Inge Viett
Im Rahmen der diesjährigen Rosa-Luxemburg-Konferenz diskutiert
Inge Viett am 8. Januar ab 18 Uhr im Urania-Haus mit Gesine
Lötzsch (Vorsitzende Die Linke), Katrin Dornheim
(Betriebsratsvorsitzende bei der DB Station & Service AG),
Bettina Jürgensen (Vorsitzende der DKP) und Claudia Spatz
(Antifa Berlin) zum Thema »Wo bitte geht’s zum
Kommunismus? Linker Reformismus oder revolutionäre Strategie
– Wege aus dem Kapitalismus«. Informationen unter:
www.rosa-luxemburg-konferenz.de
Die zahlreichen innerlinken Debatten und Krisenanalysen lassen
keinen Zweifel daran, daß die marxistische Linke keine
Illusionen hat über die weitere kapitalistische Entwicklung.
Es herrscht weitestgehende Einigkeit darüber, daß die
Klassenwidersprüche sich sowohl im globalen Maßstab als
auch vor der Haustür verschärfen und ausdehnen, sich Luft
machen in irrationalen Aggressionen, in Kriminalität und
Kriegen, in abrupten sozialen Aufständen, die mit staatlichem
Terror niedergeschlagen werden; daß die kapitalistische
Gesellschaftsordnung nur noch mit ungeheurem Propagandaaufwand, mit
großem Lug und Trug und einem dichten Apparat aus
Sozialfunktionären, Polizei, Justiz, Geheimdiensten und
Militär funktionieren kann und daß die legalen
Bedingungen für einen sozialen und politischen Wandel –
nämlich die demokratischen Rechte und Räume – sich
rapide verengen. Kurz: Rosa Luxemburgs Ausruf »Sozialismus
oder Barbarei« ist in aller Munde.
Strategien entwickeln
Deshalb ist es irritierend, daß trotz der Schärfe und
Differenziertheit der Analysen die Vorstellungen von
grundsätzlichen Veränderungsmöglichkeiten immer
ärmer und hilfloser ausfallen. Den Fortgang des Elends vor
Augen, ohne Ausweg, verfallen die Verfasser von Memoranden und
Programmen, von Petitionen und Appellen auf Sätze wie
diese:
»Neue Wege der Ermutigung, Vereinigung und Verstetigung
solidarischen Handelns zu suchen und zu erproben, ist eine wichtige
Aufgabe der antikapitalistischen Linken, insbesondere auch in den
Gewerkschaften.«1
Was soll mit diesen Allgemeinplätzen anzufangen sein? Auch
wenn das kapitalistische Herrschaftssystem sich aufbläht bis
zur scheinbaren Unüberwindlichkeit, in vielen Ländern,
auch in vielen Bereichen in der BRD, gibt es Gegenkräfte:
große Massenbewegungen (»Stuttgart21«,
Antiatomdemos), viele kleine Bürgerinitiativen, organisierte
und unorganisierte Aktivitäten, spontane, geplante, militante
und friedliche Aktionen, Demonstrationen, Streiks,
Betriebsbesetzungen. Allein es mangelt an zusammenfassenden
Strukturen, die dem Sammelsurium an Kämpfen einen
entschlossenen gemeinsamen antikapitalistischen Ausdruck zu geben
vermögen und die Ziele dieser Kämpfe unerschrocken auf
eine sozialistische Systemalternative orientieren. Das ist keine
neue Erkenntnis, wir müssen nur beginnen, sie ins Werk zu
setzen.
Die Theorien von Marx und Lenin sind nicht nur das Handwerkszeug
für Analysen. Sie sind zugleich auch die Instrumente für
eine revolutionäre Praxis. Lenin wird in vielen Analysen
wieder zitiert – aber welcher Lenin!? Lenin als Theoretiker,
Lenin als Imperialismusexperte, Lenin als Staatsmann. Seine
herausragende Bedeutung und Faszination aber hat er als
Revolutionär. Als Stratege und Organisator einer
revolutionären Partei, als Organisator von Aufständen.
Das heißt nicht, wir könnten die Kämpfe, die 1917
in der Revolution gipfelten, heute noch so führen. Denn
selbstverständlich sind heute die Beziehungen und
Verflechtungen der Klassenstrukturen komplexer und die
kapitalistische Ideologie viel tiefer verinnerlicht, als am Beginn
des zwanzigsten Jahrhunderts. Und der Klassenfeind ist durch unsere
historische Niederlage im Vorteil. Aber sind das Gründe, nicht
einmal mehr über revolutionäre Strategien nachzudenken?
Drei Linien linker Politik
Ich sehe drei wesentliche Linien, um die herum sich praktisches
Handeln der Linken gruppiert. Die eine ist die Politik, innerhalb
der gegebenen bürgerlichen Rechtsordnung die Spielräume
zu nutzen, um »Politik für die Menschen« zu
machen, das heißt: Unterstützung von
außerparlamentarischen Bewegungen mit einem taktischen
Verhältnis zu diesen, Mitarbeit in allen staatlichen
Institutionen, parlamentarische Politik bis hin zur
Regierungsbeteiligung. Hier geht es um linke Gestaltungspolitik
innerhalb des kapitalistischen Staates zugunsten der
benachteiligten Schichten. Das macht als stärkste organisierte
Kraft die Partei Die Linke und ihr Umfeld. In diesem Spektrum gibt
es die gesamte Bandbreite politischen Bewußtseins vom
revolutionären Marxismus bis zum bürgerlichen
Reformismus. Hier bleiben der bürgerliche Staat und die
bürgerliche Rechtsordnung immer der Rahmen und Bezugspunkt
für die politische Praxis. Der Erfolg dieser Politik wird am
Erstarken der Partei, und dieses Erstarken wird an Wahlprozenten
gemessen. Dieses Konzept zielt letztlich auf die Erlangung der
Hegemonie im kapitalistischen Staatsapparat und sieht den Staat,
nicht das Proletariat als Subjekt der Veränderung. Diese
Politik produziert Bürokraten und Funktionäre, nicht
Revolutionäre. Sie ist klassischer Reformismus, und ihre
Fortschrittlichkeit nimmt ab mit wachsender Integration in den
Regierungsbetrieb.
Ihre historischen Vorläufer hat diese Linie im
sozialdemokratischen Weg seit Eduard Bernstein und der Politik der
SPD seit dem »Burgfrieden« im Ersten Weltkrieg, aber
auch im Weg großer europäischer kommunistischer
Parteien, am beispielhaftesten am Niedergang der PCI und der KPF zu
illustrieren. Dieser Linie folgt auch die Politik der Mehrheit in
der DKP, welche nur aufgrund ihrer derzeitigen Schwäche nicht
zum Tragen kommt. Und in diese Kategorie gehört auch der
schnelle Übergang der Grünen von antikapitalistischen zu
imperialistischen Positionen. Geben diese historischen Erfahrungen
Hoffnung auf die Überwindung des Kapitalismus?
Die andere Linie beharrt auf den historischen Materialismus und die
marxistische Klassenanalyse. Die Überwindung des Kapitalismus
ist nur möglich durch die Aufhebung des zentralen Widerspruchs
von Lohnarbeit und Kapital, und das ist die historische Mission der
Arbeiterklasse. Diese allerdings hat nicht die Einsicht in ihre
historische Rolle, kommt nicht von der ›Klasse an
sich‹ zur ›Klasse für sich‹. Das
erfordert eine Aufklärungs- und Propagandapolitik, um das
Klassenbewußtsein zu stärken, um die ökonomischen
Kämpfe zu bewußten Klassenkämpfen zu machen, das
bedeutet die Gemeinsamkeit und die Auseinandersetzung mit den
Gewerkschaften. Hier ist das objektiv revolutionäre Subjekt
die Arbeiterklasse, und die traditionelle Linke sieht sich als ihre
Avantgarde und Stellvertreterin.
Dies ist historisch die Linie der siegreichen Oktoberrevolution,
aber auch die steckengebliebene Linie der kommunistischen Linken in
den reichen kapitalistischen Staaten. Steckengeblieben im
Opportunismus und im bürgerlichen Legalismus mit dem Ergebnis
von Resignation und Zerstörung kommunistischen
Bewußtseins. Es werden zwar theoretisch noch
revolutionäre Positionen vertreten, die konkrete Praxis aber
ist reformistisch und bürgerlich legalistisch. Die Agitation
für Klassenpositionen bricht sich an der eigenen
Machtlosigkeit und der Informations- und Ideologiemacht der
herrschenden Klasse die Zähne aus.
Die dritte, postmoderne Linie ist die der Mobilisierung der
politisch aktiven Massen gegen kapitalistische und imperialistische
Großevents. Hier wird aus ideologischen Gründen
weitgehend auf gemeinsame Inhalte und dauerhafte
Organisationsstrukturen verzichtet. Die Aktivisten kommen
vorwiegend aus Teilbereichskämpfen. Der zentrale
Klassenwiderspruch ist kein oder kaum Thema, Gegenmacht wird
verstanden als spontane massenhafte Grenzüberschreitung. Die
Frage organisierter revolutionärer Gewalt wird mehrheitlich
mit bürgerlichem Pazifismus beantwortet. In den Kämpfen
gemachte Erfahrungen finden keinen organisatorischen Ort, der
Kontinuität und Weiterentwicklung bewerkstelligen kann.
Es geht mir keinesfalls darum, die Politik innerhalb dieser grob
skizzierten Linien als fruchtlos abzuwerten, sondern ich betrachte
sie hier allein unter dem Gesichtspunkt, ob mit ihnen die
Stagnation im revolutionären Prozeß aufgebrochen werden
kann. Ich gehe von ihrer Begrenztheit aus.
Wo bleibt das Subjekt?
Wir beklagen das fehlende oder schwache Klassenbewußtsein der
proletarischen Schichten, sie seien nicht kämpferisch, die
Belegschaften in den Betrieben unterwerfen sich der
opportunistischen Gewerkschaftspolitik. Wir beklagen die
Zersplitterung der Linken, wir reden von der Notwendigkeit,
Klassenbewußtsein ins Proletariat zu tragen. Das stimmt zwar
alles, aber welches Klassenbewußtsein kann überhaupt in
die Arbeiterklasse hineintragen werden, wenn es nur noch um linke
Politikgestaltung im Rahmen der bürgerlichen Rechtsordnung
geht?
Marxistisches Wissen, Kritikfähigkeit, linke Politik, ein
linkes Parteiprogramm sind nicht identisch mit
Klassenbewußtsein. Das ist Wissenschaft, eine
fortschrittliche Geisteshaltung – aber kein
Klassenbewußtsein. Klassenbewußtsein ist ein
kämpferischer Antagonismus zur bürgerlichen
Rechtsordnung, zur bürgerlichen Moral, zum bürgerlichen
Pazifismus. Es ist die Emanzipation von der bürgerlichen
Ideologie überhaupt und geht aus von der Legitimität des
revolutionären Kampfes für die zukünftige
Legalität der proletarischen Klasse. Überhaupt macht
Klassenbewußtsein nur Sinn, wenn aus ihm ein bewußter
Kampf zur Überwindung der Klassengesellschaft geführt
wird. Alles andere ist Proletenkult.
Warum muß sich die marxistische Linke mit ihrer
Stellvertreterpolitik für die Arbeiterklasse im Reformismus
festfahren? Wenn die Werktätigen sich nicht politisch bewegen,
weil sie in den Seilen ihres opportunistischen
Gewerkschaftsapparates hängen, dann kann auch sie sich nicht
bewegen und muß auf das Niveau der »Verteidigung
demokratischer Rechte« zurückfallen. Ist diese
Verteidigung nicht immer und ständig unser
Alltagsprogramm?
Warum kann sich die marxistische Linke nicht selbst als
revolutionäres Subjekt verhalten, obwohl sie den Zustand und
die Perspektive der kapitalistischen Zivilisation völlig klar
vor Augen hat – viel klarer und quälender als die
Mehrheit der proletarischen Klasse und ganz allgemein auch die
Mehrheit der Bevölkerung. Warum gilt der Brechtsche Ausspruch:
»Wer seine Lage erkannt hat, wie soll der aufzuhalten
sein«, nur für die Arbeiterklasse? Wenn wir unser ganz
eigenes Verhältnis zur Revolution – und das heißt
zu einer revolutionären Strategie und Praxis hin zu diesem
Punkt – nicht klären, können wir weder das
Klassenbewußtsein noch die Klassenkämpfe noch ein
Zipfelchen Gegenmacht entwickeln. Dann dümpelt alles, was wir
tun, ewig weiter im zivilgesellschaftlichen Morast, in
parlamentarischer und außerparlamentarischer
»Gestaltungspolitik«, in symbolischen, Energie
vergeudenden Scheinangriffen, oder im Aufschwung und Abschwung von
Teilbereichskampagnen. Dann ringen wir dem Kapitalismus in den
reichen Staaten vielleicht – aber nur vielleicht – in
den nächsten Jahrzehnten wieder ein paar Zugeständnisse
ab, während er den Rest der Welt weiterhin entweder mit seinem
Profitzwang erwürgt oder in
»Präventivkriegen« verwüstet. Wer sich damit
schon abgefunden hat, wird resigniert abwinken und in der noch
machbaren Tagespolitik politisch verarmen.
Kämpfe zusammenführen
Aber wir stehen noch nicht mit dem Rücken zur Wand! Es gibt
noch Optionen, die aussichtsreicher sind als der Rückzug in
eine hundert Jahre alte »Verbesserungspolitik«, mit
welcher angeblich immer »das Schlimmste« verhindert
werden soll und die uns real immer weiter in die Defensive
treibt.
Ich komme zum Punkt: Das Gebot der Stunde ist der Aufbau einer
revolutionären, kommunistischen Organisation. Eine
Organisation, die im Marxismus wurzelt und die historischen
Erfahrungen der verschiedenen revolutionären Prozesse auf die
gegenwärtigen, veränderten Bedingungen anwendet und in
den Aufbau ihrer Strukturen eingehen läßt. Eine
revolutionäre Partei kann, wie schon angedeutet, heute nicht
mehr dieselbe Strategie und Gestalt wie unter den Bedingungen von
1917 haben. Die Klassenstrukturen sind fragmentierter. Die
Kräfteverhältnisse insgesamt haben sich verschoben: Das
Industrieproletariat als Kernstruktur der Arbeiterklasse ist
geschrumpft, die Privatisierung öffentlichen Eigentums hat
neue Schichten von Lohnabhängigen dem Zwang zur
Profitmaximierung unterworfen. Ein großer Teil des heutigen
Proletariats ist prekär unterwegs oder ganz aus der Produktion
herausgeschleudert, was die sozialen und politischen Konflikte
außerhalb der Betriebe verschärft. Darüber hinaus
sind die historischen Erfolge und Niederlagen der
revolutionären Kämpfe Teil des politischen
Bewußtseins geworden.
Es ist nach wie vor richtig, daß das Industrieproletariat die
zentrale Stellung im gesellschaftlichen Reproduktionsprozeß
innehat und damit objektiv die Hebel gegen den Kapitalismus in
Händen hält. Aber wenn es – wie seit einigen
Jahrzehnten – so schwer ist, revolutionären
Einfluß auf die Betriebskämpfe zu nehmen, dann
nützt es gar nichts, sich an dieser Front festzurennen. Es
muß eine neue Front aufgemacht werden, die von außen
Bewegung in die Betriebe bringt, die den
Gewerkschaftsbürokraten Druck macht und den
klassenkämpferischen Kräften in den Belegschaften und
Gewerkschaften Rückenwind gibt. Real gibt es diese Front ja
schon lange, wenn auch noch recht unbefestigt. Es sind die vielen
neuen Kampffelder gegen die Totalisierung der Verwertung. Diese
werden aber von der marxistischen Linken immer noch nicht als
Klassenkampffront ernstgenommen.
Ebenso ist der Mehrheit der Aktivisten auf den Kampffeldern
außerhalb der Betriebe nicht deutlich, daß nahezu alle
Konfliktfelder Ausdruck des Klassenwiderspruchs sind, daß die
Probleme auf die eine oder andere Weise auf die kapitalistische
Profitwirtschaft zurückzuführen sind oder durch sie
begünstigt werden. Darüber hinaus haben die postmodernen
Theorien eine gewisse Ver- oder Nichtachtung der ökonomischen
Kämpfe der Arbeiter in die Linke getragen.
Es ist eine strategische Herausforderung, die ökonomischen
Kämpfe in den Betrieben und die Vielfalt der
außerbetrieblichen Kämpfe politisch/organisatorisch zu
verbinden und auf eine kommunistische Perspektive zu richten. Das
erfordert bewegliche und trotzdem disziplinierte Strukturen, das
erfordert einen dialektischen Umgang mit Widersprüchen, die
nur über eine gemeinsame kämpferische Praxis, aber nicht
im ideologischen Papierkrieg aufhebbar sind, und das erfordert auf
bestimmter Ebene Klandestinität gegenüber dem
Klassengegner.
Eine Organisation/Partei, kann zwar fortschrittlich,
antikapitalistisch, marxistisch/leninistisch sein, aber nicht
revolutionär, wenn sie nicht in bestimmten Bereichen
(Kommunikation, Strukturen, Verantwortlichkeiten) klandestin
ist.
Das ist eine logische, absolut notwendige Konsequenz, wenn wir
ernstnehmen, was wir wissen: die Konzeption des staatlichen
Sicherheitsapparates in Deutschland und die sogenannte
gesamteuropäische Sicherheitsarchitektur sind in ihrer
Vollendung auf totalitäre Herrschaftssicherung aus. Sie
funktionieren losgelöst von demokratischen und gesetzlichen
Vorgaben und sind funktional für autoritäre und
faschistische Herrschaftstypen.
Wir kennen alle die Debatten, in denen Vertreter der Elite bereits
jetzt ohne Scheu darüber reden, daß die demokratische
Herrschaftsform den Problemen der Zeit nicht mehr dienlich ist. Wir
haben es zu tun mit einer schleichenden Faschisierung unter dem
Deckmantel von Phrasen wie »Freiheit braucht
Sicherheit« und mit einer erschreckend hohen Akzeptanz
rassistischer Ansichten, wenn sie aus der »Mitte« der
Gesellschaft kommen.
Nicht die Theorie macht eine Organisation zu einer
revolutionären, sondern allein ihre kämpferische Praxis,
und diese stößt unweigerlich auf Repression. Aus diesem
Grund dürfen eine revolutionäre Organisation nicht
komplett offen vom Klassengegner einzusehen, die Mitglieder und
Strukturen nicht alle bekannt, das inhaltliche, logistische und
finanzielle Vermögen nicht jederzeit angreifbar sein usw.
Dennoch muß sie in den betrieblichen und politischen
Auseinandersetzungen als organisierende kämpferische Kraft
sichtbar und ansprechbar sein.
Die Eigentumsfrage wird nicht innerhalb des bürgerlichen
Staates und nicht mit dem bürgerlichen Recht gelöst. Das
kapitalistische Gewaltmonopol bricht nicht von allein; der Bruch
muß bewußt organisiert und der Kampf dafür erlernt
werden. Eine revolutionäre Organisation kann die
bürgerliche Rechtsordnung nur als taktischen Bezugspunkt
begreifen, aber nicht als naturgegeben verinnerlichen. Konkret
heißt das beispielsweise: Wenn Deutschland Krieg führt
und als Antikriegsaktion Bundeswehrausrüstung abgefackelt
wird, dann ist das eine legitime Aktion wie auch Sabotage im
Betrieb an Rüstungsgütern, illegale Streikaktionen,
Betriebs- und Hausbesetzungen, militante antifaschistische
Aktionen, Gegenwehr bei Polizeiattacken etc.
Eine revolutionäre Partei muß sich entschlossen hinter
diese Kämpfe stellen, sie politisch einordnen und verteidigen,
den Aktivisten ideologischen und rechtlichen Schutz geben und nicht
den bürgerlichen Pazifismus, die bürgerlichen Gesetze in
Front gegen sie bringen. Um kämpferisches
Klassenbewußtsein zu entwickeln, muß eine
revolutionäre Organisation versuchen, die Kämpfe, in
denen sie verankert ist, so weit wie möglich an die Grenze der
bürgerlichen Rechtsordnung heranzuführen, und wenn es
notwendig und möglich ist, diese überschreiten. Nur so
kann in den Protestaktionen die Ohnmacht vor der Allmacht des
Staates gebrochen werden. In der Konfrontation wird die Klarheit
entwickelt werden, daß wir den Kapitalismus nicht wegbeten
können, selbst wenn Millionen auf die Straße gehen. Wenn
es unter den Millionen keine Kräfte gibt, die bereit und
fähig sind, die Konfrontation mit den Herrschenden einzugehen,
gibt es auch keine politischen Optionen zugunsten fortschrittlicher
Veränderungen.
Strategisches Klassenprojekt
Die Schaffung einer solchen Organisation ist ein notwendiger
revolutionärer Aufbauprozeß, ein strategisches
Klassenprojekt. Sie ist nicht am Reißbrett zu entwerfen. Sie
muß sich lernend und reflektierend entwickeln. Aus dem
Jahrhundert der Kämpfe um die Befreiung von Ausbeutung und
Unterdrückung werden die positiven wie negativen historischen
Erfahrungen ein hilfreiches Korrektiv sein. Wir fangen also nicht
bei Null an.
Es gibt eine große Unzufriedenheit mit den traditionell
existierenden linken Strukturen und ein Bedürfnis für
eine revolutionäre kommunistische Organisation, vor allem bei
jungen kommunistischen Aktivisten. Sie trauen – bei allem
Respekt – den jetzigen organisierten Strukturen keinen
Aufbruch aus der Befangenheit traditioneller Politikformen mehr zu.
Wir müssen aber aus der Blockierung durch die ideologischen
Muster des 20. Jahrhunderts ausbrechen und den Kampf für eine
kommunistische Perspektive aus den heutigen Bedingungen entwickeln
und organisieren, ohne in die postmoderne Beliebigkeit zu
fallen.
In diesem Projekt hat auch die parlamentarische Linke ihre
unbedingt notwendige Funktion. Aber eben als eine kämpferische
Opposition, die dem Klassenprojekt verpflichtet ist und ihm
Ressourcen öffnet (Information, Wissen, Zugang zur
Öffentlichkeit etc.) und nicht als Partei, die der Illusion
oder dem Betrug zuarbeitet, wenn sie erst einmal in der Regierung
sei, würde alles besser.
Anmerkungen:
1 Memorandum zur linken Programmdebatte, pad-Verlag, Bergkamen 2010