Sozialismus oder Barbarei

Giacche BuchcoverWie sollen wir den Sozialismus aufbauen? Der italienische Philosoph und Ökonom Vladimiro Giacché widmet sich in seinem Buch »Lenins ökonomisches Denken nach der Oktoberrevolution« dieser Frage. Auf nicht einmal 150 Seiten hat er die Herausforderungen dargestellt, vor denen die Bolschewiki nach der Machtergreifung standen.

Nach der großen sozialistischen Oktoberrevolution 1917 formulierte Lenin die wesentlichen Ziele: »Unterdrückung des Geldes, Unterdrückung des Kapitals, Unterdrückung der Ausbeutung«.

Doch die Unterstellung aller Banken – der »Nervenknoten des gesamten kapitalistischen Systems der Volkswirtschaft« – in eine Staatsbank rüttelte noch nicht an den Eigentumsverhältnissen. Der Arbeiterstaat sollte zunächst in die Lage versetzt werden, nachvollziehen zu können, wohin die Abermilliarden Rubel im Land flossen. Nur so konnte der Spekulation ein Riegel vorgeschoben und damit sichergestellt werden, dass das Geld dem Wirtschaftskreislauf zugute kam. Lenins Absicht war es, schreibt Giacché, die Industrie unter kapitalistischen Verhältnissen laufen zu lassen, aber Schritt für Schritt unter die Kontrolle der Arbeiter zu bringen. Sie sollte mittels der durch die Bank ausgeübten staatlichen Kontrolle von oben unterworfen werden.

Doch wer entscheidet, was in einer Gesellschaft hergestellt wird und wieviel Arbeitskraft die Arbeiter dafür zur Verfügung stellen müssen? Für Lenin war die Antwort klar: Die Großproduktion musste zentralisiert werden. Forderungen etwa der Schiffahrtsgewerkschaft, die Planung der Produktion den in den jeweiligen Branchen tätigen Arbeitern zu überlassen, erteilte er eine klare Absage: »Aufgabe des Sozialismus ist es, alle Produktionsmittel in das Eigentum des gesamten Volkes zu überführen, jedoch keineswegs, die Schiffe den Schiffsarbeitern, die Banken den Bankangestellten zu übereignen«, erklärte Lenin.

Die Stärke des Buches ist es, dass Giacché die Diskussionen über die Ausrichtung der Wirtschaftspolitik unter den Bolschewiki nachzeichnet. Lenin wandte sich gegen die »Jammerrevolutionäre« der von Nikolai Bucharin angeführten Parteiopposition der »linken Kommunisten«, die eine kollektive Leitung der Betriebe forderten. Für Lenin hatte das »Kollegialitätsprinzip bestenfalls eine ungeheure Verschwendung der Produktivität zufolge«. Die kapitalistische Produktionsweise musste auf die nächste Entwicklungsstufe gehoben werden. Die ausgefeilteste Technik, die Fließbandproduktion des »Taylorismus«, sollte von der »Indienstnahme für die kapitalistische Ausbeutung befreit werden«. Statt dessen setze der Produktivitätszuwachs durch die rationalisierte Produktionsweise Arbeitskraftpotentiale frei. Die Arbeitstage konnten verkürzt werden und die Arbeiter dadurch ihre Fähigkeiten entfalten.

Den Gewerkschaften kam eine neue Rolle zu. Sie sollten die Arbeiter lehren, »den Staat zu regieren und die Industrie zu leiten, dass wir die praktische Arbeit entfalten und jenes in Jahrzehnten und Jahrhunderten in den Arbeitermassen eingewurzelte schädliche Vorurteil vernichten können, wonach das Regieren des Staates Sache der Privilegierten sei, wonach das eine besondere Kunst sei«.

Viele Genossen brachte Lenin gegen sich auf, als er die Neue Ökonomische Politik verkündete. Lenins Plan sah vor, ausländischen Kapitalisten zu erlauben, auf Ressourcen zuzugreifen, gegen die Entrichtung eines Gewinnanteils an die Sowjetunion.

Mit den verhassten Kapitalisten paktieren? Wie Molotow berichtete, waren die Genossen »desillusioniert, warfen ihre Parteibücher hin und ergaben sich dem Suff«. Doch die im Kampf gegen die Invasion der Imperialisten notwendig gewordene Warenkonfiskation und -zuteilung, die Lenin als »Kriegskommunismus« bezeichnete, drohte das Land schwer zurückzuwerfen.

Die Produktion konnte durch frisches Kapital auf stärkere Füße gestellt werden. Und endlich konnten sich die Bolschewiki den drei Hauptfeinden zuwenden. Doch wieder preschten Bucharin und Co. vor: Es sei an der Zeit, das Geld abzuschaffen. Durch den Druck von unverhältnismäßigen Mengen Papiergeld sollte sich die Gesellschaft des schnöden Mammons entledigen. Bucharin dachte, durch den »Prozess der Vernichtung des Warensystems als solchem« finde eine »›Selbstverneinung‹ des Geldes« statt, die sich unter anderem »in der sogenannten ›Geldentwertung‹« ausdrücke. Lenin entgegnete, um das Geld abzuschaffen, sei es nötig, »die Organisation der Verteilung der Produkte für Hunderte Millionen Menschen in Gang zu bringen – eine Sache vieler Jahre. Weder der Warenaustausch noch das Geld könnten per Dekret abgeschafft werden. Beides gehe nur unter Voraussetzung einer den vorangegangenen Gesellschaftsformationen überlegenen Arbeitsorganisation – des Sozialismus. Wer Giacchés Buch gelesen hat, wird dieses Ziel schneller erreichen.

  • Vladimiro Giacché: Lenins ökonomisches Denken nach der Oktoberrevolution. Neue-Impulse-Verlag, Essen 2018, 143 S., 9,80 Euro. Zu bestellen auch im jW-Shop

Übernommen aus dem jW Online Spezial zur Konferenz 2018: www.jungewelt.de/blogs/rlk2018

 

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