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Amandla Awethu!

Beilage zur Rosa-Luxemburg-KonferenzAm Mittwoch, 7. Februar, in junge Welt: 16 Seiten extra jW-Spe­zial mit Auszügen aus den Beiträgen der Referentinnen und Referenten.

Ende März 2018 erscheint die Broschüre zur XXIII. Rosa-Luxemburg-Konferenz. Mit allen Vorträgen, Auszügen aus der Po­diumsdiskussion und zusätzlichen Beiträgen und Fotos (erhältlich an allen Bahnhofskiosken und in der jW-Ladengalerie, bestellbar online hier oder telefonisch unter: 030/53 63 55-37)

Michael Chrapek und Ahmad Majd Amin sind Berliner Künstler und Mitglieder der Gruppe Tendenzen
Die Kunstausstellung: »Ni dieu, ni maître – wir brauchen keine anderen Herren, sondern keine!« ist am kommenden Sonnabend ab 10.30 Uhr auf der XXI. Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz in der Urania in Berlin zu sehen.

Am Samstag zu sehen: »Es wird werden« von Ulrich Stettner, Öl auf Leinwand, 2015Wie lange gibt es die Gruppe Tendenzen?

Michael Chrapek: Seit ungefähr fünf Jahren. Joachim Geserick und ich haben uns mal bei einer Jahresabschlussfeier einer Berliner Parteigruppe der DKP zwanglos unterhalten, über Hobbys und so weiter. Wir stellten fest, dass wir beide malen und zeichnen, und es kam die Idee auf, wir müssten mal zusammen etwas machen. Es kam zu regelmäßigen Treffen, auch mit Gästen. Wir lernten die Malerin Bärbel Brede kennen. Sie erzählte uns davon, dass es in der alten BRD seit den frühen 60er Jahren in München eine linke Kunstzeitschrift gab, die hieß Tendenzen – Zeitschrift für engagierte Kunst. Das fanden wir einen guten Titel für unsere Künstlergruppe.

Wie groß ist die Gruppe?

Chrapek: Zehn Leute. Wir treffen uns einmal im Monat, in Berlin-Neukölln bei der Chile-Freundschaftsgesellschaft. Eigentlich wollen wir da malen und zeichnen, oder zumindest Bilder von uns vorstellen im kollektiven Gespräch. Aber wir kommen da zu wenig. Wenn wir uns treffen, besprechen wir viele organisatorische Fragen, meistens dauert das zu lang.

Ahmad Majd Amin: Ich finde die Kommunikation über Bilder wichtig. Die findet viel zu selten statt, die Leute reden immer über Musik und Bücher.

Sind das in der Gruppe alles Künstler, oder gibt es auch Kunstinteressierte?

Chrapek: Bis auf Bärbel und Ahmad sind wir alle Autodidakten. Wir sind das beste Beispiel für das Motto der Rosa-Luxemburg-Konferenz: »Selber tun«. Wir haben uns aus eigenem Antrieb zusammengefunden, selber was zu tun.

Majd Amin: Ich komme aus dem Iran und habe in Westberlin Grafikdesign und Malerei studiert. Ich bin ein unbekannter Künstler, weil ich für die DDR in Westberlin als Kundschafter gearbeitet habe. Ich habe meine Bilder ohne meinen Namen in der DDR oder auch in Polen ausgestellt. Als die DDR unterging, hat man mir zum Abschied gesagt: »Du bist leider ein vergessener Künstler«.

Chrapek: Ich habe als Requisiteur beim Fernsehfunk der DDR gearbeitet und hatte dadurch viele Verbindungen zu Bühnenbildnern. Das Malen und Zeichnen ist da immer so ein bisschen nebenher gelaufen.

Wie sehen Sie sich im Berliner Kunstbetrieb?

Chrapek: Da sehen wir uns überhaupt nicht. Wir sind gegen den elitären Kunstbetrieb eingestellt. Wir wollen raus aus der Galerie. Wir machen keine schönen Bilder fürs Wohnzimmer.

Machen Sie kommunistische Kunst?

Chrapek: So weit würde ich nicht gehen, aber linke kritische Kunst auf alle Fälle. Wir sind keine DKP-Malgruppe, sondern offen für alle, die einen humanistischen Ansatz haben. Die meisten von uns sind nicht in der DKP.

Majd Amin: Wir sind freie Maler, aber wir leben nicht in einer freien Gesellschaft. Ich würde mich als Künstler in einem geschlossenen Raum beschreiben, der Demokratie genannt wird. Da müssen Künstler, Schriftsteller und Journalisten helfen, eine Tür zu finden.

Chrapek: Kunst ist der erste Indikator, der zeigt, wohin die gesellschaftliche Richtung geht. Wir wollen keine Kunst für den Keller oder für das Depot machen. Wir wollen was erreichen und an die Öffentlichkeit gehen und haben die junge Welt gefragt, ob wir bei der Rosa-Luxemburg-Konferenz parallel eine Ausstellung machen könnten. Mittlerweile ist es die dritte.

Das diesjährige Motto der Ausstellung heißt »Ni dieu, ni maître: Wir brauchen keine anderen Herren, sondern keine!« Was gibt es da zu sehen?

Chrapek: Es geht um naturalistisch-realistische Kunst. Die Besucher sollen ohne besondere künstlerische Vorbildung erkennen, was denn der liebe Künstler meint. Ohne dass sie einen langen Zettel als Erklärung dazu durchlesen müssen. Wobei bei der Ausstellung auch Sachen eingereiht werden, die mehr ins Impressionistische reinspielen. Von Alexej Brykowski haben wir ein Mobilé gegen Hartz 4 oder eine Installation von Julia Wagner mit Käfigen, aus denen Bücher wie Vögel rausfliegen. Oder einen drehbaren Globus von Marco Schaub, der den G-7-Gipfel auf Schloss Elmau im Sommer 2015 zum Thema hat. Es gibt ungefähr 100 Werke von 40 Künstlern zu sehen.

Haben Sie früher gedacht, dass Kunst mehr bewegen kann?

Chrapek: Ich hab’ mir keine Illusionen gemacht, dass alleine durch die Kunst politische Veränderung stattfindet, aber dass sie zum Denken anregt, das glaube ich schon. Deshalb wird sie auch ausgegrenzt. Bei RTL oder im Frühstücksfernsehen gibt es keine linke Kunst.

Das ist die Konkurrenz, dagegen muss man sich mit Bildern erst mal durchsetzen.

Chrapek: Ja, oder mit anderen Kunstformen, wie zum Beispiel Kabarett, arbeiten. Da kann man sich auch fragen: Verändert Kabarett die Gesellschaft? Ich bin der Meinung: Zwar nicht grundlegend, aber es regt doch an.

Majd Amin: Die bildende Kunst spielt auch in der linken Bewegung nicht die Rolle, die ihr eigentlich zusteht.

Chrapek: Wenn es so etwas gibt, wird gern darauf zurückgegriffen, aber Anstöße, selbst künstlerisch aktiv zu werden, die fehlen leider. Was bei unserer Gruppe eine große Rolle spielt: Bei uns steht die fachliche Qualität nicht an erster Stelle. Wir sind Volkskünstler und nicht nur studierte Leute.

Erschienen am 6. Januar 2016 in der Tageszeitung junge Welt

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