Johannes Schulten
In der Differenz, so heißt ein bei Gewerkschaftern beliebtes
Motto, liegt die Einheit. Will sagen, ob im Call Center, als
Facharbeiter bei Daimler oder als IT-Tüftler, so
unterschiedlich sind die Erfahrungen gar nicht, und
spätestens, wenn der Laden vor die Hunde geht, sitzen alle im
selben Boot.
Besonders in musikalischer Hinsicht haben sich die Organisatoren
der Rosa-Luxemburg-Konferenz in diesem Jahr diese Erkenntnis zu
Herzen genommen. Zwischen Politständen von Spartakisten und
Kuba-Soli stieß der gewillte Rundgänger sowohl auf
unerwartet feinen Jazz mit Saxophon und Gitarre wie auf den zu
erwartenden Cumbia aus Venezuela und die am Ende der Konferenz
traditionell kollektiv geschmetterte Internationale. Wem das nicht
reichte und wer bereit und physisch in der Lage war, sich im
verwinkelten Treppenhaus hoch zum Loft zu wuchten, den erwartete
beim traditionellen Abschlußkonzert eine nur wenig
traditionelle Melange aus Folk von Michael Weston King aus
Großbritannien und schwerem Latino-HipHop von Lucía
Vargas aus Kolumbien. Unterschiedlicher geht’s kaum,
paßte aber trotzdem, oder eben genau deshalb.
King (nein, das ist kein Künstername) wird allgemein als
Folksänger verkauft, was er aber dem Publikum
präsentierte, war eigentlich Blues. Oder genauer, das bluesige
Gefühl des alternativen Country, wie ihn Willie Nelson in den
Frühsiebzigern pflegte. Und auch stilistisch geht der 1961 in
Mittelengland geborene König von eigenen Gnaden nur auf
den ersten Blick als Arbeitersänger durch. Cordmütze,
abgetragenes Jackett, Jeans und die unvermeidlichen Cowboystiefel
stehen ihm so gut, daß sogar der vielgeschundene
Bobby-Darin-Klassiker »Sing a Simple Song of Freedom«
so frisch wie ein Saxophonsolo von Springsteens E-Street Band
klingt.
Textlich ist er ohnehin ganz von der alten Schule des
Antikriegsliedermachers, heute muß man wohl Singer/Songwriter
sagen. Es geht grundsätzlich ums Wesentliche. Und nach zehn
Jahren Tony Blair ist das in England eben der Krieg. Der eignete
sich zwar nicht zum Tanzen, lud aber zum Fußwippen ein oder
dazu, mit Gleichgesinnten bei einem Mojito oder einem »Roter
Oktober«-Bier vom letzten Hannes-Wader-Konzert zu
träumen.
Mit gefühligen Träumereien war es allerdings schlagartig
vorbei, als Lucía Vargas die Bühne betrat. Die
schraubte den Sound erst einmal um gefühlte 50 Dezibel nach
oben und zeigte lautstark, was sie von sentimentalen
Revolutionsromantikern hält. Wenn die 25jährige
Rapperin ihre »Revolution des Bewußtseins« aus
den Jugendzentren in die Urania bringt, hat man die Bar zu
verlassen und sich gefälligst direkt vor der Bühne
aufzuhalten, am besten mit kreisenden Lenden. Was auch gar nicht
schwerfiel, da ihre Grooves direkt in die Beine zuckten. Man
hätte sich anbinden müssen, um sich dazu nicht zu
bewegen. »Der kolumbianische HipHop entstand im Kontext des
Krieges, an dem die Jugend nicht teilnehmen will. Das ist die
Alternativkultur, in der wir zusammenfinden«, sagt Vargas.
Und da schließt sich der Kreis zu King. Denn auch ihr geht es
grundsätzlich ums Wesentliche: Beide wollen keinen Krieg.
Weder mit britischen Soldaten in Afghanistan noch mit marodierenden
Paramilitärs in Kolumbien. Vargas Album heißt die
»Essenz des Lebens«. Daß sie es nicht wie King
»I Didn’t Raise My Boy to Be a Soldier« genannt
hat, lag wohl schlicht daran, daß sie bislang keine Kinder
hat. Tatsächlich aber kämpfen beide denselben Kampf. Und
zwar musikalisch sehr überzeugend.