Mehr als 140 Journalisten hatten sich am Samstag zu der von
junge Welt organisierten XVI. Internationalen
Rosa-Luxemburg-Konferenz akkreditiert. Die Leser der meisten
Zeitungen am Montag erfuhren dennoch wenig über das Gros der
politischen Inhalte der Zusammenkunft.
In der Berliner Tageszeitung ist unter der Schlagzeile
»Genosse Krenz ißt Würstchen« von Stefan
Reinecke zu lesen: Egon Krenz, der letzte DDR-Chef, steht am
Tresen, ißt ein Würstchen und möchte nicht mit der
bürgerlichen Presse reden. Im Saal in der Urania Berlin hat
der venezolanische Botschafter im Iran gerade eine 45minütige
Rede beendet. Der Moderator feiert die neue
»antiimperialistische Achse des 21. Jahrhunderts«,
damit sind das Chávez-Regime und die Mullah-Diktatur
gemeint. Der Saal ist überfüllt. Gleich soll die Chefin
der Linkspartei, Gesine Lötzsch, auftreten. Aber sie
läßt noch auf sich warten. Die Rosa-Luxemburg-Konferenz
der Ex-FDJ-Zeitung
junge Welt ist eine Art politischer
Parallelkosmos zu der Welt da draußen, die im hiesigen Jargon
»BRD« heißt. Die Szene wird von ganz Alten und
ganz Jungen dominiert, von 80jährigen DDR-Nostalgikern
mit Kordhose und 20jährigen mit rot gefärbten Haaren. Man
trifft hier Exmaoisten, Stasi-Schönredner, Exterroristen,
ETA-Sympathisanten, Autonome. Und Gesine Lötzsch,
Linkspartei-Chefin. (...)
Holger Schmale schlägt in Frankfurter Rundschau und Berliner
Zeitung gleich doppelt zu: Nach einem mißverständlichen
Aufsatz in einer Tageszeitung hätte die Vorsitzende der Linken
auf der Tagung zum Thema »Wo bitte geht’s zum
Kommunismus?« ihre Worte erklären können, die sie
kritisierten. Statt dessen sprach sie nur zu ihren Anhängern.
(…) Um kurz nach 18 Uhr, als eigentlich die
Podiumsdiskussion im ehrwürdigen Humboldt-Saal der noch
ehrwürdigeren Urania, einem Hort des West-Berliner
Bildungsbürgertums, beginnen soll, steht plötzlich Gesine
Lötzsch am Rednerpult, vom Beifall der tausend und mehr
Zuhörer umbrandet. (…) Die Zuhörer, eine
erstaunliche Mischung aus ergrauten Politrockern, radikalen
Linksintellektuellen und Kreuzberger Streetfightern, folgen ihr mit
größter Sympathie. Nach einer knappen halben Stunde ist
Lötzsch verschwunden, ein Star des Abends, von rhythmischem
Beifall begleitet, von jeder kritischen Frage verschont. Sie hat
geschafft, was sie sich vorgenommen hatte: Ihre Position
erläutern, »unabgelenkt von anderen
Diskussionsteilnehmern«, was eine interessante Haltung zur
politischen Debatte zeigt. (…) In dieser Debatte aber geht
es um das revolutionäre Subjekt, die Agitation der Massen, die
Schärfung des Klassenbewußteins, wie sie Kommunisten
seit 1902, als Lenins Werk »Was tun?« erschien, immer
und immer wieder geführt haben. 1918, 1930, 1975. Nur ist die
gesellschaftliche Relevanz der Kommunisten und ihrer Themen immer
geringer geworden. Obwohl doch auch der Kapitalismus in seiner
größten Krise steckt, begeistern sich für diese
Alternative im Jahr 2011 nur noch Anhänger von Sekten.
Mechthild Küpper schreibt in der FAZ über »Die
Kreisvorsitzende und der Kommunismus«: Wer das Milieu der
alten PDS sehen will, trifft es bei »Karl und Rosa«.
Üblicherweise ist es dann eiskalt. In diesem Jahr aber
herrscht Tauwetter in Berlin. Als Metapher stammt
»Tauwetter« aus den kommunistischen Zeiten, unter
Chruschtschow gab es Tauwetter, und gleich nach Ulbricht auch in
der DDR. In der vergangenen Woche rief Gesine Lötzsch die
Eiszeit in Erinnerung, indem sie sich zur Rosa-Luxemburg-Tagung der
jungen Welt einladen ließ und vor ihrem Auftritt bei
der Podiumsdiskussion zur Frage »Wo bitte geht’s zum
Kommunismus?« einen Aufsatz publizierte, ohne darin ein Wort
für dessen Opfer zu finden. An der Diskussion nahm sie am
Samstag dann nicht teil. Aber sie erschien immerhin, was begeistert
quittiert wurde. Sogar Egon Krenz, den die PDS 1990 aus der Partei
ausgeschlossen hat, erhob sich ihr zu Ehren.
Im Onlineportal der Süddeutschen unkt Thorsten Benkler,
»Frau Lötzsch antwortet sich selbst«: Gesine
Lötzsch bleibt hart: Bei der Berliner Rosa-Luxemburg-Konferenz
verteidigt die Linken-Chefin ihren Kommunismus-Aufsatz und
läßt sich von linken Splittergruppen feiern. Doch der
Applaus kommt aus der falschen Ecke. Es ist berstend voll im
Humboldt-Saal. Über 2000 Menschen sollen es sein. Keiner kommt
mehr rein. Auch Vertreter der Presse nicht. Es kommt zu Rangeleien.
Sie alle wollen zu Gesine Lötzsch, der Vorsitzenden der Partei
Die Linke. Zu jener Frau, die Anfang der Woche in einem Gastbeitrag
für die marxistisch orientierte
junge Welt etwas
von »Wegen zum Kommunismus« fabuliert hat und daß
es dahin nicht nur einen Weg gebe, sondern viele und daß die
doch alle mal ausprobiert werden könnten. Wörtlich hat
sie geschrieben: »Die Wege zum Kommunismus können wir
nur finden, wenn wir uns auf den Weg machen und sie ausprobieren,
ob in der Opposition oder in der Regierung.« (…) Im
Saal viele Plakate und Transparente von der Qualität
»Die Presse lügt!« und »Der Hauptfeind steht
im eigenen Land – Kampf dem deutschen Imperialismus«.
Wer schon die Linke für sehr links hält, war noch nicht
auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz. Im letzten Moment sagt
Lötzsch die Podiumsdiskussion ab. Sie begründet das vor
Ort nicht. Statt dessen will sie hier eine Rede halten. Eine
Verteidigungsrede. Die Veranstalter lassen sie. Doch der Auftritt
wird zum neuen Fehltritt der Parteichefin. (…) Am Ende tobt
der Saal, in dem auch Egon Krenz lauscht, der letzte
SED-Generalsekretär und Staatschef der DDR. Vor 25 Jahren
waren Lötzsch und Krenz noch Parteifreunde. Der Beifall ist
rhythmisch. Lötzsch wird gefeiert wie eine Jeanne d’Arc
der roten Revolutionäre. Der Applaus kommt von jenen, die
lieber heute als morgen die Revolution ausrufen würden. Von
jenen, die selbst der Linken eigentlich zu links sein müssten,
um für andere wählbar zu bleiben. (…) Im Saal
hätten viele lieber eine Revolution. Hier gehört
Lötzsch nicht zu den Linken – eher zu den Rechten. Unter
normalen Umständen hätte eine wie sie hier mit Buhrufen
rechnen müssen. Wahrscheinlich wäre das besser gewesen
für Lötzsch: Sich bei dieser Konferenz ausbuhen zu
lassen, weil sie den demokratischen Sozialismus will und keinen
Kommunismus.
Renate Meinhof fragt in der Printausgabe der Zeitung über
die Rosa-Luxemburg-Konferenz »Wo bitte geht’s hier
wieder raus?«: Weit vor sechs und unten, im Foyer des
Urania-Hauses, ging es wirklich sehr friedlich zu. Lauter
Abkürzungsstände mit Menschen, die
Abkürzungs-T-Shirts tragen und das Bier »Roter
Oktober« trinken. Neben den Interbrigadas steht die FBK,
dann die TKP, die SDAJ, das ND, die jW, die DKP, die KPD und, nicht
zu vergessen, die zwei Vertreter vom Zentralrat der FDJ in
FDJ-Hemden, die Fanfare zu einsfünfzig verkaufend. Daneben der
»Freundeskreis Palast der Republik der DDR« und die
schön lächelnde Vietnamesin, die bastgeflochtene
Lesezeichen verkauft.
Nach fünf aber und oben, vorm Humboldt-Saal, hat dieser
Samstag abend der XVI.Rosa-Luxemburg-Konferenz etwas von
Straßenkampf mitten im Berliner Westen. Halb sechs ist es
hier so brechend voll, daß die Ordner an den Türen
überrannt werden. »Scheiß Medienhype«,
brüllt einer mit Abkürzungs-T-Shirt vor der Saaltür,
»und alles nur wegen der Lötzsch.«
Eckhard Fuhr schreibt im Springer-Blatt Die Welt: Lötzschs
Text hätte eigentlich Grundlage einer Podiumsdiskussion sein
sollen, die am Samstag abend im Rahmen der Rosa-Luxemburg-Konferenz
in der Berliner Urania stattfand. Doch es kam nicht dazu.
Lötzsch zog es vor, die Debatte zu meiden und vor den 2000
Teilnehmern nur eine Sechs-Punkte-Erklärung zu verlesen.
(…) Der Beifall, den sie erntete, war mehr der
Solidarität mit dem »Opfer« einer
»antikommunistischen Kampagne« geschuldet als ihren
politischen Positionen. Die nannte ihre Genossin Ulla Jelpke, ein
westdeutsches Linksgewächs mit dem strengen Aroma der
revolutionären Anstandsdame, »reformistisch«,
womit sie, was man für Lötzsch hoffen muß,
völlig recht hat.
Die ausführliche Konferenzberichterstattung der
jW-Montagausgabe können Sie im Internet (
www.jungewelt.de)
nachlesen. Am 26. Januar liegt der Zeitung eine Konferenzbeilage
bei mit Auszügen aus den Vorträgen. Pünktlich zur
Buchmesse Leipzig erscheint die komplette Dokumentation der XVI.
Rosa-Luxemburg-Konferenz als Broschüre.