Konferenz 2015

ota Kehr, Jahrgang 1979, ist eine freie Liedermacherin aus Berlin. Sie macht ihre Platten selbst, ihre Konzerte und natürlich ihre Lieder. Live am 10. Januar bei der XX. Rosa-Luxemburg-Konferenz. Foto: obs/GEMA/Sandra Ludewigota Kehr, Jahrgang 1979, ist eine freie Liedermacherin aus Berlin. Sie macht ihre Platten selbst, ihre Konzerte und natürlich ihre Lieder. Live am 10. Januar bei der XX. Rosa-Luxemburg-Konferenz. Foto: obs/GEMA/Sandra Ludewig

Warum heißt Ihre Band nicht mehr Stadtpiraten?

Es ist dieselbe Band, sie hat nur den Namen abgelegt. Die hatten keine Lust mehr, Stadtpiraten zu heißen. Wir spielen in verschiedenen Formationen. Es gibt Konzerte mit drei Streichern und der Band, da sind wir zu siebt auf der Bühne, und dann gibt es Konzerte als Band zu viert und Konzerte zu zweit, also Jan Rohrbach und ich. Wir sind ja sozusagen der Kern der Band. Auch das Repertoire ist ein bisschen unterschiedlich. Es gibt Stücke, die klappen besonders gut zu zweit und andere, die funktionieren gut in der großen Besetzung.

Zum Beispiel?

»Schneekönig« lebt total von der Instrumentierung. Unser Pianist Jonas Hauer, der bei dem Stück Theremin spielt, hat ein ganz tolles Arrangement für die Streicher geschrieben. Andere Stücke erzählen so viel Text, da kann man nicht so viel Arrangement und Instrumentierung dazutun, ohne den Text zu erdrücken. Ein Beispiel wäre dieses Lied über eine Fee, ein lustiges Lied. Das spiele ich immer alleine.

Darin geht es um den Weltfrieden.

Unter anderem.

Hochaktuelles Thema.

Ich kann dazu nicht viel sagen. Bei diesen kriegerischen Auseinandersetzungen, die in der Ferne stattfinden, hab’ ich immer nur den Eindruck: Es ist so komplex, und ich werde so indirekt über Medien informiert oder auch manipuliert. Ich kriege Informationen, aber weiß nicht, wie ich die bewerten soll. Ich weiß nur, dass ich bewaffnete Konflikte und jede Gewalt falsch finde.

Es geht Ihnen wie der Fee in dem Lied: »Ich sagte, ich will mir was wünschen hier, kapiert?! / Und ich sei zum Beispiel am Weltfrieden interessiert. Sie sagte, darauf trinken wir einen. / Aber weißt du: Das ist kompliziert.«

Es ist kompliziert, ja.

Vom selben Soloalbum aus dem Jahr 2011 ist auch das Stück »Nichts im Tausch«, das auf dem letzten Album der Band von 2013 wieder auftaucht, wo es, komplexer instrumentiert, noch viel besser klingt.

Das spielen wir jetzt auch mit den Streichern. Die Kunst am Arrangieren ist, dass das Stück dadurch gewinnt. Es geht nicht um etwas, das eh in dem Lied ist, wenn ich es einfach nur mit Gitarre und Gesang spiele, also nicht um Streicher, die irgendwas zuschmieren, verkitschen, oder irgendwelchen Schmelz überzeichnen.

Sondern? Was ist das Gegenmodell?

Das Gegenmodell ist, dass die Streicher den Liedern etwas Überraschendes hinzufügen, etwa eine gewisse Leichtigkeit. Also auch diese klangliche Fülle, aber nichts Vorhersehbares.

Sie werden im Januar auch als Gast bei einem Konzert von Chico César auftreten. Dessen Vorbilder sind Tom Zé oder Gilberto Gil. Was sind Ihre?

Von den brasilianischen Musikern habe ich mich in letzter Zeit viel mit Chico Buarque beschäftigt. Ihm gelingt es, Lieder mit einem Ich-Erzähler zu schreiben, in denen verschiedene Personen sprechen. Ohne es mit dem Holzhammer auszudrücken, wird total klar, dass nicht er das ist, sondern eine Frau zum Beispiel. Das ist wahnsinnig schwer zu machen in einem Liedtext, wo man so wenig Platz hat. Dazu kommt dieser Sprachklang, mit dem zu spielen das Portugiesische einlädt.

Sie haben ein Medizinstudium abgeschlossen?

Ja, viel Wissen über einen komplexen Beruf, aber nichts, was unter Bildung fällt.

Und mal im Krankenhauswesen gearbeitet?

Überhaupt nicht. Das ist schon sehr, sehr Vollzeit, meine musikalische Betätigung.

Sie können ohne Majorlabel davon leben?

Ja, das klappt. Aber man muss sich immer wieder neu damit beschäftigen, wie man von Musik leben kann. Wir wissen alle: Der physische Tonträger, das wird weniger. Jüngere Leute haben keinen Plattenspieler oder CD-Player mehr, sondern nur noch Zugang über digitale … – Formen (lacht). Das Problem sind dabei weniger Pay-Download-Portale wie iTunes. Da ärgert mich zwar irgendwie, dass viele Leute hohe Prozentsätze mitverdienen, die nichts damit zu tun haben, aber viel problematischer sind Streamingdienste wie Spotify. Die Abrechnungen sind noch intransparenter, und es kommen nur Nachkomma-Centbeträge an. Davon kann man keine Albumproduktion stemmen. Nutzerseitig kann ich das verstehen: Man hat alles verfügbar, aber für Künstler ist das problematisch.

Wie hoch ist der Anteil dieser Einnahmen bei Ihnen?

Das ist verschwindend gering. Es gibt ja auch nur zwei Cent für 80mal anhören. Ich habe mir jetzt überlegt: Ich tue in diese Streamingdienste nicht alle Lieder rein, sondern von jedem Album ein paar. Es dauert, das umzusetzen. Die sind da wahnsinnig kompliziert. Als Band leben wir vor allem vom Livespielen.

Was werden Sie am 10. Januar abends bei der Rosa-Luxemburg-Konferenz spielen?

Es wird tolle, minimalistische Beiträge mit E-Gitarre und anderen kleinen Instrumenten geben, und ich habe ganz neue Lieder geschrieben, von denen ich zwei oder drei spielen werde.

Zur Rosa-Luxemburg-Konferenz passt ein Zweizeiler von Ihnen: »Es geht nicht um ein Stück vom Kuchen, es geht um die ganze Bäckerei« – auf einer Party neulich hat mir ein junger Mann weiszumachen versucht, das sei von Quetschenpaua.

Es gibt Brecht-Zitate, die ähnlich funktionieren, aber ohne Kuchen und Bäckerei. Ich habe es von der Yorckbrücke. Da stand es schon Mitte der 80er. Ich konnte gerade lesen. Heute steht auf der einen Seite der Straße unter der Brücke immer noch: »Keine Rinderzucht auf Regenwaldböden«. Und auf der anderen Seite: »Wir wollen nicht ein Stück vom Kuchen, wir wollen die ganze Bäckerei«. Vielleicht hat Quetschenpaua das auch an der Yorckbrücke gelesen.

Dota Kehr spielt am 10. Januar ab 19 Uhr auf der XX. Rosa-Luxemburg-Konferenz der jungen Welt in der Urania, Berlin

Der Beitrag erschien in der Tageszeitung junge Welt vom 23. Dezember 2014

Unterstützer der Rosa-Luxemburg-Konferenz 2015

Das Plakat 2015

Plakat der Rosa-Luxemburg-Konferenz 2015

Broschüre 2015

Broschüre zur XX. Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz

Dokumentation sämtlicher Beiträge der XX. Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz vom 10.Januar 2015
Beiträge u.a. von: Oskar Lafontaine, Radhika Desai, Alex Rosen, Sharon Dolev, Hans Modrow
70 Seiten; 3,60 Euro

Zu bestellen im jW-Shop

2015 zu Gast

Radhika Desai

Radhika Desai, Ökonomin, Universität Manitoba, Kanada (Foto: privat)

 

Otto Koehler

Otto Köhler, Publizist (Foto: christian-ditsch.de)

 

Hans Modrow

Hans Modrow, eheml. DDR-Ministerpräsident, Vorsitzender des Ältestenrates der Partei Die Linke (Foto: Hans Modrow)

 

Oskar Lafontaine

Oskar Lafontaine, Politiker und Publizist (Foto: Roland Weihrauch/dpa)

 

Peter  Mertens

Peter Mertens, Vorsitzender der Partei der Arbeit Belgiens (PVDA/PTB) (Foto: PTB)

 

willy wimmer

Willy Wimmer, Politiker, ehem. Vizepräsident der OSZE (Foto: CDU/CSU)

 

Sharon Dolev

Sharon Dolev, Gründerin und Direktorin der Regionalen Friedens- und Abrüstungsbewegung in Israel (Foto: privat)

 

Dota Kehr

Dota Kehr (Die Kleingeldprinzessin) mit Jan Rohrbach und Special Guests (Foto: Sophie Krische)

 

Banda Bassotti

Gian Paolo »Picchio« Picchiami, Sänger der italienischen Band Banda Bassotti (Foto: Banda Bassotti)

 

The Pokes

The Pokes, Berlins No. 1 Folkpunk-Band (Foto: The Pokes)

 

Iwan Rodionow

Iwan Rodionow, Chefredakteur von RT Deutsch, Russland (Foto: Screenshot Youtube)

 

Linn Washington

Linn Washington, Journalist, USA (Foto: privat)

 

Mumia Abu Jamal

Mumia Abu-Jamal, Journalist, politischer Gefangener (USA) (Foto: jW-Archiv)

 

Rolf Becker

Rolf Becker, Schauspieler (Foto: jW)

 

Volker Hermsdorf

Volker Hermsdorf, Journalist, jW-Autor (Foto: privat)

 

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