Sprungmarken: Seiteninhalt, Navigation, Login.

18.01.2009

Imperiale Macht und Gegenmacht

Mumia Abu-Jamal
Wenn man sich die Reaktionen auf die Wahl Senator Barack Obamas aus dem US-Bundesstaat Illinois zum Präsidenten der USA anschaut, dann kann man sie am besten mit dem Wort »Jubel« zusammenfassen. (…) Zur Rolle der Linken bei diesem spektakulären Ereignis müssen wir feststellen, daß auch sie die Zeichen der Zeit verstanden hat, aber es waren die Zeichen, die die Mehrheit der Wähler gesetzt hatte, die sich nicht nur zusammenschlossen, um Obama zu wählen, sondern vor allem auch, um die US-Rechte mit ihrer ruinösen Politik vor die Tür zu setzen. (…) Zu ihnen gehörten vor allem junge Leute zwischen 18 und 28, die auf eine bisher ungekannte Weise für Obama mobilisiert haben. Mobilisiert haben auch die Afroamerikaner, die so zahlreich wie noch nie zur Wahl gingen (...). Und für ihn stimmten auch Millionen Frauen. (...)

Das führt uns zur nächsten Frage, nämlich zum Zustand der US-Antikriegsbewegung. Kurz gesagt: sie liegt am Boden. Paradoxerweise ist das ausgerechnet auf die massiven Protestdemonstrationen des Frühjahrs 2003 gegen den drohenden Irak-Krieg zurückzuführen. Für Millionen Menschen waren diese Proteste ihre erste und bislang letzte Erfahrung mit Massenaktionen. Leider haben viele aus dieser Erfahrung die Lehre gezogen, sie beweise ihre Machtlosigkeit und nicht ihren Machtzuwachs. (...)

Um analysieren zu können, ob Obamas Wahl für einen linken Aufschwung steht und ob die Antikriegsbewegung wieder neuen Auftrieb bekommt, müssen wir uns nur daran erinnern, daß Obama weder ein Linker ist noch ein Kriegsgegner. In der frühen Phase seines Wahlkampfes sprach er sich ausdrücklich gegen den Irak-Krieg aus. Anders in der letzten Phase, als er nur noch verkündete, der Rückzug der US-Truppen aus Irak sei notwendig für eine Aufstockung der Truppen in Afghanistan. Wenn man sich nun die aktuellen Ereignisse anschaut, während diese Worte geschrieben werden, dann deutet sich an, daß es in den nächsten zwei Wochen möglicherweise mehr Antikriegsproteste in den USA gegen den israelischen »Blitzkrieg« in Gaza geben wird, als es sie in den letzten zwei Jahren gegen die Besetzung Afghanistans durch US-Truppen gegeben hat.

(...) Aber einer der am meisten verehrten schwarzen Historiker der USA, Vincent Harding (...), sprach sicher nicht nur für sich, als er über Obama sagte: »Ich richte meine ganze Hoffnung auf ihn, aber nicht auf ihn allein. Ich sehe die großen Energien, die sich in den vergangenen zwei Kampagnenjahren aufgebaut haben, und ich sehe die Möglichkeit, daß wir uns zusammenschließen und mit aller Macht die zentrale Frage aufwerfen, bei der es nicht darum geht, was Barack Obama als nächstes tun sollte, sondern in welche Richtung wir selbst gehen wollen. Worin sehen wir unsere Rolle als engagierte fortschrittliche Bürgerinnen und Bürger bei der praktischen Antwort auf die Frage, welche Schritte wir als nächste tun?«

Harding, ein enger Vertrauter von Reverend Dr. Martin Luther King jr., schloß seinen Kommentar über die Wahl Obamas mit einem passenden Hinweis: »Vielleicht braucht eine Demokratie viel eher Menschen, die ihre Gemeinden organisieren, als Befehlshaber.« Es scheint, daß Dr. Harding deutlich machen will, daß wir anstelle eines Imperiums eine Republik brauchen. Denn wenn uns die Geschichte eines lehrt, dann das, daß diese beiden Realitäten unvereinbar miteinander sind. Im alten Rom bedeutete der Anbruch des Imperiums das Ende der Republik. Im Jahr 193 unserer Zeitrechnung bestieg ein Afrikaner den römischen Thron: Imperator Septimius Severus weitete Roms Macht aus und stärkte das Imperium. Sein Sohn folgte ihm auf den Thron und übertraf ihn noch an Grausamkeit und Unmenschlichkeit.

Diese Herrscher brachten keinen Wechsel, sie sorgten für Kontinuität. Wird das heutige Imperium einen anderen Weg einschlagen?

Der vollständige Beitrag erscheint in einer jW-Beilage am 28. Januar




Navigation


Sprungmarken: Seitenanfang, Seiteninhalt, Navigation, Login.

© Tageszeitung junge Welt. Realisation: WARENFORM