Mumia Abu-Jamal
Wenn man sich die Reaktionen auf die Wahl Senator Barack Obamas aus
dem US-Bundesstaat Illinois zum Präsidenten der USA anschaut,
dann kann man sie am besten mit dem Wort »Jubel«
zusammenfassen. (…) Zur Rolle der Linken bei diesem
spektakulären Ereignis müssen wir feststellen, daß
auch sie die Zeichen der Zeit verstanden hat, aber es waren die
Zeichen, die die Mehrheit der Wähler gesetzt hatte, die sich
nicht nur zusammenschlossen, um Obama zu wählen, sondern vor
allem auch, um die US-Rechte mit ihrer ruinösen Politik vor
die Tür zu setzen. (…) Zu ihnen gehörten vor allem
junge Leute zwischen 18 und 28, die auf eine bisher ungekannte
Weise für Obama mobilisiert haben. Mobilisiert haben auch die
Afroamerikaner, die so zahlreich wie noch nie zur Wahl gingen
(...). Und für ihn stimmten auch Millionen Frauen. (...)
Das führt uns zur nächsten Frage, nämlich zum
Zustand der US-Antikriegsbewegung. Kurz gesagt: sie liegt am Boden.
Paradoxerweise ist das ausgerechnet auf die massiven
Protestdemonstrationen des Frühjahrs 2003 gegen den drohenden
Irak-Krieg zurückzuführen. Für Millionen Menschen
waren diese Proteste ihre erste und bislang letzte Erfahrung mit
Massenaktionen. Leider haben viele aus dieser Erfahrung die Lehre
gezogen, sie beweise ihre Machtlosigkeit und nicht ihren
Machtzuwachs. (...)
Um analysieren zu können, ob Obamas Wahl für einen linken
Aufschwung steht und ob die Antikriegsbewegung wieder neuen
Auftrieb bekommt, müssen wir uns nur daran erinnern, daß
Obama weder ein Linker ist noch ein Kriegsgegner. In der
frühen Phase seines Wahlkampfes sprach er sich
ausdrücklich gegen den Irak-Krieg aus. Anders in der letzten
Phase, als er nur noch verkündete, der Rückzug der
US-Truppen aus Irak sei notwendig für eine Aufstockung der
Truppen in Afghanistan. Wenn man sich nun die aktuellen Ereignisse
anschaut, während diese Worte geschrieben werden, dann deutet
sich an, daß es in den nächsten zwei Wochen
möglicherweise mehr Antikriegsproteste in den USA gegen den
israelischen »Blitzkrieg« in Gaza geben wird, als es
sie in den letzten zwei Jahren gegen die Besetzung Afghanistans
durch US-Truppen gegeben hat.
(...) Aber einer der am meisten verehrten schwarzen Historiker der
USA, Vincent Harding (...), sprach sicher nicht nur für sich,
als er über Obama sagte: »Ich richte meine ganze
Hoffnung auf ihn, aber nicht auf ihn allein. Ich sehe die
großen Energien, die sich in den vergangenen zwei
Kampagnenjahren aufgebaut haben, und ich sehe die Möglichkeit,
daß wir uns zusammenschließen und mit aller Macht die
zentrale Frage aufwerfen, bei der es nicht darum geht, was Barack
Obama als nächstes tun sollte, sondern in welche Richtung wir
selbst gehen wollen. Worin sehen wir unsere Rolle als engagierte
fortschrittliche Bürgerinnen und Bürger bei der
praktischen Antwort auf die Frage, welche Schritte wir als
nächste tun?«
Harding, ein enger Vertrauter von Reverend Dr. Martin Luther King
jr., schloß seinen Kommentar über die Wahl Obamas mit
einem passenden Hinweis: »Vielleicht braucht eine Demokratie
viel eher Menschen, die ihre Gemeinden organisieren, als
Befehlshaber.« Es scheint, daß Dr. Harding deutlich
machen will, daß wir anstelle eines Imperiums eine Republik
brauchen. Denn wenn uns die Geschichte eines lehrt, dann das,
daß diese beiden Realitäten unvereinbar miteinander
sind. Im alten Rom bedeutete der Anbruch des Imperiums das Ende der
Republik. Im Jahr 193 unserer Zeitrechnung bestieg ein Afrikaner
den römischen Thron: Imperator Septimius Severus weitete Roms
Macht aus und stärkte das Imperium. Sein Sohn folgte ihm auf
den Thron und übertraf ihn noch an Grausamkeit und
Unmenschlichkeit.
Diese Herrscher brachten keinen Wechsel, sie sorgten für
Kontinuität. Wird das heutige Imperium einen anderen Weg
einschlagen?
Der vollständige Beitrag erscheint in einer jW-Beilage
am 28. Januar