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Moderatorin Anja Panse kündigt den »kulturellen Höhepunkt« der Konferenz an: Eine Adaption des Oratoriums »Das Floß der Medusa« von Hans Werner Henze (Komposition) und Ernst Schnabel (Libretto). Ende 1968 wurde die Uraufführung in Hamburg kurzfristig abgesagt, weil der Komponist auf einem Che-Guevara-Plakat und einer rote Fahne bestand. Von Polizisten verletzt, wurde Henze in Gewahrsam genommen. Als die Chefredakteurin der Zeitschrift Melodie & Rhythmus (M & R), Susann Witt-Stahl, dem Schauspieler Rolf Becker vorschlug, dieses Werk dem Vergessen zu entreißen, sagte er zu, ohne lange zu überlegen.

Die beiden erinnern auf der Bühne mit einleitenden Worten an die damalige Hetzkampagne gegen Henze, dessen Floß der Spiegel in glatter Umkehrung der Tatsachen in einem »Sog der Konterrevolution« treiben sah. »Die Revolutionierung der Kunst hat zur Voraussetzung die Revolutionierung der Verhältnisse – die Kunst ist gerettet, wenn die Menschen gerettet sind«, sagt Becker, und zitiert Henze, dessen »Weg zum Marxismus« mit Lernschwierigkeiten gepflastert gewesen sei. Er habe sich, sagte der Komponist selbst, erst klar werden müssen über den Zusammenhang zwischen den Elenden und der moralischen Verelendung in den Zentren des Kapitals. Dafür gibt es Zwischenapplaus.

Becker präsentiert nun den renommierten Jazzmusiker und Komponisten Hannes Zerbe, der eine Adaption des Oratoriums für die »Künstlerkonferenz« der M & R im Sommer 2019 komponiert hat und sie nun gemeinsam mit seinem Jazzensemble intoniert. Becker wirft ein schwarzes Tuch um und verwandelt sich in Charon, Fährmann auf dem Totenfluss und Erzähler der Geschichte, in der die Mächtigen gerettet werden und die Armen elendig verrecken. Der Schauspieler stellt ein Ruder in einen Eisenkorb, schwenkt einen roten Fetzen, schreit »Vive le roi!« und ruft flüsternd »Madame La Mort« herbei. Dazu erklingen Klagelaute der Klarinette (Jürgen Kupke), ein Ächzen des Altsaxophons (Silke Eberhard), ein treibender Rhythmus des Schlagzeugs (Christian Marien). Manchmal ist Zerbe am Klavier ganz alleine zu hören: Ein Melodielauf bricht ab, ein Ton wird wiederholt. Stille herrscht.

Hinter den Musikern hängen riesige Fahnen mit dem Gesichtern von Che Guevara, Ho Chi Minh, Patrice Lumumba und anderen Revolutionären. »Das Glück der Welt trägt einen Federhut«, deklamiert Becker zu Melodiebögen von schmerzhafter Schönheit oder Rhythmen, die eine schier unerträgliche Spannung erzeugen. Am Ende ist der Saal »belehrt von Wirklichkeit«, »fiebernd, sie umzustürzen«. Großer Applaus. Alle erheben sich. Es gibt Jauchzer und »Bravo!«-Rufe. Das geht einige Minuten lang so. Der Ho-Ho-Ho-Chi-Minh!-Rhythmus am Ende von Zerbes Komposition hallt noch sehr viel länger nach. (jW)

Übernommen aus dem jW Online Spezial zur Konferenz 2020: https://www.jungewelt.de/blogs/rls-2020

 

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