Hypothese
nicht außer acht lassen, daß es dort um ein kollektives
Trainingsgelände für Techniken bewaffneter
Unterdrückung von Aufständen geht, zu denen die
Völker unausweichlich in dem Maß getrieben werden, in
denen die Lasten der Krise für sie unerträglich
werden.
Mir scheint, daß der Zeitpunkt gekommen ist, an dem mit Recht
gefragt werden muß, warum der Internationalismus und die
Kommunisten so schwach geworden sind. Wir wissen, daß die
herrschenden Klassen des Westens einen gnadenlosen Kampf gegen den
Erfolg des Sozialismus – durch offene Kriege, durch
Subversion, durch Blockaden, eine erbarmungslose
Eindämmungspolitik und durch die Auferlegung eines
ruinösen Wettrüstens geführt haben. Aber wir
müssen auch anerkennen, daß dies nicht alles
erklärt. Tatsächlich hat der Zusammenbruch vor allem
innere Ursachen, die aus der konkreten Geschichte der ersten
Erfahrungen des sozialistischen Aufbaus herrühren, aus der
Sowjetunion.
Erstens hatten die Verbrechen, die von Regimen, die für sich
den Kommunismus in Anspruch nahmen und, wie wir wissen, mit dem
Fall der Mauer in Berlin zusammenbrachen, schwere Konsequenzen.
Hinzu kommen bestimmte Entwicklungen in der Volksrepublik China,
deren außergewöhnlichen wirtschaftlichen und auch
sozialen Leistungen sich mit der Steuerung einer kapitalistischen
Entwicklung durch die Kommunistische Partei verbinden – unter
Verhältnissen einer extrem engen Verschachtelung mit
multinationalen Konzernen und auf finanzieller Ebene sogar mit den
USA.
Die Leichtigkeit, mit der die Völker die Verhältnisse
kapitalistischer Ausbeutung akzeptiert haben und das Auftreten des
innersten kommunistischen Parteiapparats als Oligarchie, die
über immense öffentliche Ressourcen verfügt, hat
grundlegend das antikapitalistische Koordinatensystem
durcheinandergebracht. Das hat zumindest Argumente für die
Behauptung geliefert, daß die Bestrebung zur Überwindung
des Kapitalismus gegen die menschliche Natur sei. Es hat die These
des US-Strategen Francis Fukujama bekräftigt, der Anfang der
90er meinte, daß die Marktwirtschaft unumgänglich und
der Zusammenbruch des Sozialismus das Ende der Geschichte sei. Er
selbst allerdings hat kürzlich in einem Interview
festgestellt, daß dies damals nicht nur ehrgeizig war,
sondern auch von der Realität widerlegt worden ist. Denn jetzt
leben wir mit den Folgen der Finanzmarktkrise.
Zweitens haben in breiten demokratischen Bewegungen und selbst bei
kämpferischen Kommunisten Vorstellungen über die
Gestaltung des Übergangs zu einer glücklicheren
Gesellschaft geherrscht, die von messianischen politischen
Apparaten ersonnen wurden. Eine Illustration dafür findet sich
in den Beschlüssen des 21. Parteitages der KPdSU, auf dem man
dekretierte, daß der Kapitalismus »endgültig die
historische Initiative verloren« habe und nur der reale
Sozialismus in der Lage sei, die wissenschaftlich-technische
Revolution zu meistern. Die Entkräftung dieser Behauptung
durch die Geschichte zählt zu jenen Faktoren, die noch heute
sehr schwer das Ansehen der Kommunisten belasten, die bis dahin die
Speerspitze der antiimperialistischen Solidarität waren.
Neue soziale Schichten
Drittens: die Unterschätzung, richtiger das Mißtrauen
gegen Reformpolitik. Man vergaß dabei die Mahnung Lenins,
daß der Kampf für die Verbesserung der Lebensbedingungen
der Arbeiter, der Bevölkerung und der demokratischen
Errungenschaften nicht von Natur aus reformistisch ist. Sehr oft
sicherte die Festlegung der kommunistischen Position darauf,
daß die Revolution unmittelbar bevorstehe, den
reformistischen Kräften in der Arbeiterbewegung einen
großen Spielraum für dauerhafte Manöver.
Gleichzeitig existierte im Unterbewußtsein der Kommunisten
die Idee, daß die industrielle Arbeiterklasse im Sinne des
19. Jahrhunderts die einzige wirkliche Vorkämpferin zur
Überwindung des Kapitalismus ist. Man hat die
beträchtlichen Wandlungen, die im Kern dieser Klasse selbst
vonstatten gingen, das wachsende Gewicht neuer Schichten von
Arbeitenden in dem Maß, in dem sich Wissenschaft und Technik
entwickelten, nicht genau erfaßt.
Viertens. Die Glaubwürdigkeit des Internationalismus hat auch
dadurch gelitten, daß Freiheiten durch die
Repressionspolitik, die für den Sozialismus gleichsam
wesentlich wurde, aufgehoben wurden. Während die Kommunisten
im Norden und Süden um die Ausweitung der Demokratie
täglich kämpften, für die Meinungsfreiheit, für
die Bewegungsfreiheit, für die Menschenrechte,
unterstützten sie im Namen des Internationalismus
freiheitstötende Maßnahmen, die von den Führern der
sozialistischen Länder vorgenommen wurden. Die Propaganda der
kapitalistischen Länder hat natürlich diese großen
Mängel ausgebeutet und stellte sich an die Spitze des Kampfes
gegen den Totalitarismus. Wir führen unseren Kampf heute
weiter, aber zu einem extrem erhöhten Preis. Diese
Versäumnisse sind die tragischen Konsequenzen der Stalinschen
Politik. Ich erinnere in dieser Hinsicht an die
unvergänglichen Lehren, die Rosa Luxemburg hinterlassen hat,
als die junge russische Revolution allein und der einzige
Staat gegen die kapitalistischen Mächte war. Sie drückte
damals ihre glühende Solidarität mit den russischen
Revolutionären aus, kritisierte aber gleichzeitig
»streng« »Lenin, Trotzki und Konsorten«
wegen der Auflösung der Duma, was sie als absolut
antidemokratisch betrachtete. Das war revolutionär und
internationalistisch zugleich. Aber diese Debatte haben wir unter
uns einfach nicht geführt. Das hat zu schwerwiegenden
Konsequenzen geführt, und deshalb müssen wir begreifen,
daß wir heute darüber diskutieren müssen.
Wir haben gesehen, daß der Sozialismus als System
zusammengebrochen ist, weil wir nicht die unterschiedlichen
Bereiche zusammengeführt haben. Auch das Ausmaß der
Finanzkrise zeigt, daß wiederum unterschiedliche Reformen
durchgesetzt werden müssen. Wenn wir hier nicht offensiv sind,
können wir keine Ergebnisse erzielen. Wir können nur
gemeinsam bestehen und gemeinsam unsere Ziele erreichen. Das lehren
die Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges, als es den Kommunisten
gelang, sich sehr rasch zu verbünden. Das sind Fakten, die wir
nicht außer acht lassen sollten. Aber jetzt ist es Zeit,
einen neuen Weg einschlagen, nicht nach hinten schauend, sondern
nach vorn. Wir müssen die Welt mit neuen Augen betrachten und
uns darüber klarwerden, was wir wollen. Denn wenn wir das
nicht wissen, dann können wir weder zu unserem Ziel kommen,
noch können wir Massen mobilisieren. Das aber müssen wir
schaffen, um den Gefahren zu begegnen, die uns der Imperialismus
auferlegt. Wir müssen eine andere Politik herbeiführen.
Wir brauchen ein sehr klares Klassenbewußtsein, eine neue
Identität als Kommunisten. Wir müssen zeigen, daß
die Menschheit das Wichtigste ist, was wir haben. Wir brauchen eine
menschliche Solidarität, und wir brauchen Demokratie.
Neuer historischer Block
Denn fünftens verwenden wir auf die wesentliche Frage, die die
Zukunft unseres Planeten betrifft – handele es sich um die
Erwärmung oder das ökologische Problem im allgemeinen
–, nicht das notwendige Maß an Aufmerksamkeit. Wir
müssen zusehen, wie andere Kräfte auf diesem Gebiet stark
sind. Sie hatten die Idee, die Menschheit davon zu unterrichten und
zugleich Instrumente der Leugnung des Systems der
Ausplünderung des Planeten, der Umweltverschmutzung zu
entwickeln, wobei die Länder, die für sich den
Sozialismus reklamierten, unglücklicherweise kein Vorbild
waren.
Der proletarische Internationalismus, dessen Grundstein – so
sagte man – die Unterstützung der Sowjetunion war, hat
nicht wenig Schuld an unserem Rückstand in diesen
entscheidenden Fragen.
Um diese Hindernisse zu überwinden, sind Glaubensbekenntnisse,
Reuebekundungen und beschwörende Versprechen keine große
Hilfe. Vielmehr ist klar, daß die Überwindung des
Kapitalismus einen eigenen, originalen Beitrag der Komunisten
erfordert. Wenn das so ist, müssen sie ihre Verfahren und
politischen Herangehensweisen überdenken – mit klarem
Bewußtsein für die Notwendigkeit von Bündnissen,
die sehr offen für die Sammlung von Kräften sind, die
unerläßlich im Einsatz für die historische
Konfrontation zur Überwindung des Kapitalismus sind –
und für einen Sozialismus einer neuen Generation. Es ist
nötig, gut zu verstehen, wie groß die Notwendigkeit
einer neuen Massenerhebung der Völker ist, der Arbeiter, aller
sozialen, politischen und kulturellen Kräfte, um die Welt auf
Wege und zu Verfahren für die Überwindung des
Kapitalismus zu bringen. Das wird ein langer Übergang sein,
der verlangt, daß die Kommunisten so schnell wie möglich
mit wichtigen Aspekten unseres Herangehens in der Vergangenheit
brechen. Das verlangt von uns, eine andere Politik in Angriff zu
nehmen, mit klarem Bewußtsein unserer Identität inmitten
des historischen Blocks, der darauf hinarbeitet, die Menschheit
radikal umzuorientieren in Richtung auf eine Welt wirklicher
Solidarität, Freiheit und Demokratie, hin auf ein
Produktionssystem, das Schluß macht mit dem Desaster der
Zerstörung aller Ressourcen des Planeten durch die Mächte
des Geldes.