Rüdiger Göbel
»Internationalismus und Gegenwehr heute« – im großen Saal der Urania am Samstag
Foto: Gabriele Senft
Der Krieg Israels in Gaza und die Solidarität mit den
Palästinensern haben die XIV. Internationale
Rosa-Luxemburg-Konferenz in Berlin geprägt. Rund 1600
Teilnehmer zog es am Samstag zu der von junge Welt und zahlreichen
Unterstützern organisierten Veranstaltung in der Urania am
Wittenbergplatz. Auf dem ganztägigen Symposium unter dem Motto
»Internationalismus und Gegenmacht heute« wurden u.a.
Möglichkeiten des Widerstands gegen die zunehmende
Militarisierung der EU debattiert. Im Zentrum der Vorträge
standen die jüngste Aggression der israelischen Armee und die
Gegenwehr der Hamas. Die Losungen des israelischen Friedensblocks
Gush Shalom »Stoppt das Morden. Stoppt die Besatzung. Stoppt
die Blockade« sowie »Stoppt die Vernichtung der
palästinensischen Bevölkerung« dominierten die
Wände des großen Konferenzsaals.
Imad Samaha von der KP Libanon kritisierte die Straffreiheit Tel
Avivs. »Israel hat in bezug auf Palästina nicht eine
UN-Resolution eingehalten«, konstatierte der in Beirut
lehrende Sozialwissenschaftler, »ohne dafür Konsequenzen
tragen zu müssen«. Samaha dankte ausdrücklich der
Friedensbewegung in der ganzen Welt, insbesondere aber in Israel,
für die Antikriegsproteste. Diese seien eine wichtige
Unterstützung »im Kampf gegen den Aggressor«.
»Unser Feind ist nicht die israelische Bevölkerung,
sondern die israelische Politik«, erklärte Samaha unter
dem Applaus der Anwesenden. In diesem Kampf arbeite seine Partei
auch mit der islamischen Hisbollah zusammen. Amath Dansokho,
der als junger Mann an der Seite Che Guevaras für die
Befreiung Afrikas vom Joch des Kolonialismus gekämpft hatte
und heute als Generalsekretär der Partei der
Unabhängigkeit und Arbeit Senegals vorsteht, bekräftigte:
»Wir müssen Widerstand leisten gegen den Imperialismus
im Nahen Osten.«
Sara Flounders (USA)
Foto: Gabriele Senft
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Sara Flounders vom International Action Center in New York verwies
darauf, daß die Hamas eine in der palästinensischen
Bevölkerung verankerte Massenorganisation ist. Im Westen werde
sie dagegen als terroristische Organisation diffamiert und
verfolgt. »Es tut weh, wenn man die Lügen der
israelischen Armee, der US-Regierung und der EU-Politiker
hört«, so Flounders. »Wenn US-Präsident
George W. Bush die Israelis unterstützt, wissen wir, daß
sie mit ihren Kriegsgründen lügen wie er mit der Mär
von Massenvernichtungswaffen beim Angriff auf den Irak 2003.«
Die Palästinenser hätten das Recht auf Widerstand, das
Recht, Raketen abzufeuern und Tunnel zu graben. Die
Palästinenser würden sich mit den vorhandenen Mitteln
wehren wie die Vietnamesen gegen die US-Armee und die Juden im
Warschauer Ghetto. »Gaza ist das Warschauer Ghetto
heute«, sagte Flounders unter Zustimmung des
Auditoriums.
Amath Dansokho (Senegal)
Foto: Gabriele Senft
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Im Nahen und Mittleren Osten nähmen alle progressiven
Kräfte am Widerstand teil, doch tragend seien häufig
religiöse Gruppen. Dies gelte es zu realisieren und zu
respektieren, forderte die US-Aktivistin. »Wir müssen
die fortschrittlichen Organisationen in der Region
unterstützen, ohne uns von den islamischen zu
distanzieren.« Antiimperialismus und Gegenwehr heute
heiße, »alles zu unterstützen, was die USA und die
NATO schwächt«, so Flounders. Unter anhaltendem Beifall
forderte sie, »wir müssen die Intifada zu uns nach Hause
bringen und eine Kampagne zum Boykott Israels starten«.
Der italienische Philosoph Domenico Losurdo ging in seinem
Grundlagenreferat der Frage nach, wie der Internationalismus heute
gestaltet werden müsse. Trotz der Übermacht und des
barbarischen Einsatzes der israelischen Kriegsmaschinerie, die von
den USA und der EU unterstützt werde, widerstehe das
palästinensische Volk »heldenhaft«. »Die
Solidarität mit dem Märtyrervolk unserer Tage schlechthin
ist ein wesentliches Element des Internationalismus.« Auf
jeweils unterschiedliche Art sei die antikoloniale und
antikapitalistische Revolution in Lateinamerika auf dem Vormarsch -
»und auch ihr gilt unsere internationalistische
Solidarität«. Die imperialistischen Staaten versuchen,
so Losurdo, Kuba wirtschaftlich abzuwürgen und es
möglichst auf eine Art Gaza zu reduzieren, »wo die
Unterdrücker ihre Macht über Leben und Tod nicht nur mit
den terroristischen Bombardierungen, sondern schon mit der
Kontrolle der lebenswichtigen Güter ausüben
können«. Internationale Solidarität
müßten auch Länder wie China und Rußland
erfahren. Auch diese würden dem »wahnwitzigen Plan
Washingtons« Widerstand leisten, die US-Herrschaft weltweit
durchzusetzen.
Domenico Losurdo (Italien)
Foto: Gabriele Senft
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Losurdo erinnerte die Metropolenlinken an ihre Bündnispflicht.
In Europa und in den USA leben bedeutende Gruppen von Immigranten
aus der arabischen und islamischen Welt. »Sie, die oft ihre
Familien zurückgelassen haben, leiden besonders an der
Tragödie, die mehr denn je auf dem palästinensischen Volk
lastet. Sie stehen in vorderster Reihe, um gegen den Kolonialismus
und den Imperialismus, gegen Israel und die USA zu
demonstrieren«, so Losurdo. Der Philosoph fragte
schließlich: »Bemüht sich die westliche Linke
genügend darum, eine enge und permanente Verbindung zu diesen
Gemeinschaften herzustellen?« Diese vernachlässigen zu
wollen, wäre so, als ob in den Vereinigten Staaten der
»white supremacy« die amerikanische kommunistische
Partei bei ihrer Agitation die Schwarzen nicht berücksichtigt
hätte. Man wünschte sich, der Berliner
Linke-Landesvorsitzende Klaus Lederer hätte die Mahnung des
Italieners gehört, bevor er sich entschloß, mit Frank
Henkel (CDU) und Walter Momper (SPD) am Sonntag auf dem
Breitscheidplatz medial vielbeachtet Solidarität mit dem
kriegführenden Israel zu bekunden.
Mit mehr als eineinhalb Tausend Besuchern war das Symposium von
Linken gleichzeitig die größte
Palästina-Solidaritätskonferenz in der BRD seit Jahren.
Auch auf der Podiumsdiskussion über die Politik der EU war der
Gaza-Krieg Thema. An der Debatte »Europäische Union
– das nette Imperium von nebenan?« nahm unter anderem
Lothar Bisky teil. Allein, zum Vorgehen Israels war vom
Vorsitzenden der Partei Die Linke und Spitzenkandidaten für
die Europawahlen leider nichts zu hören.
* Am 28. Januar werden die Vorträge in einer jW-Beilage
in Auszügen abgedruckt, im März erscheint eine
Konferenzdokumentation als Broschüre