Sozialismus oder Barbarei

Anders Koustrup Kærgaard (46) kam mit einer post-traumatischen Belastungsstörung aus dem Irak-Krieg zurück. Er wurde zum Whistleblower und setzt sich heute für die Rechte der irakischen Zivilopfer ein. Bei der Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz am 12. Januar 2019 nimmt er am SDAJ-Workshop teil. Das  vollständige Jugendprogramm gibt es hier

Anders Koustrup Kærgaard. Foto: Jens SchulzePosition: Was ist passiert, als du im Irak-Krieg eingesetzt warst?

Anders Koustrup Kærgaard: Als Nachrichtendienst-Offizier war es meine Aufgabe, den Feind zu analysieren und Voraussagen über mögliche Angriffe zu treffen. So auch im November 2004, als uns von den Irakern gemeldet wurde, dass sich in einer Stadt mit ca. 600.000 EinwohnerInnen Al-Qaida-Kämpfer verstecken würden. Al-Qaida hätte angeblich Kontakte zu Saddam Hussein wurde uns erzählt, was jedoch nicht stimmte. Es wurde ein Angriff am Morgen geplant, wir sollten in der Innenstadt Ziele sichern und die neue irakische Armee begleiten, da wir sie ausbildeten. Doch ihre Einschätzung war falsch, so wie ich es im Vorfeld vermutet und gemeldet hatte. Hier ging es vielmehr um einen Angriff auf religiöse Gruppen und vielleicht um Drogenhandel. Trotzdem wurden Zivilisten ins Gefängnis in der Nähe von Basra verschleppt und dort 70 Tage lang gefoltert – unter Aufsicht der Briten.

War unter euch Soldaten bekannt, dass in dem Gefängnis gefoltert wird?

Im Mai 2004 wurden die Folterszenen aus Abu Ghraib öffentlich und natürlich wollte man solche Bilder zukünftig verhindern. Deswegen hatten wir vor unserem Irak-Einsatz viel Unterricht über internationales Völkerrecht und Kriegskonventionen. Jeder von uns wusste, wenn er Folter und andere Verbrechen mitbekommt, muss dagegen eingegriffen und das gemeldet werden. Doch das hat niemand gemacht.
Im Januar dann fanden im Irak die ersten Wahlen nach der militärischen Okkupation statt. Zwar wurde im Vorfeld dessen noch kurz in einigen lokalen Medien über das Verbrechen im Zuge der „Operation Green Dessert“ berichtet, doch dann war es wieder still. Denn unser dänischer Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen sagte damals über den Einsatz in Al-Zubair, es gäbe nichts zu untersuchen. Das war gelogen, nach der Genfer Konvention waren wir verpflichtet, das ganze unabhängig untersuchen zu lassen. Doch Rasmussen wollte den Irak-Krieg nicht schlecht reden, sondern gut darstellen. Später wurde Rasmussen dann Generalsekretär des westlichen NATO-Militärbündnisses.

Hat dich der Umgang der Militärführung verunsichert?

Ich glaubte für das Gute zu kämpfen, für Demokratie und Freiheit. Heute weiß ich, dass im Irak-Krieg alte Rechnungen beglichen wurden. Schon 2004 wurde klar, dass die offizielle US-Begründung für den Krieg, nämlich dass der damalige Irakische Präsident Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen hergestellt hätte, Unsinn war. Und obwohl die Vereinten Nationen (UNO) dem Kriegseinsatz eine Abfuhr erteilten, begann der Krieg gegen den Irak. Anstatt das Nein der UNO zu akzeptieren, haben sich die Interessen um Erdöl und damit viel Geld durchgesetzt.

Was denkst du aus deiner heutigen Perspektive über den Irak-Krieg?

Sicherlich, Saddam ist weg, aber die Situation ist sehr schlimm und es ist nirgends sicher im Irak. Doch die irakische Bevölkerung konnte nach diesem Krieg den Besatzern nicht vertrauen. Der religiöse Konflikt hat den Charakter eines Bürgerkriegs gegen die normale Zivilbevölkerung angenommen – mit Unterstützung der westlichen „Koalition der Willigen“.

Heute ist der Irak ein kaputtes Land mit vielen Narben. Der Angriff auf Al-Zubair ist eine davon. Das Verbrechen konnte zum Glück auch in Dänemark nie vertuscht werden. 2004 kam es bereits auf, 2008 war es dann erneut in den Medien, 2010 nochmal. Jedes Mal hat sich die Militärführung auf mich eingeredet und gesagt man würde sich nun darum kümmern. Doch passiert ist nichts.

Wann hast du dein Schweigen gebrochen?

Als das Ganze dann 2012 wieder in die öffentliche Debatte kam, habe ich mein Wissen über den wahren Hergang an die Presse gegeben. Die Reaktion der Regierung kam prompt: Der Verteidigungsminister beschuldigte mich, meine Beweise gefälscht zu haben. Die Staatsanwaltschaft log darüber, wie auch die nachfolgenden Regierungschefs. Meine Kollegen in der Armee wurden dadurch natürlich auch eingeschüchtert. Sie hatten schon vorher nichts gesagt und wussten jetzt erst recht, dass sie sich dazu besser nicht äußern sollten.

Wie ging es dann für dich weiter?

Mein bisheriges Leben wurde mir auf einmal unter den Füßen weggerissen. Politik, Justiz und Militär behaupteten gemeinsam jahrelang, dass ich ein Lügner sei. Mir wurde ein halbes Jahr Gefängnis angedroht und ich wurde zu einer Strafe von 13.000 Kronen verurteilt. Ehemalige Kollegen und Freunde wandten sich von mir ab, meine Frau reichte die Scheidung ein, meine Söhne brachen den Kontakt ab. Ich musste in einen anderen Ort ziehen, um der öffentlichen Hetze zu entkommen und fand keinen neuen Job, da ich nun öffentlich geächtet war. So wie mir ging es den meisten sogenannten „Whistleblowern“, die Staatsgeheimnisse öffentlich machen, um die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Deswegen ist das Gerichtsurteil vom Mai dieses Jahres auch für mich ein großer Schritt, weil es die Schuld Dänemarks eingesteht (siehe Info-Kasten). Wenn der Verteidigungsminister das Urteil wieder kippen will, dann müssen wir damit eben vor den internationalen Gerichtshof ziehen. Da müsste sowieso Anklage erhoben werden gegen Rasmussen und seinen Verteidigungsminister, die die Untersuchungen sabotiert haben.

Du warst aus tiefster Überzeugung beim Militär und bist wegen deiner Überzeugungen entlassen worden. Wie denkst du heute über Kriege und die Armee?

Es wird heftiger. Früher waren Auslandseinsätze etwas krasses, heute sind sie für viele Soldaten etwas normales geworden. Als ich noch ein Kind war, da war der Krieg etwas ganz gefährliches, das wir verhindern wollten. Heute ist der Krieg Normalzustand, in der Werbung heißt es: „Karl-Heinz und Jens sind beide 18 Jahre alt. Jens hat einen Volvo. Karl-Heinz hat einen Panzer. Komm zur Armee!“. Es ist wirklich verrückt, heute wird das Militär als ein großes Abenteuer dargestellt und die Zeit in der Armee wird dir als Adrenalin-Rausch verkauft.

Warum gibt es diese Entwicklung und was ist deine Alternative?

Nun ja, wer Krieg führt kann ein Feindbild aufrechterhalten und damit innere Stabilität im eigenen Land erzwingen. Doch mit diesem Modell verschärfen sich international die Konflikte. Das ist eine wirklich gefährliche Entwicklung. Die neuen Feindbilder sind der Islam und die Muslime sowie Russland unter Präsident Putin. Diese Feindbilder dienen als Vorwand für mehr Aufrüstung und Geld für die Armee.
Statt Kriege zu führen sollten wir bessere Lebensbedingungen schaffen. Auch bei uns könnten soziale Perspektiven und das Eintreten gegen Fremdenhass die Welt besser machen. Und statt dem militärischen Säbelrasseln müssen unsere Regierungen die Rhetorik ändern, in einen Austausch mit Russland treten und Abrüsten statt Aufrüsten.

Das Interview führte Mark, München, für die aktuelle Ausgabe der Position, dem Magazin der SDAJ

Quelle: SDAJ Online

 

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